Was wir damals nicht verstanden haben, das war die Aussage, die ich heute wahrnehme, nämlich dass wir in jedem Augenblick, in dem wir nicht leben wie die Maus im Haferstroh, nicht im Hier und Jetzt sind.
| Meine Oma |
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Vielleicht ist es nicht die Welt, die sich ändern muss.
Vielleicht reicht es, wenn wir beginnen, unsere Geschichte neu zu erzählen.
Eine wunderbare Übung dazu stammt aus dem Buch „The Law of Attraction – Geld“ von Esther und Jerry Hicks. Darin spricht Abraham über den Zugang zur Fülle unseres Lebens:
„Wenn wir dir aus unserer Sicht die Natur der Fülle deines Universums erklären und die potenzielle Fülle, die dir immer zur Verfügung steht, ist uns klar:Unser Wissen wird nicht automatisch zu deinem – nur weil du unsere Worte liest.Selbst wenn du versuchst, zu vertrauen oder zu verstehen, wirst du es nicht einfach übernehmen können.Denn wahres Wissen entsteht durch eigene Erfahrung.Deine Überzeugungen, gewachsen aus deinen bisherigen Erfahrungen, sind stark. Und wir verstehen, dass du sie nicht einfach über Bord werfen und durch neue ersetzen kannst – selbst wenn wir wissen, dass es viele kraftvolle, unterstützende Gedanken gäbe, die dir dienen könnten.
Aber es gibt etwas, womit du heute beginnen kannst – etwas, das dein Leben verändern wird, ohne dass du gleich alles glauben musst:
Erzähl eine neue Geschichte.Eine, die sich besser anfühlt.Schreib sie nicht wie einen nüchternen Tatsachenbericht, der das Für und Wider deiner bisherigen Realität abwägt.Sondern erzähle die erhebende, fantasievolle, märchenhafte Geschichte vom Wunder deines eigenen Lebens – und sieh zu, was geschieht.Es wird sich anfühlen wie Magie.Aber es ist keine Hexerei.Es ist das Gesetz des Universums – und deine bewusste Entscheidung, dich mit ihm in Einklang zu bringen.“
Manche Dinge sind leise.
So leise, dass man sie erst hört,
wenn man selbst still wird.
Dankbarkeit ist so etwas.
Sie drängt sich nicht auf,
sie schreit nicht nach Aufmerksamkeit.
Und doch verändert sie alles,
wenn man ihr Raum gibt.
In einer Welt, die oft laut ist,
und in der Mangel mehr Beachtung findet als Fülle,
ist Dankbarkeit wie ein stiller, goldener Faden,
der unser Leben zusammenhält –
auch dann, wenn wir es gar nicht merken.
Und genau darum geht es in diesem Text.
Um eine Haltung.
Eine Rückkehr.
Ein Erkennen.
Vielleicht auch um ein kleines Staunen.
Eine französische Schriftstellerin – ich glaube,
es war Sidonie-Gabrielle Colette – soll einmal gesagt haben: „Wie wundervoll
mein Leben doch gewesen ist – ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“
Dankbarkeit.
Dankbar zu sein für all das, was da ist, was unser Leben bereichert –
wie leicht ist das eigentlich?
Oder wie schwer?
Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach
nur dankbar zu sein?
Dankbarkeit ist leider nichts, was wir als Kinder
wirklich lernen.
Was wir lernen, ist die erzwungene Dankbarkeit:
„Nun sag doch danke!“
„Ich tu alles für dich – und du bist nur undankbar!“
„Wir rackern uns ab, damit es dir einmal besser geht!“
„Andere Kinder wären froh, wenn sie das hätten!“
Diese Form von müssen, die uns oft früh
begegnet,
hat vielen die Freude an der Dankbarkeit verdorben.
Sie hat sie zu einer Pflicht gemacht.
Zu einer Reaktion auf Schuld.
Und so kommt es, dass wir die Geschenke,
die uns das Leben täglich vor die Füße legt,
manchmal gar nicht mehr erkennen.
Und doch:
Es gibt sie.
Auch in meinem Leben. Auch in deinem.
Diese sonnigen Augenblicke –
Momente der Freude, der Lebendigkeit, des Staunens.
Sie ziehen wie ein goldener Faden durch unsere Tage.
