Freitag, 10. Juli 2026

Ein bisschen neben der Spur ...

Viele von euch begleiten mich seit Langem beim Schreiben. Manche haben miterlebt, wie aus einer kleinen Idee nach und nach eine Geschichte wurde.

Heute möchte ich euch die ersten Seiten meines neuen Romans zeigen.. Sofie ist siebzig geworden und beschließt an ihrem siebzigsten Geburtstag, ihr Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen. Und dann ist da noch Moritz - ein junger Mann, der von klein auf gehört hat, er sei nicht die hellste Kerze auf der Torte. Beide entwickeln sich auf eine Weise, die keiner von ihnen für möglich gehalten hätte. Und ganz nebenbei schenken sie einander den Mut, neue Wege zu gehen.

Ich freue mich sehr, euch heute die ersten Seiten zeigen zu können. Der Roman befindet sich gerade auf den letzten Metern. Wenn alles gutgeht, wird er voraussichtlich Anfang September erscheinen. Bis dahin wünsche ich euch viel Freude mit dieser kleinen Leseprobe – und ich freue mich natürlich über eure Gedanken zu Sofie und Moritz.



1 – Geburtstag


„Mama, findest du nicht, dass diese Bluse ein wenig zu … rot ist?“ Ich stellte langsam meine Kaffeetasse, aus der ich gerade trinken wollte, auf den Tisch zurück und sah meine Tochter an. „Zu rot? Wie meinst du das?“ „Naja“, sie zuckte die Schultern und rümpfte leicht die Nase. „Zu rot eben. Du bist nicht mehr dreißig.
Ich sah sie von oben bis unten an. „Du, meine liebe Luisa, bist aber auch nicht mehr dreißig. Und vor allem bist du nicht ganz so schlank, wie du zu glauben scheinst.“ Am Tisch kehrte augenblicklich Stille ein. Alle starrten Luisa an, denn jeder wusste, wie empfindlich sie auf Kritik reagierte. Nun, sie hatte den Anstand, wenigstens zu erröten, was im Hinblick auf die Fettpölsterchen, die sich durch ihr enges T-Shirt abzeichneten, auch nur recht und billig war. Mein Ex-Mann Konrad murrte: „Lass doch das Kind in Ruhe. So alt und dick ist sie dann auch wieder nicht.“ Oh, Gott, Konrad hatte es wirklich drauf, immer die richtigen Worte zur rechten Zeit zu finden. Und Luisa – die sprang auf und verließ beleidigt den Raum.
„Da hast du es jetzt“, sagte Konrad vorwurfsvoll. Florian grinste verhalten, Luitgard unverhohlen. Nur Marga, meine jüngere Tochter, zeigte Mitgefühl mit ihrer Schwester. „Sie kann doch nichts dafür, dass sie ein wenig aus der Form gegangen ist.“
„Mag sein“, konterte Florian. „Aber für das T-Shirt kann sie was.“

