Posts mit dem Label Wahrheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wahrheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 6. November 2025

Die Geschichte, die wir über uns erzählen

Wir tragen nicht nur Erinnerungen in uns – wir tragen Geschichten. Sätze, die wir über uns selbst sagen, glauben und wiederholen. Manche stammen aus der Kindheit, andere haben wir selbst erfunden. 

Alles, was wir über uns zu wissen glauben – was wir über uns erzählen –, sind solche Geschichten, und wir alle tragen sie mit uns herum.

Keine Lebensgeschichte, sondern eine Ich-Geschichte.
Die Geschichte, die wir immer wieder erzählen. Nicht nur anderen – auch uns selbst.
Wir zeichnen ein Bild von uns, an das wir felsenfest glauben – und an dem wir festhalten.

„Ich bin eben so.“
„Das mag ich – das nicht.“
„Das kann ich, und das kann ich nicht.“
„Das halte ich nicht aus.“
„Ich bin ein Einzelgänger.“
„Ich bin kein Sympathieträger.“
„Ich nehme so schnell zu.“
„Ich fühle mich in Gruppen nicht wohl.“
„Ich bin anfällig für diese oder jene Krankheit.“

Ich lernte mit acht Jahren die Geschichte:

Wenn man sprachlich begabt ist, ist man automatisch schlecht in Mathematik. In beidem gut zu sein – das geht gar nicht.

Dieser Satz sollte mich nicht entmutigen, sondern trösten.
Ich war nie schlecht in Mathematik – aber meine mathematischen Fähigkeiten konnten mit meinen sprachlichen nicht mithalten.
Also speicherte ich: Sprache gut – Mathe schlecht. Punkt. Keine Diskussion.

Ich lernte, dass ich keinen Orientierungssinn habe.
Dass ich mich verlaufe. Immer.
Und irgendwann begann ich, genau das zu erzählen. Wieder und wieder.
Bis es eine unumstößliche Wahrheit wurde – zumindest in meinem Kopf.

Irgendwann begann ich, diese Geschichte zu hinterfragen.
Und ich stellte fest: Ich hatte bislang immer dorthin gefunden, wohin ich wollte – und auch wieder zurück.
Sonst wäre ich jetzt nicht hier.

Natürlich gibt es auch Geschichten, die ich selbst erfunden habe.
Zum Beispiel die Geschichte, dass ich kein „Gruppenmensch“ bin.
Dass ich niemals mit einer Gruppe fremder, halb bekannter oder sogar vertrauter Menschen verreisen könnte.
Oder die Geschichte, dass ich mich eher zurückziehe, als mich einem Konflikt auszusetzen.
(Das gilt allerdings nicht innerhalb der Familie. Dort kann ich Konflikte sogar provozieren – ziemlich gekonnt, um ehrlich zu sein.
😉)

Was steht hinter solchen Geschichten?
Angst?
Unsicherheit?
Schutzmechanismen?
Bequeme Ausflüchte?
Ausreden?
Oder eine trügerische Sicherheit, die wir in unserer Selbstdefinition finden?

So sind wir eben, sagen wir. Darauf können wir uns verlassen.
Daran gibt es nichts zu rütteln.

Aber ist das wirklich wahr?
Woher stammen diese Sätze?
Von Eltern, Lehrern, Partnern, Freunden – oder von früheren Versionen unserer selbst?

Oder haben wir sie erfunden, um uns eine Rolle zu geben, in der wir uns sicher fühlen?

Wir sagen so oft:

„Ich bin …“

Und wir glauben es.
Gar nicht ungefährlich, dieses Spiel.
Denn dieses Ich bin wirkt wie ein Mantra.
Es ist die Geschichte, die wir für wahr halten – und leben.

Sie entbindet uns scheinbar von der Notwendigkeit, zu lernen, uns zu entwickeln, uns zu verändern.
Zu glauben, dass wir etwas sind, hält uns klein.
Es verschließt uns die Freiheit, in jedem Moment neu zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Vielleicht ist es Zeit, diese alten Geschichten zu hinterfragen – und sie loszulassen.
Vielleicht ist es Zeit, neue Geschichten zu erzählen.
Geschichten, die uns wachsen lassen. Geschichten, die atmen.
Geschichten, die uns von alten Begrenzungen befreien.

Vielleicht sind wir gar nicht so.
Vielleicht ist „So bin ich eben“ nur ein alter Mantel, den wir irgendwann angezogen haben – und der uns längst zu klein geworden ist