Und wenn wir beginnen, diesen Faden wieder wahrzunehmen,
dann ist das echte Dankbarkeit.
Nicht auferlegt,
sondern aus dem Herzen geboren.
Dankbarkeit ist ein kraftvolles Gefühl.
Ein Gefühl, das nicht an äußere Umstände gebunden ist,
sondern tief im Inneren wurzelt.
Sie bringt Frieden,
Zufriedenheit,
und eine stille Freude,
die selbst Gedanken des Mangels verwandelt –
in Zuversicht, Vertrauen,
und manchmal sogar in Wunder.
Den Tag mit Dankbarkeit zu beginnen –
ein leises Danke für das Leben,
für seine Möglichkeiten,
seine Gaben, seine Wege –
verändert alles.
Denn wenn du deine Sichtweise veränderst,
verändert sich dein Leben.
Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meiner
Kindheit –
„Mann und Frau im Essigkrug“ von Ludwig Bechstein.
Meine Mutter hat sie mir erzählt.
Ein Mann und eine Frau lebten in einem Essigkrug.
Ein goldenes Vögelchen beschenkte sie:
zuerst mit einem kleinen Haus,
dann mit einem Bauernhof,
schließlich mit einem Stadthaus, einem Schloss,
und zuletzt mit einem Königreich.
Doch sie konnten keine Dankbarkeit empfinden.
Nie war es genug.
Und so endete ihre Reise –
genau dort, wo sie begonnen hatte:
im Essigkrug.
Es wäre doch traurig,
erst am letzten Tag des Lebens zu bemerken,
wie schön es war.
Vielleicht ist genau heute der Tag,
an dem wir es bemerken dürfen.
Und einfach sagen:
Danke.
Dankbarkeit ist kein Ziel, das man erreichen muss.
Sie ist eine Art zu gehen.
Eine Art zu schauen.
Eine Art zu leben.
Sie braucht keine perfekten Umstände –
nur ein waches Herz.
Und vielleicht genügt manchmal schon
ein leiser Blick in den Himmel,
ein zärtlicher Gedanke an einen geliebten Menschen,
oder der stille Satz:
„Wie wundervoll mein Leben doch ist – ich
bin so dankbar, dass ich es erkenne.“
Aber wie, bitte schön, sollen wir Verantwortung übernehmen für den Nachbarn, der uns das Leben zur Hölle macht?
Es kann doch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt – oder etwa doch?
Wie sollen wir Verantwortung übernehmen für die Arbeitslosigkeit im Land? Für unfähige Politiker?
Für eine miserable Beziehung, an der – wie jeder sehen kann – doch ganz eindeutig der Partner schuld ist?
Er ist doch fremdgegangen. Er betrinkt sich. Oder was auch immer.
Und unsere miese Kindheit? Dafür können wir doch wirklich nichts. Wir haben uns unsere Eltern schließlich nicht ausgesucht.
Es kann uns niemand „unglücklich machen“. Und niemand kann uns Schmerz zufügen – außer, wir tragen den Schmerz bereits in uns. Andere können allenfalls einen Finger auf eine Wunde legen, die ohnehin schon da ist.
Wenn wir mit einem Thema keine innere Resonanz haben, berührt es uns nicht. Um uns abgelehnt zu fühlen, müssen wir das Gefühl des Abgelehntseins bereits kennen und in uns tragen.
Der „böse Nachbar“ etwa könnte uns gar nicht aufregen, wenn sein Geschimpfe nicht einen wunden Punkt in uns berühren würde. Nicht das, was er sagt, verletzt uns – sondern das, was wir darüber denken.
Unser eigenes Denken, unser Urteilen ist es, das uns das Gefühl von Unglück beschert.
Somit bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, die Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen.
Und genau hier möchte ich nun ansetzen.
Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Schuld. Sondern mit Achtsamkeit.
Mit einem liebevollen Blick auf das, was in uns wirkt – und was wir daraus machen.
Step by step. In aller Ruhe. Und mit dem Mut, uns selbst wirklich zu begegnen.
Sie saß in einem eleganten grauen
Seidenkleid neben ihm im Landrover, ein schwungvoller Hut derselben Farbe
zierte ihr Haupt. Janosch warf ihr mehrfach verstohlene Blicke zu, öffnete den
Mund, um ein Gespräch zu beginnen – und schloss ihn wieder. Ihre distanzierte
Vornehmheit schüchterte ihn ein. Und so schwieg er.
