Freitag, 10. Juli 2026

Ein bisschen neben der Spur ...

Viele von euch begleiten mich seit Langem beim Schreiben. Manche haben miterlebt, wie aus einer kleinen Idee nach und nach eine Geschichte wurde.

Heute möchte ich euch die ersten Seiten meines neuen Romans zeigen.. Sofie ist siebzig geworden und beschließt an ihrem siebzigsten Geburtstag, ihr Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen. Und dann ist da noch Moritz - ein junger Mann, der von klein auf gehört hat, er sei nicht die hellste Kerze auf der Torte. Beide entwickeln sich auf eine Weise, die keiner von ihnen für möglich gehalten hätte. Und ganz nebenbei schenken sie einander den Mut, neue Wege zu gehen.

Ich freue mich sehr, euch heute die ersten Seiten zeigen zu können. Der Roman befindet sich gerade auf den letzten Metern. Wenn alles gutgeht, wird er voraussichtlich Anfang September erscheinen. Bis dahin wünsche ich euch viel Freude mit dieser kleinen Leseprobe – und ich freue mich natürlich über eure Gedanken zu Sofie und Moritz.



1 – Geburtstag


„Mama, findest du nicht, dass diese Bluse ein wenig zu … rot ist?“ Ich stellte langsam meine Kaffeetasse, aus der ich gerade trinken wollte, auf den Tisch zurück und sah meine Tochter an. „Zu rot? Wie meinst du das?“ „Naja“, sie zuckte die Schultern und rümpfte leicht die Nase. „Zu rot eben. Du bist nicht mehr dreißig.
Ich sah sie von oben bis unten an. „Du, meine liebe Luisa, bist aber auch nicht mehr dreißig. Und vor allem bist du nicht ganz so schlank, wie du zu glauben scheinst.“ Am Tisch kehrte augenblicklich Stille ein. Alle starrten Luisa an, denn jeder wusste, wie empfindlich sie auf Kritik reagierte. Nun, sie hatte den Anstand, wenigstens zu erröten, was im Hinblick auf die Fettpölsterchen, die sich durch ihr enges T-Shirt abzeichneten, auch nur recht und billig war. Mein Ex-Mann Konrad murrte: „Lass doch das Kind in Ruhe. So alt und dick ist sie dann auch wieder nicht.“ Oh, Gott, Konrad hatte es wirklich drauf, immer die richtigen Worte zur rechten Zeit zu finden. Und Luisa – die sprang auf und verließ beleidigt den Raum.
„Da hast du es jetzt“, sagte Konrad vorwurfsvoll. Florian grinste verhalten, Luitgard unverhohlen. Nur Marga, meine jüngere Tochter, zeigte Mitgefühl mit ihrer Schwester. „Sie kann doch nichts dafür, dass sie ein wenig aus der Form gegangen ist.“
„Mag sein“, konterte Florian. „Aber für das T-Shirt kann sie was.“

Heute war mein siebzigster Geburtstag. Und rund um meinen Tisch saßen meine beiden Töchter, mein Sohn, meine beste Freundin Luitgard - und mein geschiedener Mann. Er ließ es sich nicht nehmen, zu jedem meiner Geburtstage aufzutauchen. Mit einundzwanzig gelben Rosen. Warum auch immer. Und zu meinem Leidwesen beschränkten sich seine Besuche nicht auf Geburtstage. Er kam auch zwischendurch immer wieder mal vorbei. Genaugenommen fast täglich. Um nach dem Rechten zu sehen, wie er sagte.
Diese Aufgabe nahm er sehr ernst.
Er war der Ansicht, ohne sein regelmäßiges Erscheinen wäre der Kater längst verhungert, die Blumen verdorrt und ich vereinsamt.
Ich hätte Konrad gern erklärt, dass Luisa mit siebenundvierzig weder ein Kind war noch aus heiterem Himmel in dieses T-Shirt hineingefallen sein konnte, aber zu meinem Geburtstag hatte ich mir vorgenommen, nicht bei jedem Bissen auch noch eine Grundsatzdebatte zu servieren. Also schwieg ich und griff nach einem Stück Apfelkuchen, das Marga, meine jüngere Tochter, mir auf den Teller geschoben hatte. Es war ihr stiller Beitrag zum Familienfrieden.
"Nun esst doch", sagte ich. Das ist in unserer Familie seit Ewigkeiten der Satz, mit dem man jede Katastrophe kurzfristig mit etwas Fettem, Süßem und Dickmachenden überdeckt. Luitgard lachte, Florian goss sich Wein nach, und Konrad sah mich an, als sei ich ein unberechenbares Wetterphänomen, das man seit Jahrzehnten studiert und doch nie ganz versteht.
Früher hatte mich sein Blick weich gemacht. Früher hatte ich überhaupt vieles mit mir machen lassen: Konrads Fürsorge, seine Ratschläge, seine Gewissheit, immer besser zu wissen, was gut für mich war. Deshalb hatte er letztendlich auch den Sprung vom Ehemann zum Ex-Mann geschafft. Nach der Scheidung hatte er allerdings beschlossen, sein Amt als verantwortungsvolle Oberaufsicht nicht so einfach aufzugeben. Er kam und ging, wann er wollte. Er war zu einer Art unliebsamem Hausgeist geworden. Nie war man vor ihm sicher. Nie wusste man, wann er auftauchte.

Aus der Küche hörte man Geschirr klappern. Luisa klapperte immer, wenn sie beleidigt war. Schon als Kind hatte sie Türen nicht einfach geschlossen, sondern mit Nachdruck zugeschlagen. Marga warf mir einen Blick zu, der fragte, ob ich nicht doch aufstehen und meine älteste Tochter trösten wollte. Ich erwiderte ihn mit dem Blick einer Frau, die siebzig geworden war und fand, dass an diesem Tag ausnahmsweise einmal jemand anders hinter den Empfindlichkeiten der Familie herräumen durfte. Nun, es dauerte ja auch nicht allzu lange, bis die immer noch beleidigte Luisa wieder am Tisch erschien und sich schweigend auf ihren Platz setzte. Vermutlich fürchtete sie, sonst nichts mehr vom Apfelkuchen zu erwischen.

Dann klingelte es. Zweimal kurz, einmal lang. Ich brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, wer das war. Nur ein Mensch auf der Welt klingelte auf diese etwas aufdringliche Weise: mein Bruder Hubert. Luitgard verdrehte die Augen. "Wenn jetzt auch noch Hubert kommt", murmelte sie, "dann brauchen wir etwas Stärkeres als Rotwein.“
Florian lachte, Marga stand auf, um zu öffnen, und ich lehnte mich zurück. Es war merkwürdig: Je älter ich wurde, desto stärker wurde das Gefühl, auf den immer gleichen Gleisen zu fahren. Es kamen  immer dieselben Leute in denselben Kombinationen an meinen Tisch, und jeder brachte seinen alten Vorwurf mit, sorgfältig verpackt wie ein Geschenk, das man nicht wollte.
Als Hubert ins Esszimmer trat, geschniegelt, mit einem schmalen Paket unter dem Arm und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der selbst seine Glückwünsche nur unter Vorbehalt verteilte, wusste ich sofort: Der eigentliche Geburtstag würde erst jetzt beginnen.
Feierlich überreichte er mir sein Paket. „Gut siehst du aus“, sagte er. „Man sieht dir die fünfundsiebzig kaum an.“
„Danke, Hubert. Welch bezauberndes Kompliment. Besonders im Hinblick darauf, dass ich erst siebzig bin.“
Hubert setzte sich. „Siebzig – fünfundsiebzig. Wo ist da der Unterschied?“ Er schenkte sich ein Glas Wein ein und griff nach einem Stück Apfelkuchen. „Das hätte es bei unserer Mutter nicht gegeben. Apfelkuchen zum Geburtstag! Eine Schwarzwälder Kirschtorte war das Mindeste.“ Er biss genussvoll in den Apfelkuchen.

Es klingelte abermals. Moritz, mein Nachbar. Mit einem Päckchen und einem Blumenstrauß. Es gab drei Wohnungen auf unserem Flur. Meine Wohnung, die von Moritz, und am Ende des Flurs wohnte Mareike. Ich mochte sie beide.
Moritz war ein schüchterner, junger Mann, und er war rettungslos in Mareike verliebt. Das wusste sie jedoch nicht. Und wenn es nach ihm ging, würde sie es auch nie erfahren.
Sie kam eine halbe Stunde später. Mit einer Schüssel voller Erdbeerbowle. Und einer wunderschönen, roten Orchidee.
Sie gratulierte mir herzlich und stellte die Erdbeerbowle auf den Tisch. Ich nahm ihr die Orchidee ab und platzierte sie vor dem Fenster. „Du wirst sie zu viel gießen“, sagte Konrad. Hubert nickte seufzend. „Luisa fügte mit etwas schriller Stimme hinzu: „Mama hatte noch nie ein Händchen für Blumen.“
Ich lächelte, als hätte irgendjemand etwas Lustiges gesagt. Dann holte ich Gläser für die Bowle.
Konrad, der gleich einmal einen kräftigen Schluck nahm, sagte: „Sofie, dir ist aber schon klar, dass du nicht zu viel davon trinken solltest. Du verträgst Alkohol schlecht. Du weißt doch noch … damals auf Madeira …“ Ja, ich wusste es, obwohl es mehr als vierzig Jahre her war. Ich hatte etwas zu viel getrunken, und dann zum Kellner gesagt, er sei ein schnuckeliges Kerlchen. Was er auch war.
Hubert sagte: „Die arme Orchidee. Ich sehe es schon kommen, dass du sie zu Tode gießen wirst. Du hast dir ja immer schon damit schwergetan, das richtige Maß zu finden.“
„Ja, gleich wie beim Alkohol“, warf Konrad ein, und sie nickten einander in tiefem Einverständnis zu.
„Ihr wiederholt euch“, sagte ich ruhig.
Luisa, die es nur selten schaffte, ihre unqualifizierte Meinung für sich zu behalten, fügte spitz hinzu: „Wäre schade um die Blume. Zu der passt rot wenigstens. Aber sie ist ja auch noch nicht siebzig.“ Sie blickte selbstzufrieden in die Runde und wartete auf Zustimmung. Konrad und Hubert lachten. Florian, Marga, Luitgard, Moritz und Mareike nicht.
Und plötzlich kam mir ein Gedanke. Ein vollkommen rebellischer, aufsässiger Gedanke. Ich war jetzt siebzig. Und ich würde ab heute nur mehr tun, was ich wollte. Ich würde mir von niemandem mehr sagen lassen, was gut für mich sei, was ich trinken dürfe, welche Farben ich tragen könne, wann ich den Kater zu füttern und die Blumen zu gießen hätte, und was meinem Alter angemessen sei.
Ich klopfte an mein Glas.
Und es geschah tatsächlich, was ich nicht erwartet hatte. Alle wurden still und sahen mich an.
Als ich all die erwartungsvollen Blicke sah, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich sah sie an, einen nach dem anderen. Marga und Florian lächelten. Luisa starrte beleidigt aufs Tischtuch. Konrad hatte vor Spannung den Mund leicht geöffnet, was ihm ein etwas dämliches Aussehen verlieh. Mein Bruder hatte sich mit verschränkten Armen zurückgelehnt. Und Luitgard sah mich aufmunternd an.
Ich räusperte mich. „Ich bin heute siebzig Jahre alt geworden“, begann ich. „Und ich habe entschieden, ab heute nur mehr zu tun, was ich will. Egal, ob es euch gefällt oder nicht.“
Alle starrten mich an. Die meisten etwas verwundert. „Wie meinst du das?“ fragte Marga. „Bilde dir bloß nicht ein, dass wir nicht trotzdem mit dir schimpfen werden, wenn wir es für richtig halten,“ sagte Luisa.
„Dann ändert sich also nicht wirklich was“, grinste Florian. „Mama macht, was sie will. Und Papa und Luisa schimpfen. Genauso, wie wir es immer hatten.“
Ja. So ähnlich konnte man das sehen. Aber doch nicht ganz so. Sie würden sich wundern.
„Und du“, wandte ich mich an Konrad, „gibst mir nun bitte meine Wohnungsschlüssel zurück? Du wirst dich in Zukunft ankündigen müssen, wenn du kommen willst. Denn ich habe keine Lust mehr, dass ich harmlos vom Einkauf zurückkomme, und du stehst in meiner Küche und brätst Spiegeleier.“
Konrad sah mich beleidigt an. „Jetzt übertreibst du aber, Sofie.“ Ich streckte wortlos meine Hand aus. „Was ist, wenn dir etwas passiert? Wenn du stürzt?“
Ich schwieg und hielt ihm meine offene Hand entgegen. Er versuchte es noch einmal. „Ich bin für dich verantwortlich, Sofie.“
Ich hielt ihm schweigend meine Hand entgegen. So lange, bis die Schlüssel darin lagen.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Kampf gewinnen würde. Aber ich hatte ihn gewonnen.
„Wenn es dir recht ist, komme ich morgen vorbei“, schlug Konrad fast ein wenig eingeschüchtert vor. „Sonst steckst du wieder das ganze Meißner Porzellan in die Spülmaschine.“
„Du kannst auch gleich jetzt alles händisch spülen“, sagte ich. „Jetzt bist du schon hier. Dann musst du morgen nicht schon wieder antanzen.“
Da sagte er dann nichts mehr.

Nun, es wurde noch eine lustige Feier. Luisa hatte sich beruhigt und aß ungeachtet ihrer Figur drei Stück Apfelkuchen. Konrad verhielt sich überraschend ruhig, murmelte nur manchmal etwas über unvernünftige ältere Frauen. Und mein Bruder Hubert lachte zweimal, was einem gesellschaftlichen Großereignis gleichzusetzen war.
Alles in allem konnte man das wirklich als gelungenes Fest verbuchen.


2 – Der erste Tag in Freiheit


Es dauerte ein Weilchen, bis sich alle verabschiedeten. Hubert zischte mir noch zu, dass er es für unpassend halte, wenn eine Frau meines Alters sich mit den jugendlichen Nachbarn verbrüdere. Konrad nickte zustimmend. Ich glaube, es war das erste Mal, dass er mit meinem Bruder einer Meinung war. Dann ermahnte er mich, den Kater zu füttern und die Blumen zu gießen. Luisa warf noch einen abfälligen Blick auf meine Bluse. Aber sie sagte nichts mehr. Im Hinblick auf ihr T-Shirt war das auch besser.
Und Luitgard blieb noch ein wenig länger. Als alle weg waren, setzten wir uns mit einem Glas Rotwein aufs Sofa. Eine ganze Weile schwiegen wir und genossen einfach die Ruhe.
Irgendwann fragte sie: „Wie lange wohnt denn Moritz schon neben dir? Ich habe ihn noch nie gesehen.“
„Seit vier Monaten,“ sagte ich. „Er ist still. Fast zu still für sein Alter. Er hält sich nicht für besonders hell, und das macht ihn unsicher.“
„Aber warum denn?“ Luitgard sah mich erstaunt an. „Er wirkt doch nicht dumm.“
„Nein. Aber seine Mutter pflegt zu sagen, er sei nicht die hellste Kerze auf der Torte. Er hat diesen Satz bereits gehört, ehe er verstehen konnte, was er bedeutete.“
Luitgard nickte. „Er sieht durchaus aus, als würde er daran glauben.“
Eine Weile schwiegen wir wieder.
„Und du?“ fragte Luitgard schließlich. „Wie geht es mit dir nun weiter, nachdem du heute ganz überraschend Konrad Grenzen gesetzt hast?“
Ich lächelte versonnen. „Ich kaufe mir einen Hut.“ Luitgard starrte mich an. „Einen Hut? Aber warum denn?“
„Lebensverändernde Maßnahmen beginnen immer mit dem Kauf eines Hutes.“
Das hatte Luitgard nicht gewusst. Kein Wunder, denn ich hatte es mir gerade eben ausgedacht. Aber sie hielt die Idee für durchaus erwägenswert. Auch für sich selbst. Irgendetwas Originelles müsse es sein. Billie, ihre Untermieterin, würde Augen machen, meinte sie lachend. Billie war die jüngere Schwester ihrer Nachbarin. Sie wohne seit einem halben Jahr bei ihr und war gerade dabei, im Leben Fuß zu fassen.
Es war spät, als sie nach Hause ging. Und das mit dem Hut, das hielte sie für eine gute Idee, wiederholte sie. Nun, man würde sehen.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem wunderbaren Gefühl. Einem Gefühl, das ich im ersten Augenblick gar nicht einordnen konnte. Doch dann kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Es war einfach das Gefühl einer Frau, die siebzig geworden war und beschlossen hatte, ab sofort zu tun und zu lassen, was sie wollte. Das Gefühl einer Frau, deren Ex-Mann nicht plötzlich mit vorwurfsvollem Gesicht mitten in der Wohnung stehen und beanstanden konnte, dass der Kater noch nicht gefüttert war. Das Gefühl einer Frau, die plante, sich einen ganz verrückten lila Hut zu kaufen.

Da klingelte es. Ich erwartete niemanden, daher reagierte ich nicht. Es klingelte ein weiteres Mal. Und ein drittes Mal. Dann ertönte Konrads Stimme durch die Tür. „Sofie, hast du Mimi gefüttert?“ Ja, mein Kater hieß tatsächlich Mimi. Das lag daran, dass wir ihn anfangs für ein Mädchen hielten. Als wir draufkamen, dass er ein Junge war, hatten wir uns an den Namen bereits so gewöhnt, dass wir ihn nicht mehr ändern wollten.
Ich lag so lange still in meinem Bett, bis Konrad wieder verschwand. Wie schön, dass er keinen Schlüssel mehr hatte. Aber natürlich war nun auch Mimi eingefallen, dass er noch nicht gefüttert worden war. Er begann erbärmlich zu schreien. Und Mimi war ausdauernd. Also stand ich auf und schlurfte in die Küche. „Ja, ja, ich komm ja schon“, brummte ich. „Halt doch endlich die Klappe, du Pelzgurke.“ Mimi schwieg erschüttert. Solche Töne war er von mir nicht gewohnt. Ich füllte seinen Napf und gab ihm frisches Wasser. Dann ging ich ins Badezimmer.
Als ich eine halbe Stunde später mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch saß, klingelte mein Handy. Konrad.
Ich nahm das Gespräch an. „Guten Morgen“, sagte ich. Konrad nahm sich gar nicht erst die Zeit für eine Begrüßung. „Es hat heute nur 18 Grad. Du musst Socken anziehen. Und hast du den Kater gefüttert? Die Blumen musst du auch gießen. Aber die Kakteen auf der Fensterbank im Wohnzimmer nicht. Die sind erst nächste Woche dran. Und denk daran, …“ Ich legte auf. Still und wortlos. Er versuchte es kein weiteres Mal.

Als ich jedoch eine Stunde später zum Einkaufen ging, da stand er vor der Haustür. Er versuchte einen sanften Gesichtsausdruck, was ihm erbärmlich misslang. Und auch seine Stimme floss über vor Sanftheit. „Sofie“, sagte er. „So geht das doch nicht. Wir waren doch einmal verheiratet.“
„Ja, genau Konrad. Wir waren verheiratet. Präg dir einfach das Wörtchen „waren“ ein – und alles ist gut.“ Er lächelte mich verständnisinnig an. Ganz so, als hätte er mir zugehört. Und war nicht davon abzuhalten, mich zum Einkaufen zu begleiten.
„Ich will doch nur, dass es dir gut geht“, beteuerte er von Zeit zu Zeit.

Im Fenster der Tanzschule war ein Flyer aufgehängt, auf dem für einen Anfängerkurs für lateinamerikanische Tänze geworben wurde. Ich blieb stehen. Das interessierte mich. Der Kurs würde in zwei Wochen beginnen. Konrad wollte mich weiterziehen. Doch es gelang ihm nicht. „Ja“, sagte ich, ohne lange darüber nachzudenken. „Da gehe ich hin. Das ist genau das, was ich jetzt brauche.“
„Sofie“, Konrads Stimme wurde augenblicklich um eine Oktave höher. „Das ist doch nichts für dich. Du bist zu alt. Und überhaupt. Die lachen dich dort aus. Und mit wem willst du denn dort überhaupt tanzen?“ „Du kannst ja mitkommen“, sagte ich ungerührt. „Dann bin ich wenigstens nicht die Einzige, die sie auslachen.“
„Nein!“ Konrad schrie es fast. „Niemals wirst du mich dazu bringen, mich dort zum Kasperl zu machen.“ „Nun, du brauchst ja auch nicht“, sagte ich versöhnlich. „War ja nur so eine Idee.“
Er atmete auf.

Ich gestaltete den Einkauf kurz, denn ich wollte ihn wieder loswerden. Er trug meine Einkäufe, die wahrlich nicht schwer waren, bis vor meine Tür. Dann wartete er, bis ich aufgeschlossen hatte und wollte hinter mir die Wohnung betreten. Doch ich stellte mich ihm den Weg. „Geh wieder nach Hause, Konrad. Ich habe heute wirklich keine Zeit.“
„Wie, keine Zeit? Was soll das heißen? Was hast du vor?“
„Ach, nichts Besonderes. Ich sehe mich nur ein wenig in der Nachbarschaft um, ob es da noch ein paar Jugendliche gibt, mit denen ich mich verbrüdern könnte.“ Damit schloss ich die Tür vor seiner Nase.
Drinnen ließ ich mich aufseufzend auf mein Sofa fallen. Was war der Mann doch anstrengend. Ich mochte ihn ja. Ich war schließlich sechsundvierzig Jahre mit ihm verheiratet gewesen. Aber er benahm sich, als seien wir immer noch ein Paar – nur eben in getrennten Wohnungen. Es wäre wirklich hilfreich, wenn er wieder eine Frau fände, die ihn ein wenig in Atem hielte.
Ich beschloss, nach etwas Passendem Ausschau zu halten. Das war vielleicht kein besonders edler Gedanke. Wahrscheinlich auch kein reifer. Aber was wollte man erwarten von einer Frau, die erst seit vierundzwanzig Stunden in Freiheit lebte?
Vielleicht brauchte Konrad wirklich nur eine Aufgabe, die nicht ich war. Eine Dame mit festen Ansichten und einem Sinn für pünktliche Mahlzeiten. Und der Bereitschaft, sich mit guten Ratschlägen auseinanderzusetzen.
Ich ging im Kopf die Frauen durch, die ich kannte. Frau Steindl aus dem zweiten Stock fiel mir ein. Aber die war wohl nichts für Konrad. Etwas zu energisch. Die machte ihn ja kaputt.
Hannelore aus dem Singkreis schied ebenfalls aus. Die misstraute Männern grundsätzlich. Da machte sie keine Ausnahme.
Vielleicht gab es irgendwo in der Stadt ja eine Selbsthilfegruppe für überfürsorgliche geschiedene Männer. Oder sogar ein Vermittlungsbüro.
Naja, ich musste das Problem ja nicht heute lösen.

3 – Moritz


Moritz war nicht die hellste Kerze auf der Torte. Das wusste er. Er wusste es von seiner Mutter. Die pflegte ihn – als er noch klein war – anzusehen und zu seufzen: „Nun, die hellste Kerze auf der Torte ist er nicht, aber für ein bescheidenes Leben wird es schon reichen.“ Moritz hatte damals nicht gewusst, was sie damit gemeint hatte, und als er einmal wagte, nachzufragen, schüttelte sie nur bekümmert den Kopf und wandte sich ab. Mittlerweile wusste er, was sie damit gemeint hatte. Und ja – er war ja wirklich etwas langsam im Denken. Aber was er noch wusste – sein Leben gelang ihm trotzdem meist recht gut. Er hatte einen Job, den er mochte. Er hatte eine Wohnung, die er mochte. Sein Geld reichte im Allgemeinen so lange, wie es sollte. Und ja, er hatte sogar eine feste Freundin. Zumindest in seinem Kopf. Ihr Name war Mareike, sie wohnte in der Nebenwohnung und - naja, sie wusste nichts von ihrem Glück. Weder, dass sie seine Freundin war, noch dass sein Herz jedes Mal einen Hüpfer machte, wenn er sie sah. Er war keiner, der gleich so mit der Tür ins Haus fiel. Aber sie hatten sich schon manchmal Milch oder Eier voneinander ausgeborgt. Und Moritz fand, das war ein guter Anfang. Die Fortsetzung blieb abzuwarten.

Manchmal, wenn er abends allein in seiner kleinen Küche saß, hörte er durch die dünnen Wände Mareikes Lachen, wenn sie Besuch von ihrer Freundin oder ihrer Schwester hatte. Es klang warm und herzlich, ein bisschen wie Sommer. Oder Sternschnuppen in einer Vollmondnacht. Dann stellte er sich vor, wie es wäre, einfach zu klingeln und sie zu fragen, ob sie vielleicht gemeinsam einen Tee trinken wollten. Doch meist fiel ihm dann seine Mutter ein, die sorgenvoll die Stirn runzelte und seufzte: „Ja, ja, unser Moritz. Ob der wohl mal eine findet, die es mit ihm aushält? Die es überhaupt erst mal versucht mit ihm? Schwierig, schwierig!“. Und so verließ ihn immer der Mut. Mareike war hübsch und lustig. Er war eher grau und langweilig. „Wenn er wenigstens schön wäre“, pflegte seine Mutter zu sagen, wenn sie mit ihren Freundinnen über ihn sprach.

Mareike arbeitete als Buchhändlerin in der örtlichen Buchhandlung. Ein bunter, lustiger Beruf. Er war Pflegehelfer im Krankenhaus. Er wollte früher gerne Diplomkrankenpfleger werden, aber seine Mutter befand, dass dafür seine geistigen Kapazitäten nicht ausreichend seien. So saß er oft nur still da und lauschte dem Leben auf der anderen Seite der Wand.

Und dann war da noch Sofie. Sofie, die ihm zuhörte, wenn er reden wollte, die ihn verstand, ihn ermutigte, die ihm Kakao kochte, wenn er traurig war und die ihn mochte, wie er war. Sofie, die fast wie die Großmutter war, die er nie gehabt hatte.
Er sah es als großes Glück, sie als Nachbarin zu haben.
„Eines Tages“, so sagte er sich selbst, „eines Tages kommt dieser Moment. Dieser eine Moment, an dem sich mein gesamtes Leben ändert. Dieser Moment, an dem ich Moritz bin. Nicht der dumme Moritz. Nicht der Moritz, der es zu nichts bringt. Sondern einfach nur Moritz.“
Dieser Moment kam. Und nicht nur einer, sondern eine ganze Reihe. Jedoch brauchte er ein Weilchen, sie zu erkennen.

Gegen Mittag klingelte er bei Sofie. Sie hatte ihm gestern noch ein Stück Kuchen mitgegeben, und er wollte den Teller zurückbringen. Wenige Minuten später saß er an ihrem Küchentisch, trank Kakao und aß ein Stück Kuchen. Ganz tief in sich drin hatte er sich genau das gewünscht. Es fühlte sich einfach warm an, hier zu sitzen, fast als gehöre er hierher. Warm und vertraut.
Eine Weile saß er schweigend da und genoss das heiße Getränk. Dann sagte er: „Ich fand es gut, wie du gestern deinem Ex den Schlüssel abgenommen hast.“ Sofie lächelte.
Und dann raffte er sich zu einem zweiten Satz auf. „Lass dir bloß von niemandem einreden, dass du zu alt für eine rote Bluse bist.“ Sofie sah ihn an. Lange und eindringlich. Dann sagte sie: „Und du – lass dir bloß von niemandem einreden, dass du zu dumm für irgendetwas bist.“
Moritz senkte den Blick auf seine Kakaotasse. Es war merkwürdig: Wenn andere so etwas zu ihm sagten, klang es meist wie ein Trostpflaster, das nicht recht halten wollte. Bei Sofie klang es anders. Nicht weich und mitleidig, sondern so, als handle es sich schlicht um eine Tatsache, die lange übersehen worden war. Er nickte nur. Mehr brachte er nicht heraus.
Dies war einer der Momente, deren Bedeutung er nicht sofort erkannte. Aber in ihm drin setzte sich etwas in Bewegung, ganz langsam zwar, doch immerhin.
„Weißt du was?“, sagte Sofie. „Wir haben doch irgendwie das gleiche Problem. Wir wollen nicht mehr das sein, was andere in uns sehen. Wir könnten ja eine Challenge starten.“ Moritz starrte sie an. „Du meinst, so eine Art Wettbewerb? Wenn du jünger bist als ich klug, gewinnst du, und wenn ich klüger bin als du jung, gewinne ich?“
Sofie lachte. Laut und herzlich. „Ja, genau so“, sagte sie. Moritz lachte auch. Damit war die Sache entschieden.
Doch da fiel ihm noch etwas ein. „Und schön bin ich leider auch nicht.“
„Sagt wer?“
„Meine Mutter.“
Sofie lächelte ihn warm an. „Wo hat sie nur ihre Augen? Und überhaupt - wollten wir uns nicht befreien von der Meinung anderer?“
Ja. Das wollten sie. Aber ob es so einfach sein würde? Er würde daheim auf alle Fälle noch einmal ganz genau in den Spiegel gucken. Seine Mutter musste ja wirklich nicht mit allem recht haben.
Sofie stand auf und öffnete den Küchenschrank. „Noch ein Stück Kuchen?“ fragte sie. Moritz schüttelte den Kopf und Sofie goss den letzten Rest Kakao in seine Tasse. Dann setzte sie sich wieder zu ihm.
„Weißt du, was Mareike betrifft – ich weiß, dass sie dir gefällt. Sie ist ja auch wirklich ein nettes Mädchen. Und ich glaube, sie mag dich auch. Denk daran, Moritz, du musst nicht gleich mit einem Heiratsantrag vor ihrer Tür stehen. Aber du könntest versuchen, einmal mehr als zwei Sätze hintereinander mit ihr zu sprechen. Einfach so.“
Diese revolutionäre Idee musste er erst mal sacken lassen. „Einfach so?“ fragte er sicherheitshalber nach.
„Ja, einfach so.“
Das überforderte ihn im Augenblick. Darüber würde er nachdenken müssen. Er stand auf. „Danke für den Kakao und den Kuchen, Sofie“, sagte er.
Und dann ging er in seine Wohnung.


Haben euch Sofie oder Moritz schon ein wenig neugierig gemacht? Dann freue ich mich sehr über einen Kommentar. Anfang September könnt ihr Sofie und Moritz hoffentlich auf ihrer ganzen Reise begleiten.

Dienstag, 7. Juli 2026

Mona und Billie - Wie es begann ...

Eigentlich wollte ich nur bei einem Schreibwettbewerb mitmachen. Gesucht war ein Romananfang. Also schrieb ich einen.

Den Wettbewerb habe ich nicht gewonnen. Aber Mona und Billie waren davon völlig unbeeindruckt. Sie blieben einfach bei mir, erzählten ihre Geschichte weiter und machten aus einem Romananfang schließlich ein ganzes Buch.

Manchmal entstehen die schönsten Dinge eben ganz anders als geplant.

Hast du Lust, Mona und Billie kennenzulernen? Dann komm doch einfach mit – hier beginnt ihre Geschichte.

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Rotkäppchen


Meine Schwester erinnerte mich immer an Rotkäppchen.
Nicht, weil sie je eine rote Mütze getragen hätte, sondern weil sie grundsätzlich das Gegenteil von dem tat, was unsere Mutter sagte.
Und wenn irgendwo auf der Welt ein riesiger Wald stand und darin ein einziger Wolf lebte, lief sie ihm zielsicher in die Arme.
So war sie damals.
Und so ist sie heute. Kein bisschen anders.
Wo immer es auf dieser Welt einen bösen Wolf gibt – sie findet ihn.

Ich weiß nicht, ob sie die Wölfe anzieht oder ob sie einfach einen unfehlbaren Spürsinn für sie hat. Vielleicht beides.
Ich war anders. Ruhig. Besonnen. Mein Gehirn lief nie im Stand-by-Modus. Ich stürzte mich nicht einfach kopfüber in jedes Abenteuer, egal wie dumm es auch sein mochte.
Aber sie … sie tanzte durch Dornenhecken, küsste Frösche mit sozialen Defiziten und versuchte, Wölfe mit Dosenfutter zu zähmen.
Und als sie eines Abends vor meiner Tür stand – mit diesem halben, zögernden Lächeln, ihrem Rucksack und einem Koffer –, da wusste ich: Es war wieder so weit.
Und ich wusste noch etwas: Sie würde mein Leben wieder einmal für mindestens sechs Monate auf den Kopf stellen.

„Mona!“, rief sie. „Wie schön, dich zu sehen. Wie lange ist es her?“
Sie schaffte es sogar in diesem mehr als eindeutigen Moment – mit dem Koffer in der Hand und dem zerschlissenen Rucksack auf dem Rücken –, so zu tun, als sei sie meinetwegen hier. Als hätte die Sehnsucht nach mir sie vor meine Tür geweht.

„Wie heißt er diesmal?“, knurrte ich, so freundlich ich eben knurren konnte. Es war nicht besonders freundlich, aber ich bemühte mich. Immerhin war sie meine Schwester.
„Acht Monate lang haben wir kaum etwas von dir gehört. Keiner wusste so recht, wo du dich herumtreibst. Vier WhatsApp-Nachrichten – das war alles.“
Sie sah mich vollkommen erstaunt an. „Aber ich hab euch doch geschrieben, dass ich den Sommer über auf Mallorca in einer Strandbar gearbeitet habe.“
„Und im Winter?“
„Aber das schrieb ich euch doch auch. Lest ihr meine Nachrichten überhaupt?“
Irgendwie schaffte sie es immer, den Spieß umzudrehen – und am Ende war ich die Schuldige.
„Das wusstet ihr doch. Ich habe jemanden kennengelernt – Claude. Wir wollten heiraten. Es war ziemlich knapp davor. Den Winter habe ich bei ihm in der Schweiz verbracht.“
„Und warum bist du jetzt hier?“ Ich konnte meinen Ärger nur schwer verbergen.
Billie seufzte. „Wenn du mich vielleicht erst reinlässt, erzähl ich’s dir.“

Sie hatte recht. Frau Mückenstein gegenüber hatte garantiert schon wieder ihr Ohr an der Tür und war bereit, jedes Drama live mitzuerleben. Ich öffnete die Tür ein Stück weiter und trat zur Seite.
Billie wuchtete ihren Koffer in meinen Vorraum und ließ den Rucksack mit einem müden Ruck von den Schultern gleiten. Dann sah sie mich an – und zum ersten Mal schimmerte in ihren Augen etwas wie Unsicherheit auf.
„Unten auf dem Gehsteig stehen noch zwei Koffer“, sagte sie, zuckte hilflos mit den Schultern und verschwand wieder die Treppe hinunter.

Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch einen winzigen Rest Hoffnung bewahrt. Vielleicht war sie wirklich nur auf Besuch. Vielleicht ging es ihr gut. Vielleicht war sie nur vorbeigekommen, weil sie mich vermisst hatte.
Aber nun wusste ich es.
Ich war verloren.

Als Billie schließlich mit all ihren Habseligkeiten in meinem Vorraum stand, kam die unvermeidliche Frage:
„Du, Mona … dein Gästezimmer ist doch frei, oder?“
Ich sah sie an. Lange. Eindringlich. Ich rang um eine Antwort. Ich wollte nicht lügen. Trotzdem hörte ich mich flüstern: „Rupert ist bei mir eingezogen.“
Billie lachte. „Aber, Mona, das glaubst du doch selbst nicht. Du kennst ihn doch erst seit fünf Jahren. Da muss er froh sein, wenn er hin und wieder hier übernachten darf.“
Ich seufzte. Sie hatte recht – ich traf ungern lebensverändernde Entscheidungen.
„Aber es hätte doch sein können“, sagte ich hilflos.
„Also ist dein Gästezimmer frei?“
Ich nickte.

Sie fiel mir um den Hals. „Du bist die Beste, Mona. Ich wusste, du würdest mich nicht im Stich lassen.“
Ganz so, als hätte ich sie eingeladen, zu bleiben.
Sie begann unverzüglich, ihr Gepäck in mein Gästezimmer zu schleppen, schob alles in eine Ecke und durchwühlte dann meine Schränke auf der Suche nach Bettwäsche.
Ich stand da – hilflos, ratlos.
Ich hätte gleichzeitig lachen und weinen können.
Lachen, einfach weil sie da war.
Und weinen – na ja, auch einfach, weil sie da war.

Ich wusste, wie es war, mit Billie zusammenzuleben. Wir waren einfach zu verschieden. Ich mochte Ordnung – Billie war Ordnung herzlich egal.

„Du räumst das Gästezimmer selbst auf“, sagte ich schließlich. „Und die Küche auch. Täglich.“
„Ja, ja“, murmelte sie und fuhr fort, in meinen Schränken zu wühlen.
„Und du suchst dir unverzüglich einen Job.“
„Ja, klar. Du klingst schon wie Mama. Weißt du das eigentlich?“
„Und keine Männer hier drin.“
Sie erstarrte und drehte sich langsam zu mir um.
„Wie, keine Männer? Wie meinst du das?“
„Wonach klingt es?“ Ich spürte, wie meine Geduld zu bröckeln begann. „Ich will hier einfach keine fremden Männer durch die Wohnung laufen haben. Ist das klar?“
„Aber wenn ich den Mann fürs Leben kennenlerne – was soll ich ihm dann sagen? Meine Schwester erlaubt keine Herrenbesuche? Wie soll ich denn da dastehen?“
Sie sah aus, als würde sie gleich zu weinen beginnen. Das konnte sie. Die Mitleidsmasche hatte sie perfektioniert – seit ihrer Geburt, um genau zu sein. Aber diesmal fiel ich nicht darauf herein.
„Wie jemand, der sich gerade auf Gedeih und Verderb seiner Schwester ausgeliefert hat“, sagte ich ungerührt.

Zwanzig Minuten später saßen wir beim Tee, und Billie erzählte mir in knappen Worten, in welches Fiasko sie sich diesmal gestürzt hatte.
„Du ahnst nicht, wie Claude war“, begann sie. „Auf ihn wärst sogar du hereingefallen.“
„Das bezweifle ich stark“, entgegnete ich trocken.
Sie tat, als hätte sie mich nicht gehört. „Er kam täglich in die Strandbar. Und er hatte Geld – jedenfalls schien es so. Er bestellte immer die teuersten Cocktails. Männer mit Geld haben so etwas … Erotisches an sich, findest du nicht?“
Ich fand das nicht. Aber ich schwieg.
„Wir hatten einen wundervollen Sommer.“ Ihre Stimme bekam diesen verträumten Klang, den sie immer hatte, wenn sie durch die rosaroten Bruchstücke ihrer Erinnerungen spazierte. „Wir wollten heiraten. Im Frühling. In der Schweiz. Er hatte die Möglichkeit, bei einem Freund in dessen Softwareunternehmen einzusteigen. Eine Goldgrube, sagte er. Nur reichte sein Geld dafür nicht aus.“
„Du hast ihm dein Erspartes gegeben“, flüsterte ich.
Sie antwortete nicht. Stattdessen sah sie mich mit weit geöffneten Augen an, und plötzlich rannen Tränen über ihr Gesicht.
Ich saß da und konnte es nicht glauben. Lernte sie es denn nie? Aber … sie war Billie. Was hatte ich erwartet?

„Deine Erfahrung mit Pierre hat dir nicht gereicht?“
„Pierre“, sagte sie, „der war doch ganz anders. Der lässt sich mit Claude doch gar nicht vergleichen.“

Pierre trug Maßanzüge, redete von Achtsamkeit, Vertrauen und ewiger Liebe – und dann fuhr er ihr Auto zu Schrott, überzog ihre Kreditkarte bis ans Limit und verliebte sich in ihre beste Freundin Luisa. Erst als er auch noch ihre Lieblingskaffeetasse zerbrach, war das Maß voll. Billie warf ihn hinaus, er bestieg das nächste Flugzeug, erhob sich in die Lüfte – und ward nie mehr gesehen.
Und Billie – die kam zu mir. Und blieb. Vier Monate, zwei Wochen, drei Tage und sechs Stunden lang.

„Warum kannst du eigentlich nicht bei Mama und Papa wohnen?“, fragte ich schließlich in der leisen Hoffnung, dass es noch einen Ausweg für mich gab. „Bei denen ist mehr Platz als bei mir.“
„Du kennst Mama. Wegen der Leute“, sagte Billie mit einem müden Lächeln. „Mama hätte viel zu große Angst davor, was die Leute sagen könnten, wenn ich schon wieder da bin.“
Ich glaubte ihr aufs Wort. Unsere Mutter hatte eine panische, geradezu legendäre Angst vor den Leuten. Was immer die Leute denken könnten, bestimmte ihr ganzes Leben. Diese Angst stand über allem, sogar über mütterlicher Fürsorge.
„Was werden die Leute nur sagen?“ war einer ihrer Standardsätze. Der zweithäufigste: „Du machst uns nur Schande.“
Dieser Satz galt nahezu ausschließlich Billie.

So gesehen war es vielleicht wirklich besser, wenn sie bei mir blieb.
Ich seufzte tief. Ich liebte Billie.
Mit allem, was sie mitbrachte – einschließlich ihres Chaoslebens.
Und das wusste sie.

Wir redeten noch lange. Ich versuchte, Billie keine Vorwürfe mehr zu machen. Sie war eben, wie sie war.
Aber etwas musste ich noch loswerden.
„Billie, warum bist du eigentlich so impulsiv? So vertrauensselig? Warum lernst du nicht aus Erfahrungen?“
„Weil du in unserer Familie die Vernunft ausgefasst hast“, sagte sie trocken. „Für mich blieb keine mehr.“
Und dann, nach einer kurzen Pause: „Trägst du eigentlich immer noch ein Ersatz-T-Shirt in deiner Tasche herum?“
Ich nickte trotzig. Ich war eben gern vorbereitet. Leider neigte ich dazu, mich beim Essen zu bekleckern.

Als wir endlich schlafen gingen, war ich hellwach.
Ich lag in meinem Bett, starrte an die Decke, und meine Gedanken drehten sich wie ein Karussell, das sich nicht stoppen ließ.
Ich dachte an Billie – wie sie sich ohne Zögern in jedes Abenteuer stürzte, ohne je das Für und Wider gegeneinander abzuwägen.
Und ich dachte an mich.
Ich war anders. Ich mochte es, einen Regenschirm bei mir zu haben und einen Zettel mit allen wichtigen Telefonnummern – für den Fall, dass ich mein Handy verlor.

Vor fünf Jahren hatte ich Rupert kennengelernt.
Ich liebte ihn.
Es war nicht gerade diese himmelhochjauchzende Verliebtheit. Die wurde meiner Ansicht nach sowieso überbewertet. Aber wir passten zusammen.
Er war treu und zuverlässig. Er sah ganz gut aus und legte Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Bei ihm musste ich mit keinen Überraschungen rechnen. Er war vertraut. Vorhersehbar.
So wie mein ganzes Leben bis dahin verlaufen war.
Meine Kindheit.
Meine Jugend.
Selbst meine Pubertät war so unspektakulär gewesen, dass meine Eltern sie völlig übersehen hatten und eines Tages überrascht feststellten, dass ich erwachsen geworden war.

Als es um meine Berufswahl ging, wagte ich zum ersten Mal so etwas wie einen stillen Aufstand.
Ich wollte Gesang studieren.
Doch meine Eltern waren der Meinung, Grundschullehrerin sei die bessere Wahl.
Ein sicherer Job, meinten sie.
Und: „Singen kannst du dort schließlich auch.“
Ich habe lange mit mir gerungen.
Und schließlich nachgegeben.
Nicht einmal widerwillig – eher resigniert.
Denn sie hatten recht. Hier gab es Sicherheit.
Berechenbarkeit.
Keine allzu großen Überraschungen.
Die Abläufe waren klar.
Und das Leben inmitten dieser kleinen Welt fühlte sich … beruhigend vorhersehbar an.
Genauso, wie ich es mochte.

Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich träumte, Billie stünde in meiner Küche und bereitete das Mittagessen zu. Doch selbst im Traum war mir klar: Das musste ein Traum sein. Denn hinterher räumte sie die Küche auf.


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Montag, 22. Juni 2026

Ein Zettel auf meinem Schreibtisch ...

Mein Schreibtisch ist ein interessanter Ort. Zwischen Manuskripten, vollgekritzelten Notizzetteln, einer halbleeren Kaffeetasse und den üblichen Dingen, die sich auf Schreibtischen ansammeln, tauchen manchmal kleine Schätze auf. Gestern fiel mir ein Zettel in die Hände, den ich offenbar vor einiger Zeit geschrieben und aufbewahrt hatte.

Auf dem Zettel standen einige Worte aus der aramäischen Gebetstradition sowie deren spirituelle Deutungen, die ich mir damals notiert hatte.

Die Deutungen stammen nicht von mir. Dennoch müssen sie damals etwas in mir berührt haben, denn sonst hätte ich sie nicht aufgeschrieben.


MaranathaDie göttliche Präsenz ist bereits hier

AbwunDie Quelle von allem ist in dir

SlamFrieden ist deine grundlegende Natur

Rucha (Ruha) – Der göttliche Atem ist in jedem Atemzug

HayyaDu bist ewiges Leben jenseits der Zeit

MalkutaDas Königreich ist jetzt in dir

SchemDie ursprüngliche Schwingung ist dein wahrer Name


🌟

Ich habe über diese Worte nachgedacht. Was sagen sie mir? Welche Gedanken lösen sie in mir aus? Vielleicht hört jeder etwas anderes in ihnen. Doch für mich erzählen sie immer wieder von derselben Wirklichkeit.

Maranatha Die göttliche Präsenz ist bereits hier.
Es gibt nichts, worauf wir warten müssen. Alles, was ist, ist in diesem Augenblick vollkommen da. Wir müssen nichts suchen, nichts erreichen, nichts beweisen. Wir müssen nur sein. Wir sind göttliche Wesen in einem göttlichen Universum.

AbwunDie Quelle von allem ist in dir.
Abwun ist die Ur-Anrede für Gott und das erste Wort des aramäischen Vaterunsers.
Und diese wunderschöne Deutung dieses Wortes führt uns genau dahin, wo wir sein sollen. Zu uns selbst. Wir müssen nirgendwo hingehen, um das Göttliche zu suchen. Es atmet in uns und in allem, was ist. In jedem Augenblick unseres unendlichen Seins.

Slam Frieden ist deine grundlegende Natur.
Wie schön ist das denn? Vielleicht brauchen wir nur loszulassen, was unsere innere Natur verdeckt. Urteile, Hass, Rachegedanken, alle Alltagsgedanken, die auf Kampf und Konkurrenz ausgerichtet sind, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen – und schon liegt unsere Grundnatur frei da. Wir müssen Frieden nicht erarbeiten oder herstellen. Wir brauchen nur loszulassen, was wir darübergebreitet haben.

RuchaDer göttliche Atem ist in jedem Atemzug.
Atem ist Leben. Jeder Atemzug ist ein heiliger Tanz des Lebens mit sich selbst. Feiern wir unseren Atem. Feiern wir jeden einzelnen Atemzug, denn er ist wohl das göttlichste aller Geschenke. Er ist das Leben selbst.

HayyâDu bist ewiges Leben jenseits der Zeit.

Das wird nicht jeder gleich sehen. Der eine bezieht es auf das ewige Wesen, das wir sind. Der andere bezieht auch den Körper in diese Überlegung mit ein. Ich zum Beispiel. Ist es nicht Gottes Versprechen, dass der Tod der letzte Feind ist, den wir besiegen werden? An diesem Punkt überlasse ich euch euren eigenen Gedanken.

Malkuta Das Königreich ist jetzt in dir.
Es gibt keinen Ort in der Zukunft, auf den wir warten müssen. Das Paradies ist nicht erst für die Zeit nach dem Tod geplant. Es schwebt nicht über den Wolken, es ist kein ferner Raum, sondern der gegenwärtige Moment. Die ganze Herrlichkeit des Lebens entfaltet sich genau hier, in diesem Augenblick. In uns. Wenn wir es zulassen.

SchêmDie ursprüngliche Schwingung ist dein wahrer Name.
Im Aramäischen hat das Wort Schêm offenbar mehrere Bedeutungen. Klang, Licht, Name.
Es taucht im Vaterunser in der zweiten Zeile auf: Geheiligt werde dein Name.
Schêm ist jedoch mehr als Klang, Licht und Name. Es ist die energetische Schwingung und das Licht, das von einer Person oder Gott ausgeht.
Dein wahrer Kern liegt hinter deiner Persönlichkeit, deinen Rollen und deinen Gedanken. Dein tiefstes Wesen ist Licht, Klang und die unendliche Weite des Bewusstseins.

🌟

Das sind meine Gedanken zu diesen Worten. Ich finde, sie zeigen uns einen Weg, der einfach ist. Und klar. Sie lehren uns Loslassen und Vertrauen. Wir sind so daran gewöhnt, den Weg der Angst zu gehen, dass wir Vertrauen oft erst lernen müssen.

Mögen uns diese Worte dabei helfen.

 




Sonntag, 24. Mai 2026

Rupert und Amanda - Von Regenpfützen und Bügelfalten

Manche Geschichten beginnen nicht mit einem großen Feuerwerk, sondern mit kleinen Begegnungen, schrägen Momenten und Menschen, die eigentlich gar nicht damit gerechnet haben, dass das Leben noch einmal alles durcheinanderwirbelt.

Genau so ist es bei Rupert und Amanda.

Es ist eine Geschichte über Menschen, die nicht perfekt sind. Über leise Veränderungen, unerwartete Verbindungen und darüber, dass das Leben manchmal gerade dann noch einmal in Bewegung gerät, wenn man längst glaubte, alles sei festgelegt.

Mir sind Rupert und Amanda, während ich diese Geschichte schrieb, richtig  ans Herz gewachsen - mit all ihren Eigenheiten, Unsicherheiten, ihrem Humor, und ihrer Art, die Welt zu sehen.

Ich würde mich freuen, wenn ihr sie auch mögt.




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Samstag, 18. April 2026

Mona und Billie - Von Wölfen und Kaffeetassen

Endlich hat es das Licht der Welt erblickt – mein Buch über Mona und Billie. Es ist das erste einer Reihe von drei Büchern, und ich wünsche mir, dass es viele Leser findet und ein wenig Freude in die Welt trägt.

Ich freue mich von Herzen, diese Geschichte nun mit euch teilen zu können. Mona und Billie sind mir beim Schreiben sehr nahe gekommen – zwei ganz unterschiedliche Frauen, jede auf ihre Weise eigensinnig, liebenswert und auf der Suche nach ihrem Platz im Leben.

Ihr Weg ist nicht immer geradlinig, aber genau das macht ihn für mich so lebendig. Es ist eine Geschichte über das Menschsein, über Chaos und Zärtlichkeit, über Beziehungen, Entwicklung und die kleinen, schrägen Momente, die das Leben oft erst wirklich schön machen.

Vielleicht habt ihr ja Lust, die beiden kennenzulernen. Ich würde mich freuen.


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Mittwoch, 18. Februar 2026

Fastenzeit – Ramadan

Heute beginnt die Fastenzeit – und gleichzeitig auch der Ramadan.

Ein besonderer Moment.
Nicht als theologischer Fakt, sondern als Zeitqualität.

Die christliche Fastenzeit beginnt mit dem Aschermittwoch und führt vierzig Tage bis Ostern.
Der Ramadan ist der Fastenmonat im Islam – eine Zeit von Enthaltsamkeit, Gebet, innerer Reinigung und Bewusstwerdung.
Zwei große Traditionen.
Zwei Wege.
Und doch eine ähnliche Bewegung:
Weniger Außen.
Mehr Innen.
Weniger Konsum.
Mehr Bewusstsein.

Fasten ist nicht nur Nahrungsverzicht.
Es ist auch:
– innehalten
– prüfen
– loslassen
– neu ausrichten

Die theologische Seite ist für mich persönlich nicht von Relevanz.
Doch die Energie dieses Zusammentreffens geht nicht an mir vorüber.

So habe ich für mich entschieden, diese Zeitqualität für innere Klärung zu nutzen –
und alten Groll loszulassen.

„Ich will mich von altem Groll befreien.“

Das ist eine andere Art von Fasten.
Nicht Verzicht auf Nahrung,
sondern Verzicht auf innere Wiederholungen.

Groll ist selten laut.
Er sitzt wie feiner Staub in den Ecken.
Man bemerkt ihn nicht ständig –
aber er färbt unsere Reaktionen.

Es geht nicht darum, etwas wegzudrücken oder zu leugnen.
Es geht darum, weich und bewusst zu werden –
und mich nicht unbewusst vom Groll steuern zu lassen.

Die vom HeartMath-Institut entwickelte Herzübung ist dafür gut geeignet,
weil sie nicht analysiert,
sondern reguliert.
Nicht: „Warum bin ich verletzt?“
Sondern: „Ich wähle jetzt Kohärenz.“

Sie ist ganz einfach:

1.     Wir legen eine Hand – und unsere Aufmerksamkeit – auf den Herzbereich.

2.     Der Atem wird ruhig und gleichmäßig – fünf Sekunden ein, fünf Sekunden aus. Wir lassen ihn durch unser Herzzentrum fließen.

3.     Wir rufen bewusst ein Gefühl wach, zum Beispiel:
Dankbarkeit
Wertschätzung
Liebe
Mitgefühl

Dadurch entsteht messbar ein kohärenter Herzrhythmus.
Das Nervensystem beruhigt sich,
Stressmuster lösen sich leichter.

Vierzig Tage lang – dreimal täglich.

Und zum Abschluss ein Satz – immer derselbe:
„Heute reagiere ich aus Klarheit, nicht aus altem Groll.“

Wenn ich merke, dass Groll meine Reaktionen beeinflusst:
„Das ist alter Staub. Ich muss ihn nicht weitertragen.“
Ein Atemzug ins Herz.
Weitergehen.

Abends ein kurzer Rückblick:
Habe ich irgendwo enger reagiert als nötig?
Ohne Urteil – nur als Wahrnehmung.

Dann wieder Herzatmung.
Und innerlich:
„Ich entlasse, was ich nicht mehr brauche.“

Mehr nicht.

Ich wünsche euch allen eine wunderschöne, klärende Fastenzeit.

Mögen Liebe, Dankbarkeit und Frieden unsere ständigen Wegbegleiter sein.

 

Montag, 5. Januar 2026

Ich bin hochsensibel, du bist toxisch – und die Kinder sind hochbegabt

Das Internet ist schon ein faszinierender Ort. Nicht nur, weil man dort Katzenvideos, Rezeptideen und Gartentipps findet, sondern weil es scheinbar ganz nebenbei neue Wörter erschafft – Wörter, die man früher kaum kannte, die aber inzwischen zum Grundvokabular jeder zwischenmenschlichen Beziehung gehören:

toxisch, narzisstisch, hochsensibel und hochbegabt.

Kaum eine Familie, in der man diese Begriffe nicht findet.
„Toxisch“ ist meist der Ex, manchmal der aktuelle Partner – je nach Tagesform. Alternativ: die Freundin, die plötzlich nicht mehr ins optimierte Lebenskonzept passt. Oder der Nachbar, der sonntags Rasen mäht. Und wenn sich wirklich sonst gerade niemand anbietet, dann eben der Mann in der Straßenbahn, der einfach nicht ins eigene Weltbild passt. 

Im Zeitalter digitaler Selbstdiagnosen ist jeder, der kein passendes Etikett hat, sowieso schon fast verdächtig. 

Und ja, das Leben kann schon schwierig sein als hochsensibler Mensch mit hochbegabten Kindern und toxischem Umfeld.

„Oh, hallo Anna. Lange nicht gesehen! Wie geht’s? Gut?
Na ja, du warst ja immer schon ein bisschen einfach gestrickt.
Wie ich das meine? Ach, komm schon, Anna.
Niemandem, der mit offenen Augen durch die Welt geht, kann es gut gehen.
Die Welt ist nicht mehr, was sie war.
Nimm zum Beispiel nur mich.
Allein, wenn ich an meinen toxischen Ex denke …
Wie? Ja, natürlich ist das schon 15 Jahre her. Aber das hinterlässt doch Spuren!“

Narzisstisch? Vielleicht die Schwiegermutter. Oder der aktuelle Partner. Oder der Lehrer unseres Sohnes, der dessen Hochbegabung einfach nicht erkennt.

„Und dann bin ich auch noch mit einem Narzissten verheiratet.
Scheint ja heute keine normalen Leute mehr zu geben.
Wie – dein Partner zickt auch manchmal rum?
Ja, aber das lässt sich doch gar nicht vergleichen!
Was meinst du, ob mein Mann eine Diagnose hat?
Ach bitte – dazu muss man keinen Psychologen bemühen.
Das kann man sehr gut selbst feststellen.
Google macht’s möglich.“

All das wäre ja halb so schlimm – wären wir nicht selbst hochsensibel.
Hochsensibilität scheint die neue Superkraft zu sein.
Eine, die leider mit gewissen Einschränkungen einhergeht. Vor allem mit der, dass das Leben für uns deutlich komplizierter ist als für andere.

„Weißt du, ich bin einfach extrem feinfühlig.
Hochsensibel.
Ein Schicksal, das ich wirklich niemandem wünsche.
Frag gar nicht, wie ich in dieser lauten, aggressiven Welt überhaupt funktioniere.
Ohne meine Therapeutin – und die wöchentliche Gesprächstherapie – wäre ich verloren.“

Aber zum Glück gibt es unsere Kinder – die hochbegabten.

„Und deine Kinder? Gut in der Schule?
Ja, ich weiß, man wünscht sich manchmal so normale, einfache Kinder.
Unsere sind ja hochbegabt.
Der Große hat schon zweimal wiederholt – ein typisches Zeichen für Unterforderung.
Und der Kleine? Der wechselt gerade zum dritten Mal die Schule.
Mangelnde Impulskontrolle nennen das die Lehrer.
Aber wir wissen: Das ist eindeutig Hochbegabung.“


Natürlich gibt es all diese Phänomene tatsächlich.
Hochsensibilität, Hochbegabung und auch narzisstische Persönlichkeitsstörungen sind real.
Aber sie sind nicht das Etikett für jeden Menschen, der uns gerade nicht in den Kram passt.
Und sie ersetzen keine Auseinandersetzung, keine Entwicklung – und keine ehrliche Begegnung mit uns selbst.

Vielleicht wäre das ein Anfang:
Statt jedes zwischenmenschliche Problem sofort zu pathologisieren, könnten wir einander wieder ein bisschen mehr zuhören.
Mit Respekt. Mit Geduld.
Und der leisen Einsicht, dass wir alle manchmal schwierig sind.
Ohne gleich narzisstisch zu sein.



Dienstag, 9. Dezember 2025

Ich bin gut genug

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir glauben, nicht gut genug zu sein.

Es gibt Tage, an denen das Leben eine Richtung einschlägt, die uns an unseren Fähigkeiten und an unserem Wert zweifeln lässt.

Vielleicht ist es eine Trennung.
Vielleicht ist es eine zerbrochene Freundschaft, die uns infrage stellt.
Vielleicht sind es urteilende Worte, die uns treffen. Oder das Wiederauftauchen alter Muster und Stimmen aus der Vergangenheit.

Manchmal flüstert etwas in uns:
Du solltest besser sein.
Anders sein.
Für das Wohlergehen anderer verantwortlich sein.

Doch das bist du nicht.
Du bist nicht die Meinung anderer.
Du bist nicht ihre Projektion.

Erlaube dir, dich mit den Augen Gottes zu sehen –
mit den Augen der Liebe, der Güte, des Mitgefühls.

Du musst nicht vollkommen sein, um geliebt zu werden.
Und jemand, der deine Unvollkommenheit nicht lieben kann,
wird auch deine Vollkommenheit nicht lieben.

Sprich es dir leise zu –
so oft du es brauchst:

Ich bin gut genug – auch wenn ich Fehler habe.
Ich bin gut genug – auch wenn andere mich verurteilen.
Ich bin gut genug – auch wenn ich nicht allen gefalle.
Ich bin gut genug – auch wenn ich es nicht jedem recht mache.

Mein Wert hängt nicht davon ab, wie andere mich sehen.
Es reicht, dass ich bin.
Dass ich mein Bestes gebe.
Dass ich liebe – ohne zu fordern.
Mich selbst.
Und andere.

Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Unzulänglichkeiten ausruhen sollen.
Wir sind eingeladen, in jedem Moment die beste Version unseres Selbst zu sein.
Aber es schmälert unseren Wert nicht, wenn uns das nicht immer gelingt.

Wir dürfen lernen.
Fehler machen.
Wachsen.
Uns selbst mit Mitgefühl begegnen.

Denn tief in uns wohnt etwas, das immer genügt.
Etwas, das bleibt – jenseits aller Urteile:

Unser ewiges, gottgewolltes – ICH BIN.



Montag, 8. Dezember 2025

Wer möchte ich sein?

 Kürzlich hat ein Freund, den ich sehr schätze, einen Satz gesagt, der meine Seele berührt hat:

„Ich bin, wer ich bin – weil ich wähle, wer ich sein will.“

Ein Gedanke, der erinnert. Daran, wer wir sind. Und warum.
Denn wir treffen Entscheidungen. Immer. Wir alle sind das Ergebnis unserer Wahl.

Doch oft wählen wir unbewusst. Wir handeln aus Gewohnheit, reagieren spontan, lassen uns von Emotionen treiben – und wundern uns später, warum wir nicht die Person sind, die wir eigentlich sein wollten.

Wir möchten jemand sein, der nicht urteilt.
Und ertappen uns doch dabei, wie wir anderen unser Urteil ungefiltert ins Gesicht schleudern.
Wir wollen mutig sein.
Und verstecken uns dennoch hinter Schuldzuweisungen, weil uns der Mut zur ehrlichen Konfrontation fehlt – zum klärenden Gespräch.
Wir sehnen uns nach Großzügigkeit und Mitgefühl – und bleiben im Alltag manchmal hartherzig und verschlossen.
Wir wären gern verständnisvoll – und verstehen oft nur uns selbst.

Und doch haben wir die Wahl. Immer.
Jeder Tag, jeder Augenblick, jede Begegnung bietet uns die Chance, neu zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Es braucht Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit – und oft auch Mut –, die eigenen Muster zu erkennen und zu durchbrechen.
Und es braucht Achtsamkeit, um bewusst zu wählen.

Ich bin, was ich bin – weil ich wähle, was ich sein möchte.
Und wenn ich mich entscheide, ein Wesen aus Liebe, Hingabe, Licht, Vertrauen, Güte, Verständnis und Zärtlichkeit zu sein – dann wird schon diese Absicht bestimmen, wer ich bin. Selbst wenn es mir nicht immer gelingt.

Wir sind nicht perfekt.
Manchmal sind unsere Absichten besser als deren Umsetzung.
Und nicht immer erreichen wir das, was wir erhoffen.

Doch die Achtsamkeit unserer Entscheidung ist der Weg.
Die stille Wahl, die beste Version unserer selbst zu sein, bringt uns ihr näher – Schritt für Schritt.
In jedem Moment.



Samstag, 15. November 2025

Wähle, was du sein willst

In meinen ersten Schuljahren hatte ich eine Religionslehrerin, die uns folgende Lehre mit auf den Weg gab:
Es gibt zwei Arten von Wut.

Eine gute Wut – das war die, die sie regelmäßig gegen uns Kinder hegte.
Sie war in ihren Augen gerecht, denn wir hätten sie verdient.
Eine „gottgewollte“ Wut.
Um nicht zu sagen, eine „heilige“ Wut.

Und dann gab es die schlechte Wut – eine Sünde.
Das war jene, die wir Kinder manchmal empfanden.
Ungerechtfertigt. Unangemessen. Kleingeistig. 
Auf Gottes „Strafenliste“ ziemlich weit oben angesiedelt.

Dieses Muster begegnet mir immer wieder.
Viele Menschen empfinden Zorn, Wut, Abneigung, Hass. Und weil sie sicher sind, das Objekt ihrer Gefühle trage die Schuld daran, glauben sie, ein Recht darauf zu haben.
Und worauf man ein Recht hat, das darf man ungestraft beanspruchen.

Ich bin wütend – und du bist schuld.
Ich hasse dich – aber das musst du ertragen, denn du hast es provoziert.
Ich fühle Zorn – und das ist nur gerecht, denn du verdienst ihn.

Nur selten stellen wir uns die entscheidende Frage:
Hilft mir diese Emotion?
Bringt sie mich weiter?
Heilt sie etwas – in mir oder in anderen?
Verbessert sie mein Leben in irgendeiner Form?

Jemand hat mich verletzt.
Vielleicht sogar misshandelt.
Und anstatt mich jetzt selbst liebevoll zu halten –
mit Achtung, Würde und Mitgefühl –
fülle ich meinen Körper, meinen Geist und meine Seele mit Rachegedanken.
Mit Hass.
Mit der Unfähigkeit loszulassen.

Ich nehme Wut und Hass in Besitz, als wären sie ein Recht, das nicht hinterfragt werden darf.

Doch mit dem Hass ist es ebenso wie mit der Liebe.

Liebe – in ihrer reinsten Form – richtet sich nicht auf ein Objekt.
Sie ist.
Ein Seinszustand.
Wenn wir Liebe sind, baden wir selbst in dieser Liebe.
Und das erlaubt Heilung.

Und Hass wirkt ebenso –
nicht nur nach außen.
Auch nach innen.
Er ist kein Pfeil. Er ist ein Feld.
Ebenso wie die Liebe - ein Seinszustand.

Er ergießt sich über alles –
auch über uns selbst.

Und genau hier liegt unsere Chance für Wachstum.

Natürlich darf auch unsere Wut da sein. Aber wir müssen sie nicht verherrlichen. Wir müssen nicht unseren Hass kultivieren.

Wir handeln weiser, wenn wir uns nicht auf unser Recht auf Rache berufen, sondern auf die Fähigkeit zur Umwandlung.
Darauf, dass es möglich ist, aus einem inneren Zustand der Liebe zu handeln – selbst, wenn der andere nicht alles richtig gemacht hat.

Wir können nicht gleichzeitig lieben und hassen.
Nicht diesen lieben und jenen hassen.
Wir müssen uns entscheiden:
Was wollen wir sein?

Liebe?
Oder Hass?

Ich denke, diese Entscheidung sollte uns nicht allzu schwerfallen.

 



Dienstag, 11. November 2025

Wenn du gehst…

Ich glaube  nicht an die Unausweichlichkeit des Todes, weil ich es für unwahrscheinlich – ja geradezu unmöglich – halte, dass diese Form des Verlustes und des Schmerzes gottgewollt sein könnte. Doch sind wir immer wieder mit Verlust konfrontiert.

Wenn ein Mensch, den wir lieben, diese Existenzform – die einzige uns wirklich bekannte – hinter sich lässt, müssen wir nicht nur mit dem Verlust, mit der Trauer klarkommen, sondern oft auch mit Schuldgefühlen und dem Empfinden, etwas versäumt zu haben. Etwas nicht gesagt zu haben, das wichtig gewesen wäre. Etwas nicht getan zu haben.
Manchmal glauben wir sogar, ein anderes Verhalten hätte den Lauf der Dinge ändern können.
Doch das ist nicht so. Jede Seele geht den Weg, den sie selbst wählt.

Was wir jedoch tun können, ist, ihr liebevolle Worte des Segens mit auf den Weg zu geben:


Für dich

Möge dein Weg Licht sein,

sanft wie der erste Sonnenstrahl am frühen Morgen.

Möge jedes Wort der Liebe, das du je gesprochen oder empfangen hast,

dich tragen durch das Weite, durch das Leichte, das nun deine Heimat ist.

Möge deine Seele lachen, und jubeln, frei von Schmerz, frei von Schwere.

Möge dein Name in den Herzen derer, die dich lieben, nicht verblassen,

sondern Erinnerung sein – liebevoll und warm.

Und möge dein unvergängliches, göttliches Sein erkennen, was es in Wahrheit ist –

ein ewiger Tanz aus Licht und Freude.


Möge dieser Segen dich erreichen - leise wie ein Flügelschlag,
lichtvoll wie das, woraus du gemacht bist.
Denn nichts vergeht, was aus Licht geboren wurde.




Donnerstag, 6. November 2025

Die Geschichte, die wir über uns erzählen

Wir tragen nicht nur Erinnerungen in uns – wir tragen Geschichten. Sätze, die wir über uns selbst sagen, glauben und wiederholen. Manche stammen aus der Kindheit, andere haben wir selbst erfunden. 

Alles, was wir über uns zu wissen glauben – was wir über uns erzählen –, sind solche Geschichten, und wir alle tragen sie mit uns herum.

Keine Lebensgeschichte, sondern eine Ich-Geschichte.
Die Geschichte, die wir immer wieder erzählen. Nicht nur anderen – auch uns selbst.
Wir zeichnen ein Bild von uns, an das wir felsenfest glauben – und an dem wir festhalten.

„Ich bin eben so.“
„Das mag ich – das nicht.“
„Das kann ich, und das kann ich nicht.“
„Das halte ich nicht aus.“
„Ich bin ein Einzelgänger.“
„Ich bin kein Sympathieträger.“
„Ich nehme so schnell zu.“
„Ich fühle mich in Gruppen nicht wohl.“
„Ich bin anfällig für diese oder jene Krankheit.“

Ich lernte mit acht Jahren die Geschichte:

Wenn man sprachlich begabt ist, ist man automatisch schlecht in Mathematik. In beidem gut zu sein – das geht gar nicht.

Dieser Satz sollte mich nicht entmutigen, sondern trösten.
Ich war nie schlecht in Mathematik – aber meine mathematischen Fähigkeiten konnten mit meinen sprachlichen nicht mithalten.
Also speicherte ich: Sprache gut – Mathe schlecht. Punkt. Keine Diskussion.

Ich lernte, dass ich keinen Orientierungssinn habe.
Dass ich mich verlaufe. Immer.
Und irgendwann begann ich, genau das zu erzählen. Wieder und wieder.
Bis es eine unumstößliche Wahrheit wurde – zumindest in meinem Kopf.

Irgendwann begann ich, diese Geschichte zu hinterfragen.
Und ich stellte fest: Ich hatte bislang immer dorthin gefunden, wohin ich wollte – und auch wieder zurück.
Sonst wäre ich jetzt nicht hier.

Natürlich gibt es auch Geschichten, die ich selbst erfunden habe.
Zum Beispiel die Geschichte, dass ich kein „Gruppenmensch“ bin.
Dass ich niemals mit einer Gruppe fremder, halb bekannter oder sogar vertrauter Menschen verreisen könnte.
Oder die Geschichte, dass ich mich eher zurückziehe, als mich einem Konflikt auszusetzen.
(Das gilt allerdings nicht innerhalb der Familie. Dort kann ich Konflikte sogar provozieren – ziemlich gekonnt, um ehrlich zu sein.
😉)

Was steht hinter solchen Geschichten?
Angst?
Unsicherheit?
Schutzmechanismen?
Bequeme Ausflüchte?
Ausreden?
Oder eine trügerische Sicherheit, die wir in unserer Selbstdefinition finden?

So sind wir eben, sagen wir. Darauf können wir uns verlassen.
Daran gibt es nichts zu rütteln.

Aber ist das wirklich wahr?
Woher stammen diese Sätze?
Von Eltern, Lehrern, Partnern, Freunden – oder von früheren Versionen unserer selbst?

Oder haben wir sie erfunden, um uns eine Rolle zu geben, in der wir uns sicher fühlen?

Wir sagen so oft:

„Ich bin …“

Und wir glauben es.
Gar nicht ungefährlich, dieses Spiel.
Denn dieses Ich bin wirkt wie ein Mantra.
Es ist die Geschichte, die wir für wahr halten – und leben.

Sie entbindet uns scheinbar von der Notwendigkeit, zu lernen, uns zu entwickeln, uns zu verändern.
Zu glauben, dass wir etwas sind, hält uns klein.
Es verschließt uns die Freiheit, in jedem Moment neu zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Vielleicht ist es Zeit, diese alten Geschichten zu hinterfragen – und sie loszulassen.
Vielleicht ist es Zeit, neue Geschichten zu erzählen.
Geschichten, die uns wachsen lassen. Geschichten, die atmen.
Geschichten, die uns von alten Begrenzungen befreien.

Vielleicht sind wir gar nicht so.
Vielleicht ist „So bin ich eben“ nur ein alter Mantel, den wir irgendwann angezogen haben – und der uns längst zu klein geworden ist.

Vielleicht sind wir ganz anders.
Erzählen wir doch eine neue Geschichte – eine, die uns nicht begrenzt, sondern lebendig macht.

Denn manchmal reicht ein einziger neuer Satz –
und unser ganzes Leben beginnt anders zu erzählen.