Heute war mein siebzigster Geburtstag. Und rund um meinen Tisch saßen meine beiden Töchter, mein Sohn, meine beste Freundin Luitgard - und mein geschiedener Mann. Er ließ es sich nicht nehmen, zu jedem meiner Geburtstage aufzutauchen. Mit einundzwanzig gelben Rosen. Warum auch immer. Und zu meinem Leidwesen beschränkten sich seine Besuche nicht auf Geburtstage. Er kam auch zwischendurch immer wieder mal vorbei. Genaugenommen fast täglich. Um nach dem Rechten zu sehen, wie er sagte.
Diese Aufgabe nahm er sehr ernst.
Er war der Ansicht, ohne sein regelmäßiges Erscheinen wäre der Kater längst verhungert, die Blumen verdorrt und ich vereinsamt.
Ich hätte Konrad gern erklärt, dass Luisa mit siebenundvierzig weder ein Kind war noch aus heiterem Himmel in dieses T-Shirt hineingefallen sein konnte, aber zu meinem Geburtstag hatte ich mir vorgenommen, nicht bei jedem Bissen auch noch eine Grundsatzdebatte zu servieren. Also schwieg ich und griff nach einem Stück Apfelkuchen, das Marga, meine jüngere Tochter, mir auf den Teller geschoben hatte. Es war ihr stiller Beitrag zum Familienfrieden.
"Nun esst doch", sagte ich. Das ist in unserer Familie seit Ewigkeiten der Satz, mit dem man jede Katastrophe kurzfristig mit etwas Fettem, Süßem und Dickmachenden überdeckt. Luitgard lachte, Florian goss sich Wein nach, und Konrad sah mich an, als sei ich ein unberechenbares Wetterphänomen, das man seit Jahrzehnten studiert und doch nie ganz versteht.
Früher hatte mich sein Blick weich gemacht. Früher hatte ich überhaupt vieles mit mir machen lassen: Konrads Fürsorge, seine Ratschläge, seine Gewissheit, immer besser zu wissen, was gut für mich war. Deshalb hatte er letztendlich auch den Sprung vom Ehemann zum Ex-Mann geschafft. Nach der Scheidung hatte er allerdings beschlossen, sein Amt als verantwortungsvolle Oberaufsicht nicht so einfach aufzugeben. Er kam und ging, wann er wollte. Er war zu einer Art unliebsamem Hausgeist geworden. Nie war man vor ihm sicher. Nie wusste man, wann er auftauchte.

Aus der Küche hörte man Geschirr klappern. Luisa klapperte immer, wenn sie beleidigt war. Schon als Kind hatte sie Türen nicht einfach geschlossen, sondern mit Nachdruck zugeschlagen. Marga warf mir einen Blick zu, der fragte, ob ich nicht doch aufstehen und meine älteste Tochter trösten wollte. Ich erwiderte ihn mit dem Blick einer Frau, die siebzig geworden war und fand, dass an diesem Tag ausnahmsweise einmal jemand anders hinter den Empfindlichkeiten der Familie herräumen durfte. Nun, es dauerte ja auch nicht allzu lange, bis die immer noch beleidigte Luisa wieder am Tisch erschien und sich schweigend auf ihren Platz setzte. Vermutlich fürchtete sie, sonst nichts mehr vom Apfelkuchen zu erwischen.

Dann klingelte es. Zweimal kurz, einmal lang. Ich brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, wer das war. Nur ein Mensch auf der Welt klingelte auf diese etwas aufdringliche Weise: mein Bruder Hubert. Luitgard verdrehte die Augen. "Wenn jetzt auch noch Hubert kommt", murmelte sie, "dann brauchen wir etwas Stärkeres als Rotwein.“
Florian lachte, Marga stand auf, um zu öffnen, und ich lehnte mich zurück. Es war merkwürdig: Je älter ich wurde, desto stärker wurde das Gefühl, auf den immer gleichen Gleisen zu fahren. Es kamen  immer dieselben Leute in denselben Kombinationen an meinen Tisch, und jeder brachte seinen alten Vorwurf mit, sorgfältig verpackt wie ein Geschenk, das man nicht wollte.
Als Hubert ins Esszimmer trat, geschniegelt, mit einem schmalen Paket unter dem Arm und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der selbst seine Glückwünsche nur unter Vorbehalt verteilte, wusste ich sofort: Der eigentliche Geburtstag würde erst jetzt beginnen.
Feierlich überreichte er mir sein Paket. „Gut siehst du aus“, sagte er. „Man sieht dir die fünfundsiebzig kaum an.“
„Danke, Hubert. Welch bezauberndes Kompliment. Besonders im Hinblick darauf, dass ich erst siebzig bin.“
Hubert setzte sich. „Siebzig – fünfundsiebzig. Wo ist da der Unterschied?“ Er schenkte sich ein Glas Wein ein und griff nach einem Stück Apfelkuchen. „Das hätte es bei unserer Mutter nicht gegeben. Apfelkuchen zum Geburtstag! Eine Schwarzwälder Kirschtorte war das Mindeste.“ Er biss genussvoll in den Apfelkuchen.