Er war in diesem Dorf geboren,
aufgewachsen zwischen Kühen, Schafen und Pferden, umgeben von bodenständigen
Frauen mit festen Händen und herzlichem Lachen. Doch dieses zarte, graue
Geschöpf auf dem Beifahrersitz – es wirkte auf ihn wie eine verlorengegangene
Flaumfeder.
Wie alt mochte sie sein? Sechzig?
Oder schon siebzig?
Er sah sie unsicher an.
Sie bemerkte seinen Blick – und schenkte ihm ein gnädiges Lächeln.
Endlich wagte er es, das Gespräch
zu beginnen.
„Es ist heiß heute“, murmelte er, „und der Weg von der Bahnstation ins Dorf ist
weit.“
Sie nickte zustimmend. „Ich bin
Ihnen dankbar, dass Sie mich abgeholt haben. Der Weg zu Fuß hätte mir Mühe
bereitet.“
Janosch wusste nicht recht, was
er darauf sagen sollte – doch das war auch nicht nötig. Denn sie sprach gleich
weiter, ohne Pause:
„Sie müssen wissen, zweimal im
Jahr mache ich eine Reise. Im Frühling fahre ich in die Berge, und im Herbst
verbringe ich meinen Urlaub auf einem Bauernhof. Das ist mir zu einer lieben
Gewohnheit geworden. Zu Hause führe ich ein sehr einfaches Leben – seit Oskar
tot ist.“
Janosch nickte verständnisvoll.
Was ein einfaches Leben bedeutete, das wusste er nur zu gut.
„Oberregierungsrat Oskar
Zimmermann war mein Mann“, erzählte sie weiter.
„Ich nannte ihn Herzi – eine persönliche Abkürzung für Herr Zimmermann.“
Janosch verstand den Zusammenhang
nicht ganz, beschloss aber, es auf alle Fälle gut zu finden.
„Er starb vor acht Jahren“, fügte
sie hinzu – und schwieg.
Janosch schwieg auch. Sie sah ihn auffordernd an.
So öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch es fiel ihm nichts ein.
Ein Beileid nach acht Jahren auszusprechen, erschien ihm irgendwie lächerlich.
Also wartete er – aber sie
schwieg beharrlich weiter.
Unruhe stieg in ihm auf.
Nervosität. Schließlich murmelte er rasch und undeutlich:
„Mein Beileid.“
„Danke“, erwiderte sie
hoheitsvoll – und fuhr fort.
„Er war ein guter Mann, mein
Oskar. Es gibt so viele schlechte Menschen auf dieser Welt – aber ausgerechnet
mein Oskar musste sterben.“
Sie sah Janosch an, als trage er
Mitschuld, und er zog instinktiv den Kopf ein.
„Es sterben immer die Guten“,
sagte sie langsam, mit Nachdruck. „Das hat mein Oskar nicht verdient.“
„Die Schlechten sterben auch“,
wagte Janosch leise einzuwenden, doch sie überhörte ihn konsequent.
Ein kurzer, missbilligender Blick
– dann sprach sie weiter:
„Mein Oskar war ein gebildeter
Mann. Schließlich war er Oberregierungsrat. Das stand auch auf dem Türschild
seines Arbeitszimmers im Ministerium – kleine weiße Steckbuchstaben auf
schwarzem Grund.“
Sie lächelte versonnen bei der
Erinnerung.
„Ja“, fuhr sie fort, „doch dann
kam dieser unheilvolle Tag. Die Wirtschaft stagnierte seit geraumer Zeit –
überall wurde gespart. Sogar bei den Steckbuchstaben im Ministerium.
Eines Morgens wurden sämtliche
überflüssigen Buchstaben abmontiert und eingesammelt.
Und plötzlich stand an Oskars Tür nur noch sein Name – in nüchternen Großbuchstaben: OSKAR ZIMMERMANN. Das hat ihm das Herz gebrochen.“
In Janoschs Kopf arbeitete es. Er konnte die Tragweite dieser Veränderung wirklich nicht begreifen.
An seiner eigenen Haustür stand
überhaupt kein Name – die Vorstellung, dort weiße Steckbuchstaben anzubringen,
schien ihm absurd - ja geradezu lächerlich.
