Mittwoch, 22. Juli 2026

Auch eine Lösung

 Wie versprochen folgt heute nun die Geschichte, die beim SpaceNet-Kurzgeschichtenwettbewerb 2026 ausgezeichnet wurde. Mit freundlicher Genehmigung von SpaceNet darf ich sie heute auch hier auf meinem Blog veröffentlichen. Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen.


Auch eine Lösung 

Die Berge und ich – wir waren nie eine Herzensgemeinschaft gewesen. Auch keine Feinde, ganz gewiss nicht.
Ich fand sie ja schön. Beeindruckend, majestätisch, was auch immer. Aber eines verstand ich nie: Warum man sie aus eigener Kraft erklimmen sollte.
Oben zu stehen – das war schon etwas. Keine Frage.
Aber der Weg dorthin? Schweißtreibend. Steinig. Atemberaubend – im wörtlichen Sinn.
Warum sollte man freiwillig den halben Tag damit verbringen, sich keuchend einen Berg hinaufzuquälen, nur um dann oben ein Bier zu trinken, ein Käsebrot zu essen – und wieder hinunterzuklettern?
Wenn Gott gewollt hätte, dass wir unser Leben auf den Bergen verbringen, hätte er uns dort oben angesiedelt. Nicht unten im Tal.
Und was mein Tal hier betrifft – mein Haus liegt auf etwa vierhundert Metern Seehöhe.
Verglichen mit Hamburg ist das ohnehin schon ein Berg.
Bei uns hier sind ja sogar die Täler höher als irgendwo anders die Berge. Zu einem Berg in Hamburg müsste ich tatsächlich hinunterschauen.
Also noch einmal ganz klar: Ich mag Berge. Wenn ich unten bin – was ja die natürlichste Variante ist. Aber auch wenn ich oben bin. Nur – wie komme ich hin? Ich kann mir ja schlecht jedes Mal einen Hubschrauber chartern.
Mein Freund Otto sieht das anders.
„Johannes“, sagt er immer, „du ahnst ja nicht, was dir entgeht. Wenn man da wandert zwischen diesen erhabenen Bergriesen –“ (ja, er sagt tatsächlich erhabene Bergriesen) „– da spürt man ein ungeahntes Glücksgefühl. Freiheit!“ 
Natürlich habe ich schon einmal einen Berg bestiegen. Ist gut dreißig Jahre her.
An dieses „ungeahnte Glücksgefühl“ erinnere ich mich nicht. Vor allem nicht während des Aufstiegs. Der war mühsam und schweißtreibend. Oben ging’s dann. Da wurde ich sogar ein wenig glücklich. Ich musste zugeben: Oben auf einem Berg ist es gar nicht so schlecht. Nur den Aufstieg möchte ich nie wieder erleben müssen.
Otto wollte unbedingt Fotos von uns beiden vor dem Gipfelkreuz machen. Zu dem Zeitpunkt war ich schon zu erschöpft, um zu widersprechen. Also machten wir Fotos. Eines davon hängt heute noch in der Hütte – gleich neben dem Kachelofen.
Irgendwann saßen wir dann vor einem kühlen Bier in der urigen Hütte. Urig – so nennt man das doch hier oben, oder?
Die Hüttenwirtin gefiel mir. Etwas resolut, aber kurvig – um nicht zu sagen: formenreich. Ich konnte die Blicke nicht von ihr lassen, und plötzlich schien mir das Gipfelglück, von dem alle faselten, eine durchaus erstrebenswerte Angelegenheit zu sein.
Bald drehte sich das Gespräch in der Hütte darum, wer wie lange für den Aufstieg gebraucht hatte. Zwei Stunden vierzig. Zweieinhalb. Einer schaffte’s sogar in zwei Stunden zwanzig.
„Eine Stunde fünfzig“, warf ich lässig ein – und erntete bewundernde Blicke. Auch von der Wirtin.
Die Wahrheit hätte mir ohnehin keiner geglaubt. Denn niemand, wirklich niemand – außer mir - braucht fünf Stunden für diesen Anstieg. Und Otto schwieg. Zum Glück.
Als das Thema erledigt war, wurde es gemütlich. Wir tranken Bier, sangen Lieder – von blauen Bergen, Edelweiß und dem Frühtau. Und der Reiz der Berge zog mich mehr und mehr in seinen Bann. Besonders, wenn mich die Wirtin anlächelte.
Schließlich beschloss ich, den Abstieg auf morgen zu verschieben. Es würde hier ja wohl eine Schlafgelegenheit geben.
Otto wollte nicht bleiben, und dass ich morgen allein wieder ins Tal fände, bezweifelte er.
Trotzdem fragte ich die Wirtin, ob sie ein Zimmer für mich hätte.
Sie sah mich an, als hätte ich ihr ein unmoralisches Angebot gemacht. Lange. Mit gerümpftem Gesicht – nein, nicht nur die Nase, das ganze Gesicht.
Dann sagte sie endlich: „Ja, das Grandhotel sind wir hier nicht. Aber ein Bett zum Schlafen kannst schon haben.“
Sie drehte sich um, ging Richtung Küche, und rief über die Schulter, so dass es jeder hören konnte:
„Und dass du dir keine falschen Hoffnungen machst!“
Das Gelächter in der Hütte wollte gar nicht enden. Aber egal. Ich blieb.

„Magst noch einen Schnaps?“, fragte sie später, als alle gegangen waren.
Ja, das wollte ich. Ich sah darin eine Chance, rasch einzuschlafen – und nicht doch noch auf dumme Gedanken zu kommen.
Als wir einander an dem groben Holztisch gegenübersaßen, hob sie ihr Glas.
„Ich bin die Martha.“
„Johannes“, sagte ich, und stieß mit ihr an.
„Was machst denn so? Schaust aus wie ein Studierter.“
„Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe Romane.“
Sie schlug mit der Hand auf den Tisch. „Na, da schau her! So einen hatten wir auch noch nie!“
Ich lächelte geschmeichelt.
„Na, da wirst morgen Früh schauen – beim Stallausmisten. So was hast ja sicher noch nie gemacht, oder?“
Da musste ich ihr recht geben. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht vor, das künftig zu tun. Aber das würden wir morgen klären.

Am nächsten Morgen, als ich aus der Hütte trat, ging gerade die Sonne auf. Es verschlug mir den Atem. Ich musste gestehen: Die Berge hatten etwas. Wenn nur der Aufstieg nicht wäre.

Martha brachte mir ein wunderbares Frühstück – frisches Brot, Butter, Käse und eine Kanne Kaffee. Wie hätte ich da zur Stallarbeit Nein sagen können?
Also schufteten wir im Stall und versorgten die Tiere.
„Morgen zeig ich dir dann, wie man mit der Sense umgeht“, sagte sie zufrieden.
Und so erfuhr ich, dass ich auch morgen noch hier sein würde.

Der Sommer verging. Nicht jeder Morgen begrüßte mich mit Sonnenschein. Aber ich lernte, auch Regen und Sturm zu lieben. Und im Winter den Schnee. Und natürlich – Martha.

Ist es wirklich schon dreißig Jahre her?
Ach ja – ich vergaß, zu erwähnen: Ich bin hier der Hüttenwirt. Seit dreißig Jahren.
Denn wenn man den Aufstieg einmal geschafft hat, wäre es doch blöd, wieder hinunterzugehen. So hab ich eben die Martha geheiratet und bin geblieben.

Ich kann die Berge nur jedem empfehlen. Es ist schön hier. Im Sommer ist viel los. Da haben wir alle Hände voll zu tun. Im Winter schreibe ich meine Bücher.
Einmal im Jahr kommt Otto vorbei. Meistens im August. Er ist immer ein bisschen verschwitzt, wenn er hier ankommt – der Arme. Und jedes Mal, wenn er mich sieht, schüttelt er den Kopf und brummt: „Auch eine Lösung, um sich den Anstieg zu ersparen. Einfach bleiben.

In meinem alten Haus im Tal wohnt jetzt mein jüngerer Bruder mit seiner Familie – vier Kinder, zwei Hunde und soviel ich weiß auch eine Katze.

Und ich? Es könnte nicht besser sein. Martha, die Berge und ich – wir sind mittlerweile zur Herzensgemeinschaft geworden.
Manchmal tauchen die besten Lösungen eben auf wie ein Berggipfel aus dem Nebel.
Nicht anders.

 


Die Geschichte ist in der Anthologie „Lösung“ des SpaceNet-Kurzgeschichtenwettbewerbs 2026 erschienen. Die Anthologie kann direkt bei SpaceNet bestellt werden. Bestellungen bitte per E-Mail an:

award@space.net

Das Buch wird demnächst auch im Buchhandel erhältlich sein.  

 

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