Mittwoch, 1. August 2012

Die Steckbuchstaben

Eigentlich passte sie nicht in sein Auto. Klein und zierlich, in ihrem grauen Seidenkleid und dem gleichfarbigen Hut, wirkte sie auf dem Sitz seines Pick-ups wie eine verlorengegangene Flaumfeder.
Er warf ihr mehrfach verstohlene Blicke zu, öffnete den Mund, um ein Gespräch zu beginnen – und schloss ihn wieder. Ihre distanzierte Vornehmheit schüchterte ihn ein. Und so schwieg er.

Janosch war hier in dem Dorf geboren und aufgewachsen. Er kannte seine Kühe, Schafe und Pferde. Und er kannte die einfachen, bodenständigen Frauen, die hier lebten. Er kannte auch die Feriengäste, die regelmäßig auf den Hof kamen. Jedoch dieses zarte, graue Flaumfedergeschöpf war ihm fremd.

Wie alt mochte sie sein? Sechzig? Oder schon siebzig?
Er sah sie unsicher an.
Sie bemerkte seinen Blick – und schenkte ihm ein gnädiges Lächeln.
Endlich wagte er es, das Gespräch zu beginnen.
„Heiß heute“, murmelte er. „Wird wohl ein Gewitter geben.“
Sie nickte zustimmend. „Gewitter reinigen die Luft.“
Darauf wusste er nichts zu sagen – doch das war auch nicht nötig, denn sie begann zu erzählen.

„Zweimal im Jahr reise ich. Im Frühling fahre ich ans Meer, und im Herbst verbringe ich meinen Urlaub auf einem Bauernhof. Das gönne ich mir. Ansonsten führe ich ein sehr einfaches Leben – seit Oskar tot ist.“
Janosch nickte verständnisvoll. Ein einfaches Leben kannte er.

„Oberregierungsrat Oskar Zimmermann war mein Mann“, erzählte sie weiter. „Er starb vor acht Jahren.“ Sie sah ihn auffordernd an. Janosch öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es fiel ihm nichts ein.
Sein Beileid nach acht Jahren auszusprechen? Lächerlich.
Also wartete er – aber sie schwieg beharrlich.
Unruhe stieg in ihm auf. Nervosität. Schließlich murmelte er rasch und undeutlich:
„Mein Beileid.“
„Danke“, erwiderte sie hoheitsvoll – und fuhr fort.
„Er war ein guter Mann, mein Oskar. Es gibt so viele schlechte Menschen auf dieser Welt – aber ausgerechnet mein Oskar musste sterben.“
Sie sah Janosch an, als trage er Mitschuld, und er zog instinktiv den Kopf ein.
„Es sterben immer die Guten“, fügte sie mit Nachdruck hinzu. „Das hat mein Oskar nicht verdient.“
„Die Schlechten sterben auch“, wagte Janosch einzuwenden, doch sie überhörte seinen Einwurf.
Ein kurzer, missbilligender Blick – dann sprach sie weiter:

„Mein Oskar war ein gebildeter Mann. Schließlich war er Oberregierungsrat. Das stand auch auf dem Türschild seines Büros im Ministerium – kleine weiße Steckbuchstaben auf schwarzem Grund.“
Sie lächelte versonnen bei der Erinnerung.
„Ja“, fuhr sie fort, „doch dann kam dieser unheilvolle Tag.
Ohne Vorankündigung wurden sämtliche überflüssigen Buchstaben abmontiert und eingesammelt.
Und plötzlich stand an Oskars Tür nur noch sein Name – in nüchternen Großbuchstaben: OSKAR ZIMMERMANN.
Das hat ihm das Herz gebrochen.“

In Janoschs Kopf arbeitete es. Wo genau lag das Problem?
An seiner eigenen Haustür stand überhaupt kein Name – die Vorstellung, dort weiße Steckbuchstaben anzubringen, schien ihm absurd.
JANOSCH DAMPFHOFER – in Großbuchstaben!
Seine Frau Theres hätte ihn wohl für verrückt erklärt.

Die graue Flaumfeder-Frau sah ihn an und seufzte leise.
„Er hatte so wenig Freude im Leben. Nur seine Arbeit, unseren Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und mich. Und dann war da noch dieses eine Wort: Oberregierungsrat.“
Sie hielt kurz inne.
„Und dann war dieses Wort – das wichtigste seines Lebens – weg. Abmontiert.“
Janosch verstand immer noch nicht, worauf sie hinauswollte.

