Mittwoch, 12. Juni 2013

Lebe glücklich, lebe froh...

Als meine Schwester, meine Kusinen und ich klein waren, hat uns unsere Oma bei jedem Kummer, bei jedem Schmerz, den wir hatten, einen Spruch aufgesagt, der sich mir bis heute eingeprägt hat.


"Lebe glücklich, lebe froh,
wie die Maus im Haferstroh!"


Das mag zwar vielleicht auf den ersten Blick nicht wie der weiseste aller Sprüche klingen. Aber auf uns hat er seine Wirkung nie verfehlt. Er hat uns immer zum Lachen gebracht.
Was wir damals nicht verstanden haben, das war die Aussage, die ich heute wahrnehme, nämlich dass wir in jedem Augenblick, in dem wir nicht leben wie die Maus im Haferstroh, nicht im Hier und Jetzt sind.

Meine Oma

Samstag, 27. April 2013

Im Licht der Dankbarkeit

Schließe deine Augen
und komme ganz bei dir an.
Atme ruhig und gleichmäßig…
spüre, wie dein Atem dich trägt…
wie mit jedem Ausatmen
Anspannung weicht.
Sorge dafür, dass du bequem liegst.
Dein Körper darf loslassen…
dein Geist darf still werden.
Mit jedem Atemzug sinkst du tiefer in die Entspannung.
Du atmest aus,
was du nicht mehr brauchst:
Belastendes…
Gedanken, die dich ablenken…
Gefühle, die dir nicht guttun.
Was bleibt, ist ein weiter Raum –
erfüllt von Frieden,
von Freude
und von stiller Dankbarkeit.

Ich bin dankbar –
für jeden einzelnen Tag meines Lebens.
Für das Licht, das mich umgibt
und meinen Weg erhellt.
Für Erfahrungen, die mich wachsen lassen
und meine innere Entwicklung fördern.
Für Erfolge, die mein Vertrauen in mich selbst stärken –
und für die Misserfolge,
aus denen ich Demut und Einsicht schöpfe.
Für den Sieg, der mich vorwärts trägt,
und die Niederlage,
die mich aufrecht bleiben lässt.
Für die Kraft,
nach Momenten der Mutlosigkeit wieder aufzustehen
und „Ja“ zu sagen zum Leben.
Für meine Sinne,
mit denen ich die Welt in all ihrer Schönheit erfahre…

Ich bin dankbar –
für Gespräche, die mein Herz berühren
und meine Sicht auf die Welt erweitern.
Für die Einsicht,
dass ich mir selbst immer wieder neu begegnen darf.
Für Liebe und Zuneigung,
die mir täglich auf leise oder deutliche Weise geschenkt werden.
Für Empathie und Verstehen –
und dafür, dass das Leben mich lehrt,
beides immer wieder neu zu üben.
Für das Verständnis, das mir entgegengebracht wird,
und für das tiefe Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen.
Für Lachen, das befreit –
und Fröhlichkeit, die mich durchströmt.
Für Gemeinschaft, die trägt,
und Einsamkeit,
in der ich meiner eigenen Tiefe begegne.
Für meine Fähigkeit, zu staunen,
und für die Begeisterung,
die mein Innerstes zum Leuchten bringt.
Für die verschwenderische Fülle der Natur –
für ihren Überfluss und ihre unerschöpfliche Großzügigkeit.

Ich bin dankbar –
für die junge, ungestüme Kraft des Frühlings,
wenn das Leben in Knospen und Keimen erwacht
und dem Licht entgegenstrebt.
Für das goldene Strahlen der Sommertage,
die Fülle und Wärme in alles bringen.
Für die reife Farbenpracht des Herbstes,
in der das Loslassen ein stilles Fest wird.
Für die dämmrige Ruhe des Winters,
die mich nach innen führt und mich lehrt, still zu werden.

Ich danke für die Zeit der Geselligkeit,
in der ich mich verbunden fühle,
und für die Zeit des Rückzugs,
in der ich zu mir selbst finde.

Für die Kraft der Stabilität,
die mir Sicherheit schenkt,
und für den Wandel,
der mein Herz für neue Wege öffnet.

Ich bin dankbar –
für Ruhe, die mich sammelt,
und für Stille, die mich heilt.
Für den Sturm, der mich prüft,
und das Glück, das leise kommt.
Für all das – und noch so viel mehr –
möchte ich von Herzen danken.

Ich danke jedem Menschen,
der mich ein Stück meines Weges begleitet –
mit Worten, mit Schweigen, mit seinem Sein.

Ich danke meinen Eltern,
für ihre schützende Fürsorge,
für ihre Begleitung auf meinen ersten Schritten durchs Leben.

Ich danke meiner Familie,
deren Arme offen sind,
wenn ich Heimat brauche.

Ich danke meinen Freunden,
die mein Leben mit Licht und Lachen füllen,
und selbst jenen, die mir unbequem sind –
denn sie lehren mich Geduld, Mitgefühl und Vergebung.

Ich danke allen,
die mir ihr Vertrauen schenken,
die mich trösten, wenn ich falle,
und mit mir das Leben feiern, wenn es tanzt.

Ich bin dankbar für den Frieden in meinem Land,
für die Freiheit, in der ich denken, glauben, sprechen, wachsen darf.

Ich bin dankbar für meinen Körper –
für seine Kraft, seine Sprache, seine Fähigkeit, sich zu erneuern.

Ich bin dankbar, auf dieser Erde zu leben –
inmitten all ihrer Schönheit,
ihrer Vielfalt, ihrer unerschöpflichen Gaben.

Ich danke für Nahrung,
für ein Dach über dem Kopf,
für Wärme, Wasser und Licht.

Ich bin dankbar für die Fähigkeit,
mitzufühlen, freundlich zu sein und tolerant zu bleiben.

Ich danke für Sonnenschein und Regen –
beide schenken Wachstum.

Ich danke für die Freiheit,
in jedem Moment neu zu wählen.

Für jeden Morgen, an dem ich erwache,
für jede Entscheidung, die ich treffen darf,
für all die Möglichkeiten,
die sich mir immer wieder zeigen.

Für jeden stillen, lebendigen Augenblick meines Seins –
danke ich aus tiefstem Herzen.

Ich danke allen Wesen,
die mir Licht auf meinem Weg schenken –
durch Liebe, durch Weisheit, durch ihr einfaches Dasein.

Möge dieses Leben auf Erden
frei sein von Angst,
frei von Hass und Feindschaft.

Mögen alle Wesen glücklich sein –
die großen und die kleinen,
die starken und die verletzlichen,
die sichtbaren und die verborgenen,
die geborenen und die noch ungeborenen.

Mögen ihre Herzen erfüllt sein von Freude,
von Frieden, von Liebe.

Dafür danke ich –
still, ehrfürchtig und aus ganzem Herzen.

 

(aus dem Buch "Fügel der Fantasie")




Mittwoch, 17. April 2013

In der Fülle leben ist keine Hexerei

Vielleicht ist es nicht die Welt, die sich ändern muss.

Vielleicht reicht es, wenn wir beginnen, unsere Geschichte neu zu erzählen.

Oft halten wir an Überzeugungen fest, die wir für unumstößliche Wahrheiten halten – weil sie unserer bisherigen Erfahrung entsprechen. Doch gerade dadurch erschaffen wir immer wieder dieselbe Realität.
Wenn wir aber beginnen, unsere Gedanken zu verändern, beginnt sich auch unser Leben zu wandeln.

Eine wunderbare Übung dazu stammt aus dem Buch „The Law of Attraction – Geld“ von Esther und Jerry Hicks. Darin spricht Abraham über den Zugang zur Fülle unseres Lebens:

„Wenn wir dir aus unserer Sicht die Natur der Fülle deines Universums erklären und die potenzielle Fülle, die dir immer zur Verfügung steht, ist uns klar:
Unser Wissen wird nicht automatisch zu deinem – nur weil du unsere Worte liest.
Selbst wenn du versuchst, zu vertrauen oder zu verstehen, wirst du es nicht einfach übernehmen können.
Denn wahres Wissen entsteht durch eigene Erfahrung.

Deine Überzeugungen, gewachsen aus deinen bisherigen Erfahrungen, sind stark. Und wir verstehen, dass du sie nicht einfach über Bord werfen und durch neue ersetzen kannst – selbst wenn wir wissen, dass es viele kraftvolle, unterstützende Gedanken gäbe, die dir dienen könnten.

Aber es gibt etwas, womit du heute beginnen kannst – etwas, das dein Leben verändern wird, ohne dass du gleich alles glauben musst:

Erzähl eine neue Geschichte.
Eine, die sich besser anfühlt.

Schreib sie nicht wie einen nüchternen Tatsachenbericht, der das Für und Wider deiner bisherigen Realität abwägt.
Sondern erzähle die erhebende, fantasievolle, märchenhafte Geschichte vom Wunder deines eigenen Lebens – und sieh zu, was geschieht.

Es wird sich anfühlen wie Magie.
Aber es ist keine Hexerei.
Es ist das Gesetz des Universums – und deine bewusste Entscheidung, dich mit ihm in Einklang zu bringen.“

Und vielleicht wirst auch du irgendwann sagen können:
Ich habe meine Geschichte neu erzählt – und mein Leben hat zu leuchten begonnen.



Sonntag, 14. April 2013

Dankbarkeit als Lebenseinstellung

Manche Dinge sind leise.

So leise, dass man sie erst hört,
wenn man selbst still wird.
Dankbarkeit ist so etwas.

Sie drängt sich nicht auf,
sie schreit nicht nach Aufmerksamkeit.
Und doch verändert sie alles,
wenn man ihr Raum gibt.

In einer Welt, die oft laut ist,
und in der Mangel mehr Beachtung findet als Fülle,
ist Dankbarkeit wie ein stiller, goldener Faden,
der unser Leben zusammenhält –
auch dann, wenn wir es gar nicht merken.

Und genau darum geht es in diesem Text.
Um eine Haltung.
Eine Rückkehr.
Ein Erkennen.
Vielleicht auch um ein kleines Staunen.

Eine französische Schriftstellerin – ich glaube, es war Sidonie-Gabrielle Colette – soll einmal gesagt haben: „Wie wundervoll mein Leben doch gewesen ist – ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“

Dankbarkeit.
Dankbar zu sein für all das, was da ist, was unser Leben bereichert –
wie leicht ist das eigentlich?
Oder wie schwer?

Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach nur dankbar zu sein?

Dankbarkeit ist leider nichts, was wir als Kinder wirklich lernen.
Was wir lernen, ist die erzwungene Dankbarkeit:
„Nun sag doch danke!“
„Ich tu alles für dich – und du bist nur undankbar!“
„Wir rackern uns ab, damit es dir einmal besser geht!“
„Andere Kinder wären froh, wenn sie das hätten!“

Diese Form von müssen, die uns oft früh begegnet,
hat vielen die Freude an der Dankbarkeit verdorben.
Sie hat sie zu einer Pflicht gemacht.
Zu einer Reaktion auf Schuld.
Und so kommt es, dass wir die Geschenke,
die uns das Leben täglich vor die Füße legt,
manchmal gar nicht mehr erkennen.

Und doch:
Es gibt sie.
Auch in meinem Leben. Auch in deinem.

Diese sonnigen Augenblicke –
Momente der Freude, der Lebendigkeit, des Staunens.
Sie ziehen wie ein goldener Faden durch unsere Tage.
Und wenn wir beginnen, diesen Faden wieder wahrzunehmen,
dann ist das echte Dankbarkeit.
Nicht auferlegt,
sondern aus dem Herzen geboren.

Dankbarkeit ist ein kraftvolles Gefühl.
Ein Gefühl, das nicht an äußere Umstände gebunden ist,
sondern tief im Inneren wurzelt.
Sie bringt Frieden,
Zufriedenheit,
und eine stille Freude,
die selbst Gedanken des Mangels verwandelt –
in Zuversicht, Vertrauen,
und manchmal sogar in Wunder.

Den Tag mit Dankbarkeit zu beginnen –
ein leises Danke für das Leben,
für seine Möglichkeiten,
seine Gaben, seine Wege –
verändert alles.

Denn wenn du deine Sichtweise veränderst,
verändert sich dein Leben.

Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit –
„Mann und Frau im Essigkrug“ von Ludwig Bechstein.
Meine Mutter hat sie mir erzählt.
Ein Mann und eine Frau lebten in einem Essigkrug.
Ein goldenes Vögelchen beschenkte sie:
zuerst mit einem kleinen Haus,
dann mit einem Bauernhof,
schließlich mit einem Stadthaus, einem Schloss,
und zuletzt mit einem Königreich.

Doch sie konnten keine Dankbarkeit empfinden.
Nie war es genug.
Und so endete ihre Reise –
genau dort, wo sie begonnen hatte:
im Essigkrug.

Es wäre doch traurig,
erst am letzten Tag des Lebens zu bemerken,
wie schön es war.

Vielleicht ist genau heute der Tag,
an dem wir es bemerken dürfen.
Und einfach sagen:
Danke.

Dankbarkeit ist kein Ziel, das man erreichen muss.
Sie ist eine Art zu gehen.
Eine Art zu schauen.
Eine Art zu leben.

Sie braucht keine perfekten Umstände –
nur ein waches Herz.

Und vielleicht genügt manchmal schon
ein leiser Blick in den Himmel,
ein zärtlicher Gedanke an einen geliebten Menschen,
oder der stille Satz:
„Wie wundervoll mein Leben doch ist – ich bin so dankbar, dass ich es erkenne.“

 



Verantwortung für das eigene Leben

Nicht immer gestaltet sich unser Leben so, wie wir es uns wünschen. Und oft suchen wir die Gründe dafür im Außen – bei anderen Menschen, den Umständen, unserer Vergangenheit oder gar unseren Genen.
Zwar tragen wir die Verantwortung für unser Leben – doch nicht immer auch für unser Erschaffen.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, die Veranwortung für alles zu übernehmen, das in unserem Leben geschieht.

Aber wie, bitte schön, sollen wir Verantwortung übernehmen für den Nachbarn, der uns das Leben zur Hölle macht?
Es kann doch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt – oder etwa doch?

Wie sollen wir Verantwortung übernehmen für die Arbeitslosigkeit im Land? Für unfähige Politiker?
Für eine miserable Beziehung, an der – wie jeder sehen kann – doch ganz eindeutig der Partner schuld ist?
Er ist doch fremdgegangen. Er betrinkt sich. Oder was auch immer.

Und unsere miese Kindheit? Dafür können wir doch wirklich nichts. Wir haben uns unsere Eltern schließlich nicht ausgesucht.

Wir suchen die Gründe für unser Unglücklichsein oft überall – nur nicht in uns selbst.
Dabei mag es noch so sehr den Anschein haben, dass all die belastenden Dinge im Außen geschehen und wir lediglich die hilflosen Opfer sind – doch sie geschehen in unserem Leben.
Und weil sie Teil unseres Lebens sind, sind sie auch Teil von uns.
Nur wenn wir bereit sind, die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, können wir etwas verändern.
Denn wenn wirklich jemand anders schuld wäre – wie könnten wir dann jemals etwas wandeln?

Es kann uns niemand „unglücklich machen“. Und niemand kann uns Schmerz zufügen – außer, wir tragen den Schmerz bereits in uns. Andere können allenfalls einen Finger auf eine Wunde legen, die ohnehin schon da ist.

Wenn wir mit einem Thema keine innere Resonanz haben, berührt es uns nicht. Um uns abgelehnt zu fühlen, müssen wir das Gefühl des Abgelehntseins bereits kennen und in uns tragen.

Der „böse Nachbar“ etwa könnte uns gar nicht aufregen, wenn sein Geschimpfe nicht einen wunden Punkt in uns berühren würde. Nicht das, was er sagt, verletzt uns – sondern das, was wir darüber denken.
Unser eigenes Denken, unser Urteilen ist es, das uns das Gefühl von Unglück beschert.

Somit bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, die Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen.

Und genau hier möchte ich nun ansetzen.
Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Schuld. Sondern mit Achtsamkeit.
Mit einem liebevollen Blick auf das, was in uns wirkt – und was wir daraus machen.
Step by step. In aller Ruhe. Und mit dem Mut, uns selbst wirklich zu begegnen.




Mittwoch, 28. November 2012

Weisheit aus China

Solange du dem anderen sein Anderssein 
nicht verzeihen kannst, 
bist du noch weit ab vom Weg der Weisheit!


Mittwoch, 1. August 2012

Die Steckbuchstaben

Sie saß in einem eleganten grauen Seidenkleid neben ihm im Landrover, ein schwungvoller Hut derselben Farbe zierte ihr Haupt. Janosch warf ihr mehrfach verstohlene Blicke zu, öffnete den Mund, um ein Gespräch zu beginnen – und schloss ihn wieder. Ihre distanzierte Vornehmheit schüchterte ihn ein. Und so schwieg er.

Er war in diesem Dorf geboren, aufgewachsen zwischen Kühen, Schafen und Pferden, umgeben von bodenständigen Frauen mit festen Händen und herzlichem Lachen. Doch dieses zarte, graue Geschöpf auf dem Beifahrersitz – es wirkte auf ihn wie eine verlorengegangene Flaumfeder.

Wie alt mochte sie sein? Sechzig? Oder schon siebzig?
Er sah sie unsicher an.
Sie bemerkte seinen Blick – und schenkte ihm ein gnädiges Lächeln.

Endlich wagte er es, das Gespräch zu beginnen.
„Es ist heiß heute“, murmelte er, „und der Weg von der Bahnstation ins Dorf ist weit.“

Sie nickte zustimmend. „Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich abgeholt haben. Der Weg zu Fuß hätte mir Mühe bereitet.“

Janosch wusste nicht recht, was er darauf sagen sollte – doch das war auch nicht nötig. Denn sie sprach gleich weiter, ohne Pause:

„Sie müssen wissen, zweimal im Jahr mache ich eine Reise. Im Frühling fahre ich in die Berge, und im Herbst verbringe ich meinen Urlaub auf einem Bauernhof. Das ist mir zu einer lieben Gewohnheit geworden. Zu Hause führe ich ein sehr einfaches Leben – seit Oskar tot ist.“

Janosch nickte verständnisvoll. Was ein einfaches Leben bedeutete, das wusste er nur zu gut.

„Oberregierungsrat Oskar Zimmermann war mein Mann“, erzählte sie weiter.
„Ich nannte ihn Herzi – eine persönliche Abkürzung für Herr Zimmermann.“

Janosch verstand den Zusammenhang nicht ganz, beschloss aber, es auf alle Fälle gut zu finden.

„Er starb vor acht Jahren“, fügte sie hinzu – und schwieg.

Janosch schwieg auch. Sie sah ihn auffordernd an. So öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch es fiel ihm nichts ein.
Ein Beileid nach acht Jahren auszusprechen, erschien ihm irgendwie lächerlich.

Also wartete er – aber sie schwieg beharrlich weiter.

Unruhe stieg in ihm auf. Nervosität. Schließlich murmelte er rasch und undeutlich:
„Mein Beileid.“

„Danke“, erwiderte sie hoheitsvoll – und fuhr fort.

„Er war ein guter Mann, mein Oskar. Es gibt so viele schlechte Menschen auf dieser Welt – aber ausgerechnet mein Oskar musste sterben.“

Sie sah Janosch an, als trage er Mitschuld, und er zog instinktiv den Kopf ein.

„Es sterben immer die Guten“, sagte sie langsam, mit Nachdruck. „Das hat mein Oskar nicht verdient.“

„Die Schlechten sterben auch“, wagte Janosch leise einzuwenden, doch sie überhörte ihn konsequent.

Ein kurzer, missbilligender Blick – dann sprach sie weiter:

„Mein Oskar war ein gebildeter Mann. Schließlich war er Oberregierungsrat. Das stand auch auf dem Türschild seines Arbeitszimmers im Ministerium – kleine weiße Steckbuchstaben auf schwarzem Grund.“

Sie lächelte versonnen bei der Erinnerung.

„Ja“, fuhr sie fort, „doch dann kam dieser unheilvolle Tag. Die Wirtschaft stagnierte seit geraumer Zeit – überall wurde gespart. Sogar bei den Steckbuchstaben im Ministerium.

Eines Morgens wurden sämtliche überflüssigen Buchstaben abmontiert und eingesammelt.

Und plötzlich stand an Oskars Tür nur noch sein Name – in nüchternen Großbuchstaben: OSKAR ZIMMERMANN. Das hat ihm das Herz gebrochen.“

In Janoschs Kopf arbeitete es. Er konnte die Tragweite dieser Veränderung wirklich nicht begreifen.

An seiner eigenen Haustür stand überhaupt kein Name – die Vorstellung, dort weiße Steckbuchstaben anzubringen, schien ihm absurd - ja geradezu lächerlich.

JANOSCH DAMPFHOFER – in Großbuchstaben! Seine Frau Theres hätte ihn wohl für narrisch erklärt.

Die graue Flaumfeder-Frau sah ihn an und seufzte leise.

„Er hatte so wenig Freude im Leben. Nur seine Arbeit, unseren Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und mich. Und dann waren da noch seine Steckbuchstaben.“

Sie hielt kurz inne.

„An jenem Morgen kam er wie immer pünktlich ins Ministerium. Doch auf dem Schild an seiner Bürotür stand plötzlich nur noch sein Name. Die Buchstaben für Oberregierungsrat – einfach abmontiert. Er stand da. Lange. Starrte das Schild an, als wollte er es mit seinem Blick wieder ganz machen. Dann liefen ihm Tränen übers Gesicht.“

Janosch spürte, wie ihn das Bild traf – nicht wegen der Buchstaben, sondern wegen der Tränen.

„Er drehte sich um und ging nach Hause. Und von da an, Janosch – von da an ging es mit ihm bergab. Er ging zwar weiter ins Ministerium, Tag für Tag, pflichtbewusst wie immer. Aber er war nicht mehr derselbe.“

Janosch hätte gerne etwas gesagt. Aber er wusste beim besten Willen nicht, was.

„Ich kochte ihm täglich sein Lieblingsessen. Ich lud seine alten Freunde ein, veranstaltete kleine Feste – sogar einen guten Psychotherapeuten suchte ich ihm.

Ich bastelte Transparente, mit denen er vor dem Ministerium demonstrieren konnte. Gegen die willkürliche Entfernung der Steckbuchstaben,

Und ich kaufte ihm ein kleines Schild für unsere Schlafzimmertür – mit neuen Buchstaben: OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.

Aber nichts davon konnte ihn wirklich trösten.“

Sie blickte aus dem Fenster, als suchte sie dort seine verlorene Würde.

„Ach, ich hätte mein Leben gegeben, wenn ich ihm dadurch sein Schild im Ministerium wiedergeben hätte können.“

Ihre Stimme wurde weicher.

„Als ich ihm das sagte, sah er mich mit Tränen in den Augen an: ‚Das würdest du für mich tun, Adele? Das würdest du wirklich für mich tun? Eine größere Freude könntest du mir nicht machen…‘

Ja, so war er, mein Oskar. So leicht zu erfreuen.

Wie ein Kind.“

Janosch kratzte sich am Kopf. In seinem Inneren wirbelten die Worte der Dame durcheinander – er versuchte, das Gehörte zu ordnen, doch es wollte sich einfach nicht fügen.

„Irgendwann hörte er auf, zur Arbeit zu gehen“, fuhr sie fort. „Stattdessen machte er lange, einsame Spaziergänge mit Kaiser Wilhelm. Viele Stunden am Tag.“
Sie seufzte leise.
„Kaiser Wilhelm war ein kleiner, zarter Hund – ein Rehpinscher mit schwacher Lunge. Die Strapazen dieser Wanderungen waren zu viel für ihn. Er starb an Erschöpfung. Und Oskar wurde noch ein wenig stiller. Von da an ging er allein.“

Janosch schüttelte ungläubig den Kopf. „Und das alles  wegen dieser Steckbuchstaben?“

Die graue Dame nickte langsam. „Adele…“, hatte er oft gesagt, „…mein ganzes Leben habe ich dem Ministerium gewidmet. Dem Staat treu gedient. In Ehren Oberregierungsrat geworden. Und nun bin ich ihnen nicht einmal mehr ein paar Buchstaben wert.“

„Eine Affenschande ist das“, murmelte Janosch. Er schüttelte erneut den Kopf – weniger aus Empörung als aus Verwirrung. Denn wirklich begriffen hatte er es immer noch nicht.

„Und eines Tages starb er dann“, fuhr sie fort. „Ganz still. Ohne Aufsehen. Er legte sich einfach hin – und starb.“

Sie machte eine Pause. „Und schuld war das Ministerium.“
Ihr Blick wurde nachdenklich. „Als ich dann um eine Entschädigung ersuchte – für den frühen Tod meines Oskars – wies man mich brüsk ab. Niemand wollte etwas davon wissen, dass man ihn mit dem Entzug seiner Steckbuchstaben langsam und unaufhaltsam in den Tod getrieben hatte.“
Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust.

„Er ist wirklich wegen dieser Steckbuchstaben gestorben?“ Janosch starrte sie fassungslos an. Fast wäre er dabei in den Graben gefahren.
„Ja“, erwiderte sie mit Nachdruck. „Er hatte eben Prinzipien!“
Mit ernster Miene nickte sie mehrmals. „Und auf seinem Grabstein – ganz in Goldbuchstaben – steht nun:
OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.“

„Die kann ihm nun ja wohl keiner mehr wegnehmen“, murmelte Janosch mitfühlend. Ihm war diese ganze Buchstabengeschichte zwar immer noch nicht verständlich, aber langsam in seinem Hinterkopf begann er zu begreifen, wie einsam ein Mensch sein musste, dessen Lebensinhalt das Ministerium, diese graue Frau, der Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und diese Steckbuchstaben waren.

Er dachte an seine eigene Welt – an all die Mühen, die ihn oft zermürbten, an Theres, seine Frau, deren Durchsetzungsvermögen er schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit fürchtete, die aber auf ihre ruppige Weise zu ihm gehörte wie der Stall zum Hof.
Er dachte an seine Kinder, seine Freunde, an all die Menschen, die sein Leben belebten, herausforderten, nervten – und beschenkten.

Und plötzlich stieg etwas in ihm auf, das er lange nicht mehr gespürt hatte: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, dass sein Leben niemals  an ein paar nicht vorhandenen „Steckbuchstaben“ scheitern würde.  Und Dankbarkeit für jedes Problem, das er lösen konnte, ohne sich dafür hinlegen und sterben zu müssen.

Er wandte den Blick von der Straße kurz zu der Frau neben sich.
Er sah ihre gepflegte Blässe, ihren Hut, ihre verblichene Würde –
und dann lächelte er. Ein warmes, leises, verstehendes Lächeln.

Und lächelnd fuhr er die letzten Meter bis zu seinem Hof.




Montag, 29. November 2010

Hühnersuppe für die Seele

"Der umarmende Richter"

Don´t bug me! Hug me! 

Lee Shapiro ist Richter im Ruhestand. Er ist auch einer der am meisten wirklich liebenden Menschen, die wir kennen.
An einem Punkt in seiner Karriere erkannte Lee, dass Liebe die größte Macht ist, die es gibt. In der Folge wurde Lee ein Umarmer. Er fing an, jedem eine Umarmung anzubieten. Seine Kollegen tauften ihn "den umarmenden Richter" (im Gegensatz zum "hängenden Richter", wie wir vermuten.) Der Aufkleber an seinem Auto lautet: "Geh mir nicht auf die Nerven! Nimm mich in den Arm!"
Ungefähr vor sechs Jahren erfand Lee, was er seinen "Herz-Beutel" nannte. Auf der Außenseite steht: "Ein Herz für eine Umarmung." Innen enthält er dreißig kleine rote, bestickte Herzen mit Klebefilm auf der Rückseite. Lee nimmt seinen Herz-Beutel, geht unter Menschen und bietet ihnen ein kleines rotes Herz im Tausch für eine Umarmung an.
Lee ist deswegen so bekannt geworden, dass er oft zu Konferenzen und Versammlungen eingeladen wird, wo er seine Botschaft der bedingungslosen Liebe vermittelt. Bei einer Konferenz in San Francisco forderte ihn der lokale Nachrichtensender heraus: "Es ist leicht, hier in der Konferenz Leute in den Arm zu nehmen, die selbst gewählt haben, hier zu sein. Aber in der wirklichen Welt funktioniert das nie,"
Sie forderten Lee auf, auf den Straßen von San Francisco Umarmungen anzubieten. Gefolgt von einem Fernsehteam des lokalen Nachrichtensenders, ging Lee auf die Straße. Zuerst näherte er sich einer vorbeigehenden Frau. "Hallo, ich bin Lee Shapiro, der umarmende Richter. Ich gebe diese Herzen im Tausch für eine Umarmung." "Klar", erwiderte sie. "Zu einfach", wandte der lokale Kommentator ein. Lee sah sich um. Er sah eine Politesse, die es mit dem Besitzer eines BMW nicht leicht hatte, dem sie einen Strafzettel gab. Er marschierte auf sie zu, das Kamerateam im Schlepptau, und sagte: "Sie sehen aus, als ob Sie eine Umarmung gebrauchen könnten. Ich bin der umarmende Richter, und biete Ihnen eine an." Sie akzeptierte sie.
Der Fernsehkommentator forderte ihn eine letztes Mal auf: "Sehen Sie, da kommt ein Bus. Busfahrer aus San Francisco sind die härtesten, griesgrämigsten, gemeinsten Leute in der ganzen Stadt. Lassen Sie uns sehen, ob Sie ihn dazu kriegen, Sie in den Arm zu nehmen." Lee nahm die Herausforderung an.
Als der Bus an die Bordkante fuhr, sage Lee: "Hallo, ich bin Lee Shapiro, der umarmende Richter. Dies muss einer der anstrengendsten Jobs in der ganzen Welt sein. Ich biete Leuten Umarmungen an, um die Bürde etwas zu erleichtern. Möchten Sie eine?" Der 1,90 Meter große, 104 Kilo schwere Busfahrer kam von seinem Sitz herunter, trat heraus und sagte: "Warum nicht?"
Lee nahm ihn in den Arm, gab ihm ein Herz und winkte zum Abschied, als der Bus abfuhr. Das Fernsehteam war sprachlos. Schließlich sagte der Kommentator: "Ich muss zugeben, ich bin sehr beeindruckt."
Eines Tages erschien Lees Freundin Nancy Johnston vor seiner Tür. Nancy ist ein professioneller Clown, und sie trug ihr Clownkostüm mit Schminke und allem. "Lee, nimm dir ein paar von deinen Herz-Beuteln, und lass uns zum Behindertenheim gehen."
Als sie in dem Heim ankamen, fingen sie an, Ballonhüte, Herzen und Umarmungen an die Patienten zu verteilen. Lee fühlte sich unbehaglich. Er hatte noch nie zuvor Leute umarmt, die unheilbar krank, schwer zurückgeblieben oder Tetraplegiker waren. Es war eine ziemliche Anstrengung. Aber nach einer Weile wurde es einfacher für Nancy und Lee, die inzwischen ein Gefolge von Ärzten, Schwestern und Pfleger hatten, die ihnen von Station zu Station folgten.
Nach etlichen Stunden erreichten sie die letzte Station. Dies waren 34 der schwerste Fälle, die Lee in seinem Leben gesehen hatte. Das Gefühl war so bitter, dass es ihm den Mut nahm.
Aber aus ihrer Verpflichtung heraus, ihre Liebe zu teilen und etwas zu verändern, fingen Nancy und Lee an, sich durch den Raum zu arbeiten, das medizinische Personal im Gefolge, von dem jeder inzwischen ein Herz an seinem Kragen und eine Ballonhut auf dem Kopf hatte.
Schließlich kam Lee zu dem letzten Patienten, Leonhard. Leonhard trug ein großes weißes Lätzchen, auf das er sabberte. Lee sah Leonhard an, der auf sein Lätzchen tropfte, und sagte: "Lass uns gehen Nancy, es gibt keine Möglichkeit, zu diesem Menschen durchzudringen." Nancy erwiderte: "Komm schon, Lee, er ist auch ein Mitmensch, oder nicht?" Dann setzte sie einen lustigen Ballonhut auf seinen Kopf. Lee nahm eines seiner kleinen roten Herzen und setzte es auf Leonhards Lätzchen. Er holte tief Atem, beugte sich hinunter und nahm Leonard in den Arm.
Plötzlich begann Leonhard zu kreischen: "Iiiiihh! Iiiiihh!" Einige der anderen Patienten im Raum begannen, mit Gegenständen zu klappern. Lee wandte sich um eine Art Erklärung and das Personal und konnte nur feststellen, dass alle Ärzte, Schwestern und Pfleger weinten. Lee fragte die Oberschwester: "Was geht hier vor?"
Lee wird nie vergessen, was sie sagte: "Dies ist das erste Mal in 23 Jahren, dass wir Leonhard haben lächeln sehen."
Wie einfach ist es, im Leben anderer etwas zu verändern.
Jack Canfield und Mark V. Hansen"

Quelle: Jack Canfield, Mark Victor Hansen: Hühnersuppe für die Seele, Geschichten, die das Herz erwärmen, Arkana/Goldmann



Sonntag, 8. November 2009

Mein ältestes Buch

Dieses Buch bekam ich geschenkt, als ich etwa 10 Jahre alt war. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert, und leider beginnt es langsam, zu zerfallen. Ich nehme es, um es zu schonen, nur mehr selten zur Hand. Schade eigentlich, denn es ist voll mit guten Ratschlägen und Heilmethoden, bei denen es heute jedem wackeren Schulmediziner "die Schuhe ausziehen" würde.



Mittwoch, 17. September 2008

Der Schrei

Ich friere. Das Erwachen ist ernüchternd und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in meinem Bewusstsein, meinem Körper…

Noch wage ich nicht, die Augen zu öffnen und mich der Realität zu stellen… 

-

…da ist dieser See. Ich bin allein hier. Gerade noch war der Himmel blau. Die Luft zittert und ich ahne den Sturm eher als dass ich tatsächliche Anzeichen bemerke. Er ist da. Er klebt an einer der hoch aufragenden Felswände und verhält sich still. So, als wolle er mich in Sicherheit wiegen.

Ich starre auf die grüne, glatte Oberfläche des Sees.  Ein Windhauch berührt mich oberflächlich, wie absichtslos. Ich fühle mich wie zum Zerreißen gespannt. Der See erstreckt sich riesengroß zum Wald hin und ich kann das andere Ufer kaum erkennen. Die Stille ist beklemmend und fast schmerzlich. Ein braunes Blatt entfernt sich plötzlich und ruckartig aus der Gemeinschaft der anderen Blätter – tanzt eine wilden Wirbel -  und stürzt sich dann kopfüber in den See. Ich warte. Der Tag gleitet langsam an mir vorüber und verschwindet irgendwo weit hinten im Wald. Es ist, als zöge jemand den Vorhang zu und vom Tag ist nichts mehr zu sehen. Es ist dunkel. Und da höre ich es. Aus dem Nichts entwickelt sich ein weiteres Nichts, das sich langsam zu einer schmerzhaft hörbaren Stille formt.

Ich lausche regungslos, gebannt. Ich warte. Und dennoch trifft es mich völlig unvorbereitet, als der Sturm sich mit dröhnendem Geheul von den Felsen herniederstürzt und mich um meine eigene Achse wirbelt, ehe er mich fast zu Boden drückt.

Die Kälte durchdringt beißend meinen Körper. Ich stemme mich mit beiden Beinen in den Boden, um dem Druck des Sturms standzuhalten.

Er rüttelt wütend an mir, reißt an meinen Haaren und an meinen Kleidern. Sein Dröhnen schwillt an zu einem ungeheuren, gewaltigen Schrei. Ich werfe seinen Schrei zurück und höre mit Befriedigung, wie die Bäume hinter mir krachend und knirschend zerbersten wie trockene Kekse zwischen gierig zubeißenden Zähnen.

Verzweifelt versuche ich, den Sturm zu übertönen, der mir jeden Laut von den Lippen fetzt und an die Felsen knallt, ehe ich ihn selbst hören kann.

Ich schreie bis ich heiser bin. Ich schreie, bis die Kraft mich verlässt. Ich schreie mir den Schmerz meiner unendlich vielen Leben aus der Seele. Ich schreie meine Hilflosigkeit und mein Gefangensein gegen die Felswände, an denen sie dröhnend zerfetzt werden.

Mein Schrei vermischt sich mit dem Schrei des Sturmes. Wir werden eins durch diesen Schrei, der Sturm und ich.

Ich wüte und tobe… als kämpfte ich gegen unsichtbare Fesseln

Jeder Versuch mich zu befreien muss zwangsläufig scheitern. Mein Zerren und Reißen an den Ketten ähnelt  dem sinnlosen Kampf einer Fliege, die sich in einem Spinnennetz gefangen hat. Ein hilfloses Zappeln, das in Resignation und Ermattung endet. Ein Blick in die Augen der geduldig wartenden Spinne nimmt der erschöpften Fliege den letzten Rest von Mut. Keine Regung ist zu sehen. Keine Aggression, kein Mitgefühl, nichts Böses, nichts Gutes. Nichts. Nur Warten. Geduldiges Warten.

Mein Schrei tobt über den Horizont hinweg und durchfliegt Ewigkeiten, Jahrtausende im Kreis. In Sekundenbruchteilen durchrast er sämtliche Körper, die ich je bewohnt habe.

Und dann –  als würde seine Lebenskraft ihn verlassen - verliert er sich in einem leisen, singenden Ton.

Der Sturm zieht sich zurück – ist Vergangenheit oder Zukunft. Stille  legt sich wie ein kobaltblauer Samtmantel um mich - unendliche Stille.

Und ehe ich ihn sehen oder hören kann, spüre ich Dilmon neben mir. Dilmon, meinen Freund und Lehrer über die Unendlichkeit hinweg. Er steht neben mir und die Sonne malt Farbenspiele in sein silbernes Haar.

Seine Nähe ist warm und beruhigend. Ich warte. Doch Dilmon schweigt.

„Was soll ich tun?“ frage ich schließlich zögernd. Dilmon antwortet lange nicht. Ich warte schweigend.

Schließlich kommt wie von weit her seine Stimme: „Erinnerst du dich?“

Ich denke lange nach. „Nein, ich glaube nicht, Dilmon!“

Dilmon kniet sich in den Sand und beginnt zu zeichnen. Wirre Linien, Chaos, Kreise… und plötzlich formt sich das Bild vor meinem Auge und langsam kehrt die Erinnerung wieder…..

-

…Ich hocke im warmen Sand neben dem prasselnden Feuer. „Aylah!“ Sanft berührt mich Yaros Stimme aus der Dunkelheit. „Komm, lass uns gehen, Aylah! Ich zögere nur kurz. Seit Ewigkeiten bin ich daran gewöhnt, da zu sein wo Yaro ist und seinen Worten zu folgen. Ich blicke zu ihm auf. „Komm Aylah“, wiederholt Yaro. Schweigend erhebe ich mich vom Boden und folge ihm. Bei jedem Schritt schmiegt sich der warme Sand an meine nackten Fußsohlen. Yaro bewegt sich geschmeidig wie ein Tier. Er verschmilzt nahezu mit der Dunkelheit, und dennoch geht ein sanftes Leuchten von ihm aus. Er ist schön.

 „Yaro“, flüstere ich. Er hält an und dreht sich zu mir um. „Yaro, wie viel Zeit ist vergangen, seit ich bei dir bin?“ Yaro sieht auf mich hernieder und schweigt lange. „Was ist Zeit?“ Seine Stimme klingt wie von weit her. Ich blicke wartend zu ihm auf. Jedoch er schweigt. „Du und ich“, sagt er nach einer endlos wirkenden Pause, und es klingt, als fiele das Sprechen ihm schwer, „du und ich, Aylah, wir sind die Vollkommenheit. Warum also fragst du nach Zeit?“

Ich sehe ihn still an. Alles in mir in Schmerz. Der Schmerz, ihn verlassen zu müssen. Der Schmerz, ihn verletzen zu müssen. Ich sehe ihn an. Stumm und hilflos. Mein Blick versinkt in seinen hellen Augen. Und plötzlich ist ungläubiges Erkennen in seinem Blick. „Du willst gehen, Aylah“, flüstert er heiser. „Yaro“, mein Schmerz trifft ihn wie ein vergifteter Pfeil, „wir erleben einander seit vielen tausend Jahren. Wir sind eins geworden. Wir sind der Klang und die Stille, wir sind das Licht und die Dunkelheit, wir sind zwei Seiten einer Münze. Aber wer bist DU? Und wer bin ICH? Wer sind wir außerhalb dieses „WIR“? Ich will es wissen, Yaro. Ich MUSS es wissen. Das Band, das uns aneinander fesselt, mag aus Gold sein, Yaro. Aber es ist dennoch eine Fessel.“

 „Du meinst, dies ist der Preis der Freiheit? Die Erfahrung des Alleinseins? Die Erfahrung des Schmerzes und der Trennung?“ Ich nicke. „Das wird nicht zu umgehen sein.“

Er sagt nichts. Sein Blick ist sanft und voller Verstehen. Unendlich lange sehen wir einander an. Dann löst er seine Augen mühsam von mir und sieht zu Boden. „Muss es heute sein?“ fragt er leise.

„Ja, Yaro.“ Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass es so schmerzen würde. Yaro nickt. „Dann musst du nun wohl gehen, Aylah.“

Warum hält er mich nicht zurück? Warum tut er nichts? Warum lässt er mich einfach gehen? Warum wehrt er sich nicht?

„Yaro…“, beginne ich hilflos, doch dann weiß ich nichts mehr zu sagen. Ich weiß, dass ich gehen muss. Und ich fühle mich müde. Endlos müde.  Mit meinen Gefühlen umschlinge ich Yaro und halte ihn fest. Jedoch mein messerscharfer Verstand trennt das Band, das uns aneinander fesselt, in zwei Teile. Müde und traurig sehe ich, wie die beiden Hälften des goldschimmernden Bandes zu Boden fallen. Yaro zuckt schmerzlich zusammen. Ich möchte meine Arme nach ihm ausstrecken und für alle Zeiten auf Freiheit und Unabhängigkeit verzichten, um diesen Schmerz ungeschehen zu machen. Jedoch ich rühre mich nicht. Starr wie eine Statue stehe ich im warmen Sand und sehe hilflos zu, wie Yaro sich umdreht und in der Nacht verschwindet.

Ich bin nur mehr halb.

-

Durch das Dickicht der Erinnerungen dringt Dilmons Stimme zu mir.  „Wogegen wütest du also noch? Du bist frei, Aylah.“

„War es diesen Preis wert, Dilmon?“ flüstere ich. Tränen rinnen über mein Gesicht.

Dilmon antwortet nicht. Reglos steht er da. Ich bin unfähig eines klaren Gedankens. Ich habe kein Gefühl mehr für Zeit und Raum. Ich merke nicht, dass die Nacht nicht mehr schwarz ist, sondern sich in sanftem Grau verliert.

 Und da plötzlich streckt Dilmon die Hand aus. „Sieh doch, Aylah!“ Und ich sehe es. Ein Leuchten, Strahlen und Funkeln kündigt den neuen Tag an und wie ein Feuerball steigt die Sonne über den Horizont empor. Wärme durchdringt meinen Körper. Ich spüre meine Kraft wiederkehren und meine Daseinsfreude. Und voller Dankbarkeit spüre ich meine Freiheit und Grenzenlosigkeit. Und ich weiß, wann immer Yaro und ich einander wieder begegnen werden, wird es in Freiheit und Grenzenlosigkeit sein.

Ich möchte etwas sagen, doch ich finde keine Worte. „Wenn man keine Worte hat, genügt es auch, zu schweigen!“ höre ich Dilmon flüstern. Und dann geht er durch den weichen Sand davon, ohne mich ein einziges Mal angesehen zu haben.

Meine Blicke folgen ihm, bis er hinter einer Sanddüne verschwindet.

-

Ich friere. Das Erwachen ist ernüchtern und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in meinem Bewusstsein, meinem Körper…

Langsam öffne ich die Augen…

Und erstmals fühle ich – völlig eins mit mir selber – das Auftauchen meiner Seele aus der Dunkelheit in das Strahlen des frühen Morgens.


Freitag, 12. September 2008

My Way

Als ich begann, mich ernsthaft mit meiner eigenen Entwicklung zu beschäftigen, war ich 38 Jahre alt. Meine Mutter war gerade gestorben. Die Zeit, die ihrem Tod vorausgegangen war, war intensiv, fordernd – und für meine Schwester und mich auch emotional sehr belastend. Nachdem sie gegangen war, verspürten wir beide das dringende Bedürfnis, aus dem Haus zu kommen. Raus aus der Schwere, dem Schmerz, der ständigen Gegenwart des Todes. Wir mussten etwas tun, das uns wieder ins Leben holte – am besten sofort.

So kamen wir auf die Idee, gemeinsam einen Kurs zu besuchen.

Meine Schwester – voller Hoffnung auf bislang unentdecktes handwerkliches Geschick – schlug einen Makramee-Kurs vor. Damit konnte ich allerdings nichts anfangen. Ich selbst hatte die romantische Vorstellung, Panflöte zu lernen. Doch das fand wenig Anklang bei meiner Schwester. Also entschieden wir uns für einen Yogakurs. Damit konnten wir wenigstens beide nichts anfangen – und genau das war unsere gemeinsame Basis.

Was folgte, veränderte mein Leben auf eine Weise, die ich nicht geahnt hatte.

Meine Vorstellung von Yoga war naiv. Ich wusste zwar, dass Yoga mehr ist als Sitzen im Lotussitz und entspanntes Atmen – ich wusste auch, dass es körperliche Übungen umfasst. Aber ich war überzeugt, diesen Anforderungen spielend gewachsen zu sein. Immerhin war ich früher sportlich gewesen und hatte nie Zweifel an meiner Beweglichkeit gehegt – auch wenn ich sie in den letzten fünfzehn Jahren nie überprüft hatte. Und ehrlich gesagt: Ich hielt Yoga eher für etwas, das man älteren Damen verschreibt – eine Art Wellness-Turnen im sanften Dämmerlicht.

Im Geiste sah ich mich schon als strahlende Königin einer Runde steifer Pensionistinnen glänzen.

Die Stunde der Wahrheit kam schneller, als mir lieb war.

Zwar war die Gruppe bunt gemischt und keineswegs nur aus jungen oder durchtrainierten Teilnehmern zusammengesetzt. Doch ich war – zu meiner eigenen Überraschung – nicht die strahlende Ausnahme. Im Gegenteil: Ich war steif. Sehr steif. Meine Beine weigerten sich standhaft, sich zu beugen. Ich konnte nicht einmal mit gestreckten Beinen meine Zehen berühren. Mein Körper – jahrelang im Wartestand – hatte sich offenbar an einen Zustand der Bewegungsverweigerung gewöhnt und war nicht bereit, ihn kampflos aufzugeben.

So stand ich da. Illusionen geplatzt. Erkenntnis gewonnen.

Aber etwas in mir war geweckt worden. Eine Entschlossenheit. Ein Wunsch nach Veränderung. Ich begann, mit Hingabe zu üben – und stellte fest, dass nicht nur mein Körper sich nach und nach öffnete. Auch mein Inneres begann sich zu wandeln. Ich lernte, mich selbst wieder wahrzunehmen. Meinen Körper zu spüren. Meine Gefühle zu fühlen. Ich lernte, mich zu entspannen. Und je beweglicher mein Körper wurde, desto mehr kehrte auch Freude in mein Leben zurück. Freude an der Bewegung. Freude an mir selbst. Freude am Dasein.

Zwei Jahre später begann ich die Ausbildung zur Yogalehrerin.

Das war der Anfang eines langen, manchmal leichten, manchmal schmerzhaften – immer aber heilsamen – Weges des bewussten Lernens und inneren Wachstums.

Seit 1995 unterrichte ich nun Yoga. Und ich habe im Laufe der folgenden Jahre noch mehrere Ausbildungen absolviert. So die Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin, die Ausbildung zur Bachblütenberaterin und die Ausbildung zur Mentaltrainerin und Kindermentaltrainerin.

Und ich darf seither viele wunderbare Menschen auf ihrem ganz eigenen Weg begleiten. Menschen, die – wie ich damals – vielleicht aus einem Impuls heraus beginnen, neue Wege einzuschlagen. Menschen, die erkennen, wonach ihre Seele sich sehnt. Menschen, die sich erinnern wollen, wer sie wirklich sind.