Es klingelte abermals. Moritz, mein Nachbar. Mit einem Päckchen und einem Blumenstrauß. Es gab drei Wohnungen auf unserem Flur. Meine Wohnung, die von Moritz, und am Ende des Flurs wohnte Mareike. Ich mochte sie beide.
Moritz war ein schüchterner, junger Mann, und er war rettungslos in Mareike verliebt. Das wusste sie jedoch nicht. Und wenn es nach ihm ging, würde sie es auch nie erfahren.
Sie kam eine halbe Stunde später. Mit einer Schüssel voller Erdbeerbowle. Und einer wunderschönen, roten Orchidee.
Sie gratulierte mir herzlich und stellte die Erdbeerbowle auf den Tisch. Ich nahm ihr die Orchidee ab und platzierte sie vor dem Fenster. „Du wirst sie zu viel gießen“, sagte Konrad. Hubert nickte seufzend. „Luisa fügte mit etwas schriller Stimme hinzu: „Mama hatte noch nie ein Händchen für Blumen.“
Ich lächelte, als hätte irgendjemand etwas Lustiges gesagt. Dann holte ich Gläser für die Bowle.
Konrad, der gleich einmal einen kräftigen Schluck nahm, sagte: „Sofie, dir ist aber schon klar, dass du nicht zu viel davon trinken solltest. Du verträgst Alkohol schlecht. Du weißt doch noch … damals auf Madeira …“ Ja, ich wusste es, obwohl es mehr als vierzig Jahre her war. Ich hatte etwas zu viel getrunken, und dann zum Kellner gesagt, er sei ein schnuckeliges Kerlchen. Was er auch war.
Hubert sagte: „Die arme Orchidee. Ich sehe es schon kommen, dass du sie zu Tode gießen wirst. Du hast dir ja immer schon damit schwergetan, das richtige Maß zu finden.“
„Ja, gleich wie beim Alkohol“, warf Konrad ein, und sie nickten einander in tiefem Einverständnis zu.
„Ihr wiederholt euch“, sagte ich ruhig.
Luisa, die es nur selten schaffte, ihre unqualifizierte Meinung für sich zu behalten, fügte spitz hinzu: „Wäre schade um die Blume. Zu der passt rot wenigstens. Aber sie ist ja auch noch nicht siebzig.“ Sie blickte selbstzufrieden in die Runde und wartete auf Zustimmung. Konrad und Hubert lachten. Florian, Marga, Luitgard, Moritz und Mareike nicht.
Und plötzlich kam mir ein Gedanke. Ein vollkommen rebellischer, aufsässiger Gedanke. Ich war jetzt siebzig. Und ich würde ab heute nur mehr tun, was ich wollte. Ich würde mir von niemandem mehr sagen lassen, was gut für mich sei, was ich trinken dürfe, welche Farben ich tragen könne, wann ich den Kater zu füttern und die Blumen zu gießen hätte, und was meinem Alter angemessen sei.
Ich klopfte an mein Glas.
Und es geschah tatsächlich, was ich nicht erwartet hatte. Alle wurden still und sahen mich an.
Als ich all die erwartungsvollen Blicke sah, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich sah sie an, einen nach dem anderen. Marga und Florian lächelten. Luisa starrte beleidigt aufs Tischtuch. Konrad hatte vor Spannung den Mund leicht geöffnet, was ihm ein etwas dämliches Aussehen verlieh. Mein Bruder hatte sich mit verschränkten Armen zurückgelehnt. Und Luitgard sah mich aufmunternd an.
Ich räusperte mich. „Ich bin heute siebzig Jahre alt geworden“, begann ich. „Und ich habe entschieden, ab heute nur mehr zu tun, was ich will. Egal, ob es euch gefällt oder nicht.“
Alle starrten mich an. Die meisten etwas verwundert. „Wie meinst du das?“ fragte Marga. „Bilde dir bloß nicht ein, dass wir nicht trotzdem mit dir schimpfen werden, wenn wir es für richtig halten,“ sagte Luisa.
„Dann ändert sich also nicht wirklich was“, grinste Florian. „Mama macht, was sie will. Und Papa und Luisa schimpfen. Genauso, wie wir es immer hatten.“
Ja. So ähnlich konnte man das sehen. Aber doch nicht ganz so. Sie würden sich wundern.
„Und du“, wandte ich mich an Konrad, „gibst mir nun bitte meine Wohnungsschlüssel zurück? Du wirst dich in Zukunft ankündigen müssen, wenn du kommen willst. Denn ich habe keine Lust mehr, dass ich harmlos vom Einkauf zurückkomme, und du stehst in meiner Küche und brätst Spiegeleier.“
Konrad sah mich beleidigt an. „Jetzt übertreibst du aber, Sofie.“ Ich streckte wortlos meine Hand aus. „Was ist, wenn dir etwas passiert? Wenn du stürzt?“
Ich schwieg und hielt ihm meine offene Hand entgegen. Er versuchte es noch einmal. „Ich bin für dich verantwortlich, Sofie.“
Ich hielt ihm schweigend meine Hand entgegen. So lange, bis die Schlüssel darin lagen.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Kampf gewinnen würde. Aber ich hatte ihn gewonnen.
„Wenn es dir recht ist, komme ich morgen vorbei“, schlug Konrad fast ein wenig eingeschüchtert vor. „Sonst steckst du wieder das ganze Meißner Porzellan in die Spülmaschine.“
„Du kannst auch gleich jetzt alles händisch spülen“, sagte ich. „Jetzt bist du schon hier. Dann musst du morgen nicht schon wieder antanzen.“
Da sagte er dann nichts mehr.