„Und von da an ging es mit ihm bergab“, fuhr sie fort. „Er ging zwar weiter ins Ministerium, Tag für Tag, pflichtbewusst wie immer. Aber er war nicht mehr derselbe. Ich kochte ihm täglich sein Lieblingsessen. Ich lud seine alten Freunde ein und veranstaltete kleine Feste. Sogar einen guten Psychotherapeuten suchte ich ihm. Ich bastelte Transparente, mit denen er vor dem Ministerium demonstrieren konnte. Und ich kaufte ihm ein kleines Schild für unsere Schlafzimmertür: OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN. Aber nichts davon konnte ihn wirklich trösten.“

Sie blickte versonnen aus dem Fenster.
„Ach, ich hätte mein Leben gegeben, wenn ich ihm dadurch dieses Wort hätte wiedergeben können.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Als ich ihm das sagte, sah er mich mit Tränen in den Augen an: ‚Das würdest du wirklich für mich tun, Adele? Dein Leben würdest du geben? Eine größere Freude könntest du mir nicht machen.‘“ Sie lächelte zärtlich. „Ja, so war er, mein Oskar. So leicht zu erfreuen. Wie ein Kind.“

Janosch versuchte verzweifelt, einen Sinn in dieser Erzählung zu erkennen.
„Irgendwann hörte er auf, zur Arbeit zu gehen“, fuhr sie fort. „Stattdessen machte er lange, einsame Spaziergänge mit Kaiser Wilhelm. Viele Stunden am Tag.“
Sie seufzte leise.
„Kaiser Wilhelm war ein kleiner, zarter Hund – ein Rehpinscher mit schwacher Lunge. Die Strapazen dieser Wanderungen waren zu viel für ihn. Er starb an Erschöpfung. Und Oskar wurde noch ein wenig stiller. Von da an ging er allein.“

Janosch schüttelte ungläubig den Kopf. „Und das alles wegen dieser paar Buchstaben?“ Die graue Dame nickte langsam. „‚Adele‘, hat er oft gesagt, ‚mein ganzes Leben habe ich dem Ministerium gewidmet. Dem Staat treu gedient. In Ehren Oberregierungsrat geworden. Und nun bin ich ihnen nicht einmal mehr das eine Wort wert.‘ – ‚Es ist doch nur ein Wort‘, sagte ich ihm. Aber für ihn war es mehr als ein Wort. Es war sein Leben.“ „Eine Affenschande ist das“, murmelte Janosch verwirrt. Denn wirklich begriffen hatte er es immer noch nicht.

„Und eines Tages starb er dann“, fuhr sie fort. „Ganz still. Ohne Aufsehen. Er legte sich einfach hin – und starb.“ Sie machte eine Pause. „Und schuld war das Ministerium.“ Sie runzelte die Stirn. „Als ich jedoch Entschädigung verlangte, weil er mir so früh weggestorben war, wies man mich ab. Man hatte ihm seine Würde genommen, und die Konsequenzen waren allen egal.“ Sie seufzte tief.

„Er starb tatsächlich wegen dieser Buchstaben? Wegen eines lumpigen Wortes?“ Janosch konnte es nicht glauben und starrte sie fassungslos an. Fast wäre er deswegen in den Straßengraben gefahren.

„Ja“, antwortete sie fest, „er hatte eben Prinzipien! Und auf seinem Grab steht jetzt ganz groß und in Goldbuchstaben: OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.“

„Die kann ihm nun ja wohl keiner mehr wegnehmen“, murmelte Janosch. Ihm war diese ganze Buchstabengeschichte noch immer nicht verständlich. Doch langsam begann er zu ahnen, wie einsam ein Mensch sein musste, dessen Lebensinhalt das Ministerium, diese graue Frau, der Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und ein Wort aus Steckbuchstaben gewesen waren.

Er dachte an sein eigenes Leben, das ihm oft genug mühsam erschien, an all die Schwierigkeiten und Widrigkeiten, die ihn zuweilen herausforderten. Er dachte an seine Frau Theres, deren Kampfgeist er seit ihrer gemeinsamen Schulzeit fürchtete und die doch unumstößlich zu seinem Leben gehörte. Er dachte an seine Kinder, seine Freunde und all die anderen Menschen und Tiere, die sein Leben bevölkerten. Nein – einsam war er nicht.

Und plötzlich fühlte er Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass er kein einziges Wort kannte, das solche Macht über ihn hatte – und für jedes Problem, das er lösen konnte, ohne sich dafür hinlegen und sterben zu müssen.

Er lächelte die Frau an seiner Seite warm und herzlich an. Und lächelnd fuhr er die letzten Meter bis zu seinem Hof.



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