JANOSCH DAMPFHOFER – in Großbuchstaben! Seine Frau Theres hätte ihn wohl für narrisch erklärt.
Die graue Flaumfeder-Frau sah ihn
an und seufzte leise.
„Er hatte so wenig Freude im
Leben. Nur seine Arbeit, unseren Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und mich. Und
dann waren da noch seine Steckbuchstaben.“
Sie hielt kurz inne.
„An jenem Morgen kam er wie immer pünktlich ins Ministerium. Doch auf dem Schild an seiner Bürotür stand plötzlich nur noch sein Name. Die Buchstaben für Oberregierungsrat – einfach abmontiert. Er stand da. Lange. Starrte das Schild an, als wollte er es mit seinem Blick wieder ganz machen. Dann liefen ihm Tränen übers Gesicht.“
Janosch spürte, wie ihn das Bild
traf – nicht wegen der Buchstaben, sondern wegen der Tränen.
„Er drehte sich um und ging nach Hause. Und von da an, Janosch – von da an ging es mit ihm bergab. Er ging zwar weiter ins Ministerium, Tag für Tag, pflichtbewusst wie immer. Aber er war nicht mehr derselbe.“
Janosch hätte gerne etwas gesagt. Aber er wusste beim besten Willen nicht, was.
„Ich kochte ihm täglich sein Lieblingsessen. Ich lud seine alten Freunde ein, veranstaltete kleine Feste – sogar einen guten Psychotherapeuten suchte ich ihm.
Ich bastelte Transparente, mit
denen er vor dem Ministerium demonstrieren konnte. Gegen die willkürliche
Entfernung der Steckbuchstaben,
Und ich kaufte ihm ein kleines
Schild für unsere Schlafzimmertür – mit neuen Buchstaben: OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.
Aber nichts davon konnte ihn
wirklich trösten.“
Sie blickte aus dem Fenster, als
suchte sie dort seine verlorene Würde.
„Ach, ich hätte mein
Leben gegeben, wenn ich ihm dadurch sein Schild im Ministerium wiedergeben
hätte können.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Als ich ihm das sagte, sah er
mich mit Tränen in den Augen an: ‚Das
würdest du für mich tun, Adele? Das würdest du wirklich für mich tun? Eine
größere Freude könntest du mir nicht machen…‘
Ja, so war er, mein Oskar. So
leicht zu erfreuen.
Wie ein Kind.“
Janosch kratzte sich am Kopf. In seinem Inneren wirbelten die Worte der Dame durcheinander – er versuchte, das Gehörte zu ordnen, doch es wollte sich einfach nicht fügen.
„Irgendwann hörte er auf, zur Arbeit zu gehen“, fuhr sie fort. „Stattdessen
machte er lange, einsame Spaziergänge mit Kaiser Wilhelm. Viele Stunden am
Tag.“
Sie seufzte leise.
„Kaiser Wilhelm war ein kleiner, zarter Hund – ein Rehpinscher mit schwacher
Lunge. Die Strapazen dieser Wanderungen waren zu viel für ihn. Er starb an
Erschöpfung. Und Oskar wurde noch ein wenig stiller. Von da an ging er allein.“
Janosch schüttelte ungläubig den Kopf. „Und das alles wegen dieser Steckbuchstaben?“
Die graue Dame nickte langsam. „Adele…“, hatte er oft gesagt, „…mein ganzes Leben habe ich dem Ministerium gewidmet. Dem Staat treu gedient. In Ehren Oberregierungsrat geworden. Und nun bin ich ihnen nicht einmal mehr ein paar Buchstaben wert.“
„Eine Affenschande ist das“, murmelte Janosch. Er schüttelte erneut den Kopf –
weniger aus Empörung als aus Verwirrung. Denn wirklich begriffen hatte er es
immer noch nicht.
„Und eines Tages starb er dann“, fuhr sie fort. „Ganz still. Ohne Aufsehen. Er legte sich einfach hin – und starb.“
Sie machte eine Pause. „Und schuld war das Ministerium.“
Ihr Blick wurde nachdenklich. „Als ich dann um eine Entschädigung ersuchte – für
den frühen Tod meines Oskars – wies man mich brüsk ab. Niemand wollte etwas
davon wissen, dass man ihn mit dem Entzug seiner Steckbuchstaben langsam und
unaufhaltsam in den Tod getrieben hatte.“
Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust.
„Er ist wirklich
wegen dieser Steckbuchstaben gestorben?“ Janosch starrte sie fassungslos an.
Fast wäre er dabei in den Graben gefahren.
„Ja“, erwiderte sie mit Nachdruck. „Er hatte eben Prinzipien!“
Mit ernster Miene nickte sie mehrmals. „Und auf seinem Grabstein – ganz in
Goldbuchstaben – steht nun:
OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.“
„Die kann
ihm nun ja wohl keiner mehr wegnehmen“, murmelte Janosch
mitfühlend. Ihm war diese ganze Buchstabengeschichte zwar immer noch nicht
verständlich, aber langsam in seinem Hinterkopf begann er zu begreifen, wie
einsam ein Mensch sein musste, dessen Lebensinhalt das Ministerium, diese graue
Frau, der Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und diese Steckbuchstaben waren.
Er dachte an seine eigene Welt –
an all die Mühen, die ihn oft zermürbten, an Theres, seine Frau, deren
Durchsetzungsvermögen er schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit fürchtete, die
aber auf ihre ruppige Weise zu ihm gehörte wie der Stall zum Hof.
Er dachte an seine Kinder, seine Freunde, an all die Menschen, die sein Leben
belebten, herausforderten, nervten – und beschenkten.
Und plötzlich stieg etwas in ihm auf, das er lange nicht
mehr gespürt hatte: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür,
dass sein Leben niemals an ein paar nicht vorhandenen
„Steckbuchstaben“ scheitern würde. Und
Dankbarkeit für jedes Problem, das er lösen konnte, ohne sich dafür hinlegen
und sterben zu müssen.
Er wandte den Blick von der
Straße kurz zu der Frau neben sich.
Er sah ihre gepflegte Blässe, ihren Hut, ihre verblichene Würde –
und dann lächelte er. Ein warmes, leises, verstehendes Lächeln.
Und lächelnd fuhr er die letzten
Meter bis zu seinem Hof.
Ich friere. Das Erwachen ist ernüchternd und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in meinem Bewusstsein, meinem Körper…
Noch wage ich nicht, die Augen zu öffnen und mich der Realität zu stellen…
…da ist dieser See. Ich bin allein
hier. Gerade noch war der Himmel blau. Die Luft zittert und ich ahne den Sturm
eher als dass ich tatsächliche Anzeichen bemerke. Er ist da. Er klebt an einer
der hoch aufragenden Felswände und verhält sich still. So, als wolle er mich in
Sicherheit wiegen.
Ich starre auf die grüne, glatte
Oberfläche des Sees. Ein Windhauch
berührt mich oberflächlich, wie absichtslos. Ich fühle mich wie zum Zerreißen
gespannt. Der See erstreckt sich riesengroß zum Wald hin und ich kann das
andere Ufer kaum erkennen. Die Stille ist beklemmend und fast schmerzlich. Ein
braunes Blatt entfernt sich plötzlich und ruckartig aus der Gemeinschaft der
anderen Blätter – tanzt eine wilden Wirbel -
und stürzt sich dann kopfüber in den See. Ich warte. Der Tag gleitet
langsam an mir vorüber und verschwindet irgendwo weit hinten im Wald. Es ist,
als zöge jemand den Vorhang zu und vom Tag ist nichts mehr zu sehen. Es ist
dunkel. Und da höre ich es. Aus dem Nichts entwickelt sich ein weiteres Nichts,
das sich langsam zu einer schmerzhaft hörbaren Stille formt.
Ich lausche regungslos, gebannt. Ich
warte. Und dennoch trifft es mich völlig unvorbereitet, als der Sturm sich mit
dröhnendem Geheul von den Felsen herniederstürzt und mich um meine eigene Achse
wirbelt, ehe er mich fast zu Boden drückt.
Die Kälte durchdringt beißend meinen
Körper. Ich stemme mich mit beiden Beinen in den Boden, um dem Druck des Sturms
standzuhalten.
Er rüttelt wütend an mir, reißt an
meinen Haaren und an meinen Kleidern. Sein Dröhnen schwillt an zu einem
ungeheuren, gewaltigen Schrei. Ich werfe seinen Schrei zurück und höre mit
Befriedigung, wie die Bäume hinter mir krachend und knirschend zerbersten wie
trockene Kekse zwischen gierig zubeißenden Zähnen.