Nun, es wurde noch eine lustige Feier. Luisa hatte sich beruhigt und aß ungeachtet ihrer Figur drei Stück Apfelkuchen. Konrad verhielt sich überraschend ruhig, murmelte nur manchmal etwas über unvernünftige ältere Frauen. Und mein Bruder Hubert lachte zweimal, was einem gesellschaftlichen Großereignis gleichzusetzen war.
Alles in allem konnte man das wirklich als gelungenes Fest verbuchen.


2 – Der erste Tag in Freiheit


Es dauerte ein Weilchen, bis sich alle verabschiedeten. Hubert zischte mir noch zu, dass er es für unpassend halte, wenn eine Frau meines Alters sich mit den jugendlichen Nachbarn verbrüdere. Konrad nickte zustimmend. Ich glaube, es war das erste Mal, dass er mit meinem Bruder einer Meinung war. Dann ermahnte er mich, den Kater zu füttern und die Blumen zu gießen. Luisa warf noch einen abfälligen Blick auf meine Bluse. Aber sie sagte nichts mehr. Im Hinblick auf ihr T-Shirt war das auch besser.
Und Luitgard blieb noch ein wenig länger. Als alle weg waren, setzten wir uns mit einem Glas Rotwein aufs Sofa. Eine ganze Weile schwiegen wir und genossen einfach die Ruhe.
Irgendwann fragte sie: „Wie lange wohnt denn Moritz schon neben dir? Ich habe ihn noch nie gesehen.“
„Seit vier Monaten,“ sagte ich. „Er ist still. Fast zu still für sein Alter. Er hält sich nicht für besonders hell, und das macht ihn unsicher.“
„Aber warum denn?“ Luitgard sah mich erstaunt an. „Er wirkt doch nicht dumm.“
„Nein. Aber seine Mutter pflegt zu sagen, er sei nicht die hellste Kerze auf der Torte. Er hat diesen Satz bereits gehört, ehe er verstehen konnte, was er bedeutete.“
Luitgard nickte. „Er sieht durchaus aus, als würde er daran glauben.“
Eine Weile schwiegen wir wieder.
„Und du?“ fragte Luitgard schließlich. „Wie geht es mit dir nun weiter, nachdem du heute ganz überraschend Konrad Grenzen gesetzt hast?“
Ich lächelte versonnen. „Ich kaufe mir einen Hut.“ Luitgard starrte mich an. „Einen Hut? Aber warum denn?“
„Lebensverändernde Maßnahmen beginnen immer mit dem Kauf eines Hutes.“
Das hatte Luitgard nicht gewusst. Kein Wunder, denn ich hatte es mir gerade eben ausgedacht. Aber sie hielt die Idee für durchaus erwägenswert. Auch für sich selbst. Irgendetwas Originelles müsse es sein. Billie, ihre Untermieterin, würde Augen machen, meinte sie lachend. Billie war die jüngere Schwester ihrer Nachbarin. Sie wohne seit einem halben Jahr bei ihr und war gerade dabei, im Leben Fuß zu fassen.
