Eigentlich wollte ich nur bei einem Schreibwettbewerb mitmachen. Gesucht war ein Romananfang. Also schrieb ich einen.
Den Wettbewerb habe ich nicht gewonnen. Aber Mona und Billie waren davon völlig unbeeindruckt. Sie blieben einfach bei mir, erzählten ihre Geschichte weiter und machten aus einem Romananfang schließlich ein ganzes Buch.
Manchmal entstehen die schönsten Dinge eben ganz anders als geplant.
Hast du Lust, Mona und Billie kennenzulernen? Dann komm doch einfach mit – hier beginnt ihre Geschichte.
Du findest Mona und Billie bei Amazon, Thalia, BoD-Buchshop, Hugendubel, Morawa und als Kindle E-Book
Rotkäppchen
Meine Schwester erinnerte mich immer an Rotkäppchen.
Nicht, weil sie je eine rote Mütze getragen hätte, sondern weil sie grundsätzlich das Gegenteil von dem tat, was unsere Mutter sagte.
Und wenn irgendwo auf der Welt ein riesiger Wald stand und darin ein einziger Wolf lebte, lief sie ihm zielsicher in die Arme.
So war sie damals.
Und so ist sie heute. Kein bisschen anders.
Wo immer es auf dieser Welt einen bösen Wolf gibt – sie findet ihn.
Ich weiß nicht, ob sie die Wölfe anzieht oder ob sie einfach einen unfehlbaren Spürsinn für sie hat. Vielleicht beides.
Ich war anders. Ruhig. Besonnen. Mein Gehirn lief nie im Stand-by-Modus. Ich stürzte mich nicht einfach kopfüber in jedes Abenteuer, egal wie dumm es auch sein mochte.
Aber sie … sie tanzte durch Dornenhecken, küsste Frösche mit sozialen Defiziten und versuchte, Wölfe mit Dosenfutter zu zähmen.
Und als sie eines Abends vor meiner Tür stand – mit diesem halben, zögernden Lächeln, ihrem Rucksack und einem Koffer –, da wusste ich: Es war wieder so weit.
Und ich wusste noch etwas: Sie würde mein Leben wieder einmal für mindestens sechs Monate auf den Kopf stellen.
„Mona!“, rief sie. „Wie schön, dich zu sehen. Wie lange ist es her?“
Sie schaffte es sogar in diesem mehr als eindeutigen Moment – mit dem Koffer in der Hand und dem zerschlissenen Rucksack auf dem Rücken –, so zu tun, als sei sie meinetwegen hier. Als hätte die Sehnsucht nach mir sie vor meine Tür geweht.
„Wie heißt er diesmal?“, knurrte ich, so freundlich ich eben knurren konnte. Es war nicht besonders freundlich, aber ich bemühte mich. Immerhin war sie meine Schwester.
„Acht Monate lang haben wir kaum etwas von dir gehört. Keiner wusste so recht, wo du dich herumtreibst. Vier WhatsApp-Nachrichten – das war alles.“
Sie sah mich vollkommen erstaunt an. „Aber ich hab euch doch geschrieben, dass ich den Sommer über auf Mallorca in einer Strandbar gearbeitet habe.“
„Und im Winter?“
„Aber das schrieb ich euch doch auch. Lest ihr meine Nachrichten überhaupt?“
Irgendwie schaffte sie es immer, den Spieß umzudrehen – und am Ende war ich die Schuldige.
„Das wusstet ihr doch. Ich habe jemanden kennengelernt – Claude. Wir wollten heiraten. Es war ziemlich knapp davor. Den Winter habe ich bei ihm in der Schweiz verbracht.“
„Und warum bist du jetzt hier?“ Ich konnte meinen Ärger nur schwer verbergen.
Billie seufzte. „Wenn du mich vielleicht erst reinlässt, erzähl ich’s dir.“
Sie hatte recht. Frau Mückenstein gegenüber hatte garantiert schon wieder ihr Ohr an der Tür und war bereit, jedes Drama live mitzuerleben. Ich öffnete die Tür ein Stück weiter und trat zur Seite.
Billie wuchtete ihren Koffer in meinen Vorraum und ließ den Rucksack mit einem müden Ruck von den Schultern gleiten. Dann sah sie mich an – und zum ersten Mal schimmerte in ihren Augen etwas wie Unsicherheit auf.
„Unten auf dem Gehsteig stehen noch zwei Koffer“, sagte sie, zuckte hilflos mit den Schultern und verschwand wieder die Treppe hinunter.
Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch einen winzigen Rest Hoffnung bewahrt. Vielleicht war sie wirklich nur auf Besuch. Vielleicht ging es ihr gut. Vielleicht war sie nur vorbeigekommen, weil sie mich vermisst hatte.
Aber nun wusste ich es.
Ich war verloren.
Als Billie schließlich mit all ihren Habseligkeiten in meinem Vorraum stand, kam die unvermeidliche Frage:
„Du, Mona … dein Gästezimmer ist doch frei, oder?“
Ich sah sie an. Lange. Eindringlich. Ich rang um eine Antwort. Ich wollte nicht lügen. Trotzdem hörte ich mich flüstern: „Rupert ist bei mir eingezogen.“
Billie lachte. „Aber, Mona, das glaubst du doch selbst nicht. Du kennst ihn doch erst seit fünf Jahren. Da muss er froh sein, wenn er hin und wieder hier übernachten darf.“
Ich seufzte. Sie hatte recht – ich traf ungern lebensverändernde Entscheidungen.
„Aber es hätte doch sein können“, sagte ich hilflos.
„Also ist dein Gästezimmer frei?“
Ich nickte.
Sie fiel mir um den Hals. „Du bist die Beste, Mona. Ich wusste, du würdest mich nicht im Stich lassen.“
Ganz so, als hätte ich sie eingeladen, zu bleiben.
Sie begann unverzüglich, ihr Gepäck in mein Gästezimmer zu schleppen, schob alles in eine Ecke und durchwühlte dann meine Schränke auf der Suche nach Bettwäsche.
Ich stand da – hilflos, ratlos.
Ich hätte gleichzeitig lachen und weinen können.
Lachen, einfach weil sie da war.
Und weinen – na ja, auch einfach, weil sie da war.
Ich wusste, wie es war, mit Billie zusammenzuleben. Wir waren einfach zu verschieden. Ich mochte Ordnung – Billie war Ordnung herzlich egal.
„Du räumst das Gästezimmer selbst auf“, sagte ich schließlich. „Und die Küche auch. Täglich.“
„Ja, ja“, murmelte sie und fuhr fort, in meinen Schränken zu wühlen.
„Und du suchst dir unverzüglich einen Job.“
„Ja, klar. Du klingst schon wie Mama. Weißt du das eigentlich?“
„Und keine Männer hier drin.“
Sie erstarrte und drehte sich langsam zu mir um.
„Wie, keine Männer? Wie meinst du das?“
„Wonach klingt es?“ Ich spürte, wie meine Geduld zu bröckeln begann. „Ich will hier einfach keine fremden Männer durch die Wohnung laufen haben. Ist das klar?“
„Aber wenn ich den Mann fürs Leben kennenlerne – was soll ich ihm dann sagen? Meine Schwester erlaubt keine Herrenbesuche? Wie soll ich denn da dastehen?“
Sie sah aus, als würde sie gleich zu weinen beginnen. Das konnte sie. Die Mitleidsmasche hatte sie perfektioniert – seit ihrer Geburt, um genau zu sein. Aber diesmal fiel ich nicht darauf herein.
„Wie jemand, der sich gerade auf Gedeih und Verderb seiner Schwester ausgeliefert hat“, sagte ich ungerührt.
Zwanzig Minuten später saßen wir beim Tee, und Billie erzählte mir in knappen Worten, in welches Fiasko sie sich diesmal gestürzt hatte.
„Du ahnst nicht, wie Claude war“, begann sie. „Auf ihn wärst sogar du hereingefallen.“
„Das bezweifle ich stark“, entgegnete ich trocken.
Sie tat, als hätte sie mich nicht gehört. „Er kam täglich in die Strandbar. Und er hatte Geld – jedenfalls schien es so. Er bestellte immer die teuersten Cocktails. Männer mit Geld haben so etwas … Erotisches an sich, findest du nicht?“
Ich fand das nicht. Aber ich schwieg.
„Wir hatten einen wundervollen Sommer.“ Ihre Stimme bekam diesen verträumten Klang, den sie immer hatte, wenn sie durch die rosaroten Bruchstücke ihrer Erinnerungen spazierte. „Wir wollten heiraten. Im Frühling. In der Schweiz. Er hatte die Möglichkeit, bei einem Freund in dessen Softwareunternehmen einzusteigen. Eine Goldgrube, sagte er. Nur reichte sein Geld dafür nicht aus.“
„Du hast ihm dein Erspartes gegeben“, flüsterte ich.
Sie antwortete nicht. Stattdessen sah sie mich mit weit geöffneten Augen an, und plötzlich rannen Tränen über ihr Gesicht.
Ich saß da und konnte es nicht glauben. Lernte sie es denn nie? Aber … sie war Billie. Was hatte ich erwartet?
„Deine Erfahrung mit Pierre hat dir nicht gereicht?“
„Pierre“, sagte sie, „der war doch ganz anders. Der lässt sich mit Claude doch gar nicht vergleichen.“
Pierre trug Maßanzüge, redete von Achtsamkeit, Vertrauen und ewiger Liebe – und dann fuhr er ihr Auto zu Schrott, überzog ihre Kreditkarte bis ans Limit und verliebte sich in ihre beste Freundin Luisa. Erst als er auch noch ihre Lieblingskaffeetasse zerbrach, war das Maß voll. Billie warf ihn hinaus, er bestieg das nächste Flugzeug, erhob sich in die Lüfte – und ward nie mehr gesehen.
Und Billie – die kam zu mir. Und blieb. Vier Monate, zwei Wochen, drei Tage und sechs Stunden lang.
„Warum kannst du eigentlich nicht bei Mama und Papa wohnen?“, fragte ich schließlich in der leisen Hoffnung, dass es noch einen Ausweg für mich gab. „Bei denen ist mehr Platz als bei mir.“
„Du kennst Mama. Wegen der Leute“, sagte Billie mit einem müden Lächeln. „Mama hätte viel zu große Angst davor, was die Leute sagen könnten, wenn ich schon wieder da bin.“
Ich glaubte ihr aufs Wort. Unsere Mutter hatte eine panische, geradezu legendäre Angst vor den Leuten. Was immer die Leute denken könnten, bestimmte ihr ganzes Leben. Diese Angst stand über allem, sogar über mütterlicher Fürsorge.
„Was werden die Leute nur sagen?“ war einer ihrer Standardsätze. Der zweithäufigste: „Du machst uns nur Schande.“
Dieser Satz galt nahezu ausschließlich Billie.
So gesehen war es vielleicht wirklich besser, wenn sie bei mir blieb.
Ich seufzte tief. Ich liebte Billie.
Mit allem, was sie mitbrachte – einschließlich ihres Chaoslebens.
Und das wusste sie.
Wir redeten noch lange. Ich versuchte, Billie keine Vorwürfe mehr zu machen. Sie war eben, wie sie war.
Aber etwas musste ich noch loswerden.
„Billie, warum bist du eigentlich so impulsiv? So vertrauensselig? Warum lernst du nicht aus Erfahrungen?“
„Weil du in unserer Familie die Vernunft ausgefasst hast“, sagte sie trocken. „Für mich blieb keine mehr.“
Und dann, nach einer kurzen Pause: „Trägst du eigentlich immer noch ein Ersatz-T-Shirt in deiner Tasche herum?“
Ich nickte trotzig. Ich war eben gern vorbereitet. Leider neigte ich dazu, mich beim Essen zu bekleckern.
Als wir endlich schlafen gingen, war ich hellwach.
Ich lag in meinem Bett, starrte an die Decke, und meine Gedanken drehten sich wie ein Karussell, das sich nicht stoppen ließ.
Ich dachte an Billie – wie sie sich ohne Zögern in jedes Abenteuer stürzte, ohne je das Für und Wider gegeneinander abzuwägen.
Und ich dachte an mich.
Ich war anders. Ich mochte es, einen Regenschirm bei mir zu haben und einen Zettel mit allen wichtigen Telefonnummern – für den Fall, dass ich mein Handy verlor.
Vor fünf Jahren hatte ich Rupert kennengelernt.
Ich liebte ihn.
Es war nicht gerade diese himmelhochjauchzende Verliebtheit. Die wurde meiner Ansicht nach sowieso überbewertet. Aber wir passten zusammen.
Er war treu und zuverlässig. Er sah ganz gut aus und legte Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Bei ihm musste ich mit keinen Überraschungen rechnen. Er war vertraut. Vorhersehbar.
So wie mein ganzes Leben bis dahin verlaufen war.
Meine Kindheit.
Meine Jugend.
Selbst meine Pubertät war so unspektakulär gewesen, dass meine Eltern sie völlig übersehen hatten und eines Tages überrascht feststellten, dass ich erwachsen geworden war.
Als es um meine Berufswahl ging, wagte ich zum ersten Mal so etwas wie einen stillen Aufstand.
Ich wollte Gesang studieren.
Doch meine Eltern waren der Meinung, Grundschullehrerin sei die bessere Wahl.
Ein sicherer Job, meinten sie.
Und: „Singen kannst du dort schließlich auch.“
Ich habe lange mit mir gerungen.
Und schließlich nachgegeben.
Nicht einmal widerwillig – eher resigniert.
Denn sie hatten recht. Hier gab es Sicherheit.
Berechenbarkeit.
Keine allzu großen Überraschungen.
Die Abläufe waren klar.
Und das Leben inmitten dieser kleinen Welt fühlte sich … beruhigend vorhersehbar an.
Genauso, wie ich es mochte.
Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich träumte, Billie stünde in meiner Küche und bereitete das Mittagessen zu. Doch selbst im Traum war mir klar: Das musste ein Traum sein. Denn hinterher räumte sie die Küche auf.
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