Verzweifelt versuche ich, den Sturm
zu übertönen, der mir jeden Laut von den Lippen fetzt und an die Felsen knallt,
ehe ich ihn selbst hören kann.
Ich schreie bis ich heiser bin. Ich
schreie, bis die Kraft mich verlässt. Ich schreie mir den Schmerz meiner
unendlich vielen Leben aus der Seele. Ich schreie meine Hilflosigkeit und mein
Gefangensein gegen die Felswände, an denen sie dröhnend zerfetzt werden.
Mein Schrei vermischt sich mit dem
Schrei des Sturmes. Wir werden eins durch diesen Schrei, der Sturm und ich.
Ich wüte und tobe… als kämpfte ich
gegen unsichtbare Fesseln
Jeder Versuch mich zu befreien muss
zwangsläufig scheitern. Mein Zerren und Reißen an den Ketten ähnelt dem sinnlosen Kampf einer Fliege, die sich in
einem Spinnennetz gefangen hat. Ein hilfloses Zappeln, das in Resignation und
Ermattung endet. Ein Blick in die Augen der geduldig wartenden Spinne nimmt der
erschöpften Fliege den letzten Rest von Mut. Keine Regung ist zu sehen. Keine
Aggression, kein Mitgefühl, nichts Böses, nichts Gutes. Nichts. Nur Warten.
Geduldiges Warten.
Mein Schrei tobt über den Horizont
hinweg und durchfliegt Ewigkeiten, Jahrtausende im Kreis. In
Sekundenbruchteilen durchrast er sämtliche Körper, die ich je bewohnt habe.
Und dann – als würde seine Lebenskraft ihn verlassen - verliert
er sich in einem leisen, singenden Ton.
Der Sturm zieht sich zurück – ist
Vergangenheit oder Zukunft. Stille legt
sich wie ein kobaltblauer Samtmantel um mich - unendliche Stille.
Und ehe ich ihn sehen oder hören
kann, spüre ich Dilmon neben mir. Dilmon, meinen Freund und Lehrer über die
Unendlichkeit hinweg. Er steht neben mir und die Sonne malt Farbenspiele in
sein silbernes Haar.
Seine Nähe ist warm und beruhigend. Ich
warte. Doch Dilmon schweigt.
„Was soll ich tun?“ frage ich
schließlich zögernd. Dilmon antwortet lange nicht. Ich warte schweigend.
Schließlich kommt wie von weit her
seine Stimme: „Erinnerst du dich?“
Ich denke lange nach. „Nein, ich
glaube nicht, Dilmon!“
Dilmon kniet sich in den Sand und
beginnt zu zeichnen. Wirre Linien, Chaos, Kreise… und plötzlich formt sich das
Bild vor meinem Auge und langsam kehrt die Erinnerung wieder…..
-
…Ich hocke im warmen
Sand neben dem prasselnden Feuer. „Aylah!“ Sanft berührt mich Yaros Stimme aus
der Dunkelheit. „Komm, lass uns gehen, Aylah! Ich zögere nur kurz. Seit
Ewigkeiten bin ich daran gewöhnt, da zu sein wo Yaro ist und seinen Worten zu
folgen. Ich blicke zu ihm auf. „Komm Aylah“, wiederholt Yaro. Schweigend erhebe
ich mich vom Boden und folge ihm. Bei jedem Schritt schmiegt sich der warme
Sand an meine nackten Fußsohlen. Yaro bewegt sich geschmeidig wie ein Tier. Er
verschmilzt nahezu mit der Dunkelheit, und dennoch geht ein sanftes Leuchten
von ihm aus. Er ist schön.
„Yaro“, flüstere ich. Er hält an und dreht
sich zu mir um. „Yaro, wie viel Zeit ist vergangen, seit ich bei dir bin?“ Yaro
sieht auf mich hernieder und schweigt lange. „Was ist Zeit?“ Seine Stimme
klingt wie von weit her. Ich blicke wartend zu ihm auf. Jedoch er schweigt. „Du
und ich“, sagt er nach einer endlos wirkenden Pause, und es klingt, als fiele
das Sprechen ihm schwer, „du und ich, Aylah, wir sind die Vollkommenheit. Warum
also fragst du nach Zeit?“
Ich sehe ihn still an.
Alles in mir in Schmerz. Der Schmerz, ihn verlassen zu müssen. Der Schmerz, ihn
verletzen zu müssen. Ich sehe ihn an. Stumm und hilflos. Mein Blick versinkt in
seinen hellen Augen. Und plötzlich ist ungläubiges Erkennen in seinem Blick.
„Du willst gehen, Aylah“, flüstert er heiser. „Yaro“, mein Schmerz trifft ihn
wie ein vergifteter Pfeil, „wir erleben einander seit vielen tausend Jahren.
Wir sind eins geworden. Wir sind der Klang und die Stille, wir sind das Licht
und die Dunkelheit, wir sind zwei Seiten einer Münze. Aber wer bist DU? Und wer
bin ICH? Wer sind wir außerhalb dieses „WIR“? Ich will es wissen, Yaro. Ich
MUSS es wissen. Das Band, das uns aneinander fesselt, mag aus Gold sein, Yaro.
Aber es ist dennoch eine Fessel.“
„Du meinst, dies ist der Preis der Freiheit?
Die Erfahrung des Alleinseins? Die Erfahrung des Schmerzes und der Trennung?“
Ich nicke. „Das wird nicht zu umgehen sein.“
Er sagt nichts. Sein
Blick ist sanft und voller Verstehen. Unendlich lange sehen wir einander an.
Dann löst er seine Augen mühsam von mir und sieht zu Boden. „Muss es heute
sein?“ fragt er leise.
„Ja, Yaro.“ Ich hatte
mir nicht vorgestellt, dass es so schmerzen würde. Yaro nickt. „Dann musst du
nun wohl gehen, Aylah.“
Warum hält er mich
nicht zurück? Warum tut er nichts? Warum lässt er mich einfach gehen? Warum
wehrt er sich nicht?
„Yaro…“, beginne ich
hilflos, doch dann weiß ich nichts mehr zu sagen. Ich weiß, dass ich gehen
muss. Und ich fühle mich müde. Endlos müde.
Mit meinen Gefühlen umschlinge ich Yaro und halte ihn fest. Jedoch mein
messerscharfer Verstand trennt das Band, das uns aneinander fesselt, in zwei
Teile. Müde und traurig sehe ich, wie die beiden Hälften des goldschimmernden
Bandes zu Boden fallen. Yaro zuckt schmerzlich zusammen. Ich möchte meine Arme
nach ihm ausstrecken und für alle Zeiten auf Freiheit und Unabhängigkeit
verzichten, um diesen Schmerz ungeschehen zu machen. Jedoch ich rühre mich
nicht. Starr wie eine Statue stehe ich im warmen Sand und sehe hilflos zu, wie
Yaro sich umdreht und in der Nacht verschwindet.
Ich bin nur mehr halb.
-
Durch das Dickicht der Erinnerungen
dringt Dilmons Stimme zu mir. „Wogegen
wütest du also noch? Du bist frei, Aylah.“
„War es diesen Preis wert, Dilmon?“
flüstere ich. Tränen rinnen über mein Gesicht.
Dilmon antwortet nicht. Reglos steht
er da. Ich bin unfähig eines klaren Gedankens. Ich habe kein Gefühl mehr für
Zeit und Raum. Ich merke nicht, dass die Nacht nicht mehr schwarz ist, sondern
sich in sanftem Grau verliert.
Und da plötzlich streckt Dilmon die Hand aus.
„Sieh doch, Aylah!“ Und ich sehe es. Ein Leuchten, Strahlen und Funkeln kündigt
den neuen Tag an und wie ein Feuerball steigt die Sonne über den Horizont
empor. Wärme durchdringt meinen Körper. Ich spüre meine Kraft wiederkehren und
meine Daseinsfreude. Und voller Dankbarkeit spüre ich meine Freiheit und
Grenzenlosigkeit. Und ich weiß, wann immer Yaro und ich einander wieder
begegnen werden, wird es in Freiheit und Grenzenlosigkeit sein.
Ich möchte etwas sagen, doch ich
finde keine Worte. „Wenn man keine Worte hat, genügt es auch, zu schweigen!“
höre ich Dilmon flüstern. Und dann geht er durch den weichen Sand davon, ohne
mich ein einziges Mal angesehen zu haben.
Meine Blicke folgen ihm, bis er
hinter einer Sanddüne verschwindet.
-
Ich friere. Das Erwachen ist
ernüchtern und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete
Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in
meinem Bewusstsein, meinem Körper…
Langsam öffne ich die Augen…
Und erstmals fühle ich – völlig eins
mit mir selber – das Auftauchen meiner Seele aus der Dunkelheit in das Strahlen
des frühen Morgens.
Als ich begann, mich ernsthaft mit meiner eigenen Entwicklung zu beschäftigen, war ich 38 Jahre alt. Meine Mutter war gerade gestorben. Die Zeit, die ihrem Tod vorausgegangen war, war intensiv, fordernd – und für meine Schwester und mich auch emotional sehr belastend. Nachdem sie gegangen war, verspürten wir beide das dringende Bedürfnis, aus dem Haus zu kommen. Raus aus der Schwere, dem Schmerz, der ständigen Gegenwart des Todes. Wir mussten etwas tun, das uns wieder ins Leben holte – am besten sofort.
So kamen wir auf die Idee, gemeinsam einen Kurs zu besuchen.
Meine Schwester – voller Hoffnung auf bislang unentdecktes handwerkliches Geschick – schlug einen Makramee-Kurs vor. Damit konnte ich allerdings nichts anfangen. Ich selbst hatte die romantische Vorstellung, Panflöte zu lernen. Doch das fand wenig Anklang bei meiner Schwester. Also entschieden wir uns für einen Yogakurs. Damit konnten wir wenigstens beide nichts anfangen – und genau das war unsere gemeinsame Basis.
Was folgte, veränderte mein Leben auf eine Weise, die ich nicht geahnt hatte.
Meine Vorstellung von Yoga war naiv. Ich wusste zwar, dass Yoga mehr ist als Sitzen im Lotussitz und entspanntes Atmen – ich wusste auch, dass es körperliche Übungen umfasst. Aber ich war überzeugt, diesen Anforderungen spielend gewachsen zu sein. Immerhin war ich früher sportlich gewesen und hatte nie Zweifel an meiner Beweglichkeit gehegt – auch wenn ich sie in den letzten fünfzehn Jahren nie überprüft hatte. Und ehrlich gesagt: Ich hielt Yoga eher für etwas, das man älteren Damen verschreibt – eine Art Wellness-Turnen im sanften Dämmerlicht.
Im Geiste sah ich mich schon als strahlende Königin einer Runde steifer Pensionistinnen glänzen.
Die Stunde der Wahrheit kam schneller, als mir lieb war.
Zwar war die Gruppe bunt gemischt und keineswegs nur aus jungen oder durchtrainierten Teilnehmern zusammengesetzt. Doch ich war – zu meiner eigenen Überraschung – nicht die strahlende Ausnahme. Im Gegenteil: Ich war steif. Sehr steif. Meine Beine weigerten sich standhaft, sich zu beugen. Ich konnte nicht einmal mit gestreckten Beinen meine Zehen berühren. Mein Körper – jahrelang im Wartestand – hatte sich offenbar an einen Zustand der Bewegungsverweigerung gewöhnt und war nicht bereit, ihn kampflos aufzugeben.
So stand ich da. Illusionen geplatzt. Erkenntnis gewonnen.
Aber etwas in mir war geweckt worden. Eine Entschlossenheit. Ein Wunsch nach Veränderung. Ich begann, mit Hingabe zu üben – und stellte fest, dass nicht nur mein Körper sich nach und nach öffnete. Auch mein Inneres begann sich zu wandeln. Ich lernte, mich selbst wieder wahrzunehmen. Meinen Körper zu spüren. Meine Gefühle zu fühlen. Ich lernte, mich zu entspannen. Und je beweglicher mein Körper wurde, desto mehr kehrte auch Freude in mein Leben zurück. Freude an der Bewegung. Freude an mir selbst. Freude am Dasein.
Zwei Jahre später begann ich die Ausbildung zur Yogalehrerin.
Das war der Anfang eines langen, manchmal leichten, manchmal schmerzhaften – immer aber heilsamen – Weges des bewussten Lernens und inneren Wachstums.