Es war spät, als sie nach Hause ging. Und das mit dem Hut, das hielte sie für eine gute Idee, wiederholte sie. Nun, man würde sehen.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem wunderbaren Gefühl. Einem Gefühl, das ich im ersten Augenblick gar nicht einordnen konnte. Doch dann kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Es war einfach das Gefühl einer Frau, die siebzig geworden war und beschlossen hatte, ab sofort zu tun und zu lassen, was sie wollte. Das Gefühl einer Frau, deren Ex-Mann nicht plötzlich mit vorwurfsvollem Gesicht mitten in der Wohnung stehen und beanstanden konnte, dass der Kater noch nicht gefüttert war. Das Gefühl einer Frau, die plante, sich einen ganz verrückten lila Hut zu kaufen.

Da klingelte es. Ich erwartete niemanden, daher reagierte ich nicht. Es klingelte ein weiteres Mal. Und ein drittes Mal. Dann ertönte Konrads Stimme durch die Tür. „Sofie, hast du Mimi gefüttert?“ Ja, mein Kater hieß tatsächlich Mimi. Das lag daran, dass wir ihn anfangs für ein Mädchen hielten. Als wir draufkamen, dass er ein Junge war, hatten wir uns an den Namen bereits so gewöhnt, dass wir ihn nicht mehr ändern wollten.
Ich lag so lange still in meinem Bett, bis Konrad wieder verschwand. Wie schön, dass er keinen Schlüssel mehr hatte. Aber natürlich war nun auch Mimi eingefallen, dass er noch nicht gefüttert worden war. Er begann erbärmlich zu schreien. Und Mimi war ausdauernd. Also stand ich auf und schlurfte in die Küche. „Ja, ja, ich komm ja schon“, brummte ich. „Halt doch endlich die Klappe, du Pelzgurke.“ Mimi schwieg erschüttert. Solche Töne war er von mir nicht gewohnt. Ich füllte seinen Napf und gab ihm frisches Wasser. Dann ging ich ins Badezimmer.
Als ich eine halbe Stunde später mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch saß, klingelte mein Handy. Konrad.
Ich nahm das Gespräch an. „Guten Morgen“, sagte ich. Konrad nahm sich gar nicht erst die Zeit für eine Begrüßung. „Es hat heute nur 18 Grad. Du musst Socken anziehen. Und hast du den Kater gefüttert? Die Blumen musst du auch gießen. Aber die Kakteen auf der Fensterbank im Wohnzimmer nicht. Die sind erst nächste Woche dran. Und denk daran, …“ Ich legte auf. Still und wortlos. Er versuchte es kein weiteres Mal.

Als ich jedoch eine Stunde später zum Einkaufen ging, da stand er vor der Haustür. Er versuchte einen sanften Gesichtsausdruck, was ihm erbärmlich misslang. Und auch seine Stimme floss über vor Sanftheit. „Sofie“, sagte er. „So geht das doch nicht. Wir waren doch einmal verheiratet.“
„Ja, genau Konrad. Wir waren verheiratet. Präg dir einfach das Wörtchen „waren“ ein – und alles ist gut.“ Er lächelte mich verständnisinnig an. Ganz so, als hätte er mir zugehört. Und war nicht davon abzuhalten, mich zum Einkaufen zu begleiten.
„Ich will doch nur, dass es dir gut geht“, beteuerte er von Zeit zu Zeit.

Im Fenster der Tanzschule war ein Flyer aufgehängt, auf dem für einen Anfängerkurs für lateinamerikanische Tänze geworben wurde. Ich blieb stehen. Das interessierte mich. Der Kurs würde in zwei Wochen beginnen. Konrad wollte mich weiterziehen. Doch es gelang ihm nicht. „Ja“, sagte ich, ohne lange darüber nachzudenken. „Da gehe ich hin. Das ist genau das, was ich jetzt brauche.“
„Sofie“, Konrads Stimme wurde augenblicklich um eine Oktave höher. „Das ist doch nichts für dich. Du bist zu alt. Und überhaupt. Die lachen dich dort aus. Und mit wem willst du denn dort überhaupt tanzen?“ „Du kannst ja mitkommen“, sagte ich ungerührt. „Dann bin ich wenigstens nicht die Einzige, die sie auslachen.“
„Nein!“ Konrad schrie es fast. „Niemals wirst du mich dazu bringen, mich dort zum Kasperl zu machen.“ „Nun, du brauchst ja auch nicht“, sagte ich versöhnlich. „War ja nur so eine Idee.“
Er atmete auf.

Ich gestaltete den Einkauf kurz, denn ich wollte ihn wieder loswerden. Er trug meine Einkäufe, die wahrlich nicht schwer waren, bis vor meine Tür. Dann wartete er, bis ich aufgeschlossen hatte und wollte hinter mir die Wohnung betreten. Doch ich stellte mich ihm den Weg. „Geh wieder nach Hause, Konrad. Ich habe heute wirklich keine Zeit.“
„Wie, keine Zeit? Was soll das heißen? Was hast du vor?“
„Ach, nichts Besonderes. Ich sehe mich nur ein wenig in der Nachbarschaft um, ob es da noch ein paar Jugendliche gibt, mit denen ich mich verbrüdern könnte.“ Damit schloss ich die Tür vor seiner Nase.
Drinnen ließ ich mich aufseufzend auf mein Sofa fallen. Was war der Mann doch anstrengend. Ich mochte ihn ja. Ich war schließlich sechsundvierzig Jahre mit ihm verheiratet gewesen. Aber er benahm sich, als seien wir immer noch ein Paar – nur eben in getrennten Wohnungen. Es wäre wirklich hilfreich, wenn er wieder eine Frau fände, die ihn ein wenig in Atem hielte.
Ich beschloss, nach etwas Passendem Ausschau zu halten. Das war vielleicht kein besonders edler Gedanke. Wahrscheinlich auch kein reifer. Aber was wollte man erwarten von einer Frau, die erst seit vierundzwanzig Stunden in Freiheit lebte?
Vielleicht brauchte Konrad wirklich nur eine Aufgabe, die nicht ich war. Eine Dame mit festen Ansichten und einem Sinn für pünktliche Mahlzeiten. Und der Bereitschaft, sich mit guten Ratschlägen auseinanderzusetzen.
Ich ging im Kopf die Frauen durch, die ich kannte. Frau Steindl aus dem zweiten Stock fiel mir ein. Aber die war wohl nichts für Konrad. Etwas zu energisch. Die machte ihn ja kaputt.
Hannelore aus dem Singkreis schied ebenfalls aus. Die misstraute Männern grundsätzlich. Da machte sie keine Ausnahme.
Vielleicht gab es irgendwo in der Stadt ja eine Selbsthilfegruppe für überfürsorgliche geschiedene Männer. Oder sogar ein Vermittlungsbüro.
Naja, ich musste das Problem ja nicht heute lösen.

3 – Moritz


Moritz war nicht die hellste Kerze auf der Torte. Das wusste er. Er wusste es von seiner Mutter. Die pflegte ihn – als er noch klein war – anzusehen und zu seufzen: „Nun, die hellste Kerze auf der Torte ist er nicht, aber für ein bescheidenes Leben wird es schon reichen.“ Moritz hatte damals nicht gewusst, was sie damit gemeint hatte, und als er einmal wagte, nachzufragen, schüttelte sie nur bekümmert den Kopf und wandte sich ab. Mittlerweile wusste er, was sie damit gemeint hatte. Und ja – er war ja wirklich etwas langsam im Denken. Aber was er noch wusste – sein Leben gelang ihm trotzdem meist recht gut. Er hatte einen Job, den er mochte. Er hatte eine Wohnung, die er mochte. Sein Geld reichte im Allgemeinen so lange, wie es sollte. Und ja, er hatte sogar eine feste Freundin. Zumindest in seinem Kopf. Ihr Name war Mareike, sie wohnte in der Nebenwohnung und - naja, sie wusste nichts von ihrem Glück. Weder, dass sie seine Freundin war, noch dass sein Herz jedes Mal einen Hüpfer machte, wenn er sie sah. Er war keiner, der gleich so mit der Tür ins Haus fiel. Aber sie hatten sich schon manchmal Milch oder Eier voneinander ausgeborgt. Und Moritz fand, das war ein guter Anfang. Die Fortsetzung blieb abzuwarten.

Manchmal, wenn er abends allein in seiner kleinen Küche saß, hörte er durch die dünnen Wände Mareikes Lachen, wenn sie Besuch von ihrer Freundin oder ihrer Schwester hatte. Es klang warm und herzlich, ein bisschen wie Sommer. Oder Sternschnuppen in einer Vollmondnacht. Dann stellte er sich vor, wie es wäre, einfach zu klingeln und sie zu fragen, ob sie vielleicht gemeinsam einen Tee trinken wollten. Doch meist fiel ihm dann seine Mutter ein, die sorgenvoll die Stirn runzelte und seufzte: „Ja, ja, unser Moritz. Ob der wohl mal eine findet, die es mit ihm aushält? Die es überhaupt erst mal versucht mit ihm? Schwierig, schwierig!“. Und so verließ ihn immer der Mut. Mareike war hübsch und lustig. Er war eher grau und langweilig. „Wenn er wenigstens schön wäre“, pflegte seine Mutter zu sagen, wenn sie mit ihren Freundinnen über ihn sprach.

Mareike arbeitete als Buchhändlerin in der örtlichen Buchhandlung. Ein bunter, lustiger Beruf. Er war Pflegehelfer im Krankenhaus. Er wollte früher gerne Diplomkrankenpfleger werden, aber seine Mutter befand, dass dafür seine geistigen Kapazitäten nicht ausreichend seien. So saß er oft nur still da und lauschte dem Leben auf der anderen Seite der Wand.

Und dann war da noch Sofie. Sofie, die ihm zuhörte, wenn er reden wollte, die ihn verstand, ihn ermutigte, die ihm Kakao kochte, wenn er traurig war und die ihn mochte, wie er war. Sofie, die fast wie die Großmutter war, die er nie gehabt hatte.
Er sah es als großes Glück, sie als Nachbarin zu haben.
„Eines Tages“, so sagte er sich selbst, „eines Tages kommt dieser Moment. Dieser eine Moment, an dem sich mein gesamtes Leben ändert. Dieser Moment, an dem ich Moritz bin. Nicht der dumme Moritz. Nicht der Moritz, der es zu nichts bringt. Sondern einfach nur Moritz.“
Dieser Moment kam. Und nicht nur einer, sondern eine ganze Reihe. Jedoch brauchte er ein Weilchen, sie zu erkennen.

Gegen Mittag klingelte er bei Sofie. Sie hatte ihm gestern noch ein Stück Kuchen mitgegeben, und er wollte den Teller zurückbringen. Wenige Minuten später saß er an ihrem Küchentisch, trank Kakao und aß ein Stück Kuchen. Ganz tief in sich drin hatte er sich genau das gewünscht. Es fühlte sich einfach warm an, hier zu sitzen, fast als gehöre er hierher. Warm und vertraut.
Eine Weile saß er schweigend da und genoss das heiße Getränk. Dann sagte er: „Ich fand es gut, wie du gestern deinem Ex den Schlüssel abgenommen hast.“ Sofie lächelte.
Und dann raffte er sich zu einem zweiten Satz auf. „Lass dir bloß von niemandem einreden, dass du zu alt für eine rote Bluse bist.“ Sofie sah ihn an. Lange und eindringlich. Dann sagte sie: „Und du – lass dir bloß von niemandem einreden, dass du zu dumm für irgendetwas bist.“
Moritz senkte den Blick auf seine Kakaotasse. Es war merkwürdig: Wenn andere so etwas zu ihm sagten, klang es meist wie ein Trostpflaster, das nicht recht halten wollte. Bei Sofie klang es anders. Nicht weich und mitleidig, sondern so, als handle es sich schlicht um eine Tatsache, die lange übersehen worden war. Er nickte nur. Mehr brachte er nicht heraus.
Dies war einer der Momente, deren Bedeutung er nicht sofort erkannte. Aber in ihm drin setzte sich etwas in Bewegung, ganz langsam zwar, doch immerhin.
„Weißt du was?“, sagte Sofie. „Wir haben doch irgendwie das gleiche Problem. Wir wollen nicht mehr das sein, was andere in uns sehen. Wir könnten ja eine Challenge starten.“ Moritz starrte sie an. „Du meinst, so eine Art Wettbewerb? Wenn du jünger bist als ich klug, gewinnst du, und wenn ich klüger bin als du jung, gewinne ich?“
Sofie lachte. Laut und herzlich. „Ja, genau so“, sagte sie. Moritz lachte auch. Damit war die Sache entschieden.
Doch da fiel ihm noch etwas ein. „Und schön bin ich leider auch nicht.“
„Sagt wer?“
„Meine Mutter.“
Sofie lächelte ihn warm an. „Wo hat sie nur ihre Augen? Und überhaupt - wollten wir uns nicht befreien von der Meinung anderer?“
Ja. Das wollten sie. Aber ob es so einfach sein würde? Er würde daheim auf alle Fälle noch einmal ganz genau in den Spiegel gucken. Seine Mutter musste ja wirklich nicht mit allem recht haben.
Sofie stand auf und öffnete den Küchenschrank. „Noch ein Stück Kuchen?“ fragte sie. Moritz schüttelte den Kopf und Sofie goss den letzten Rest Kakao in seine Tasse. Dann setzte sie sich wieder zu ihm.
„Weißt du, was Mareike betrifft – ich weiß, dass sie dir gefällt. Sie ist ja auch wirklich ein nettes Mädchen. Und ich glaube, sie mag dich auch. Denk daran, Moritz, du musst nicht gleich mit einem Heiratsantrag vor ihrer Tür stehen. Aber du könntest versuchen, einmal mehr als zwei Sätze hintereinander mit ihr zu sprechen. Einfach so.“
Diese revolutionäre Idee musste er erst mal sacken lassen. „Einfach so?“ fragte er sicherheitshalber nach.
„Ja, einfach so.“
Das überforderte ihn im Augenblick. Darüber würde er nachdenken müssen. Er stand auf. „Danke für den Kakao und den Kuchen, Sofie“, sagte er.
Und dann ging er in seine Wohnung.


Haben euch Sofie oder Moritz schon ein wenig neugierig gemacht? Dann freue ich mich sehr über einen Kommentar. Anfang September könnt ihr Sofie und Moritz hoffentlich auf ihrer ganzen Reise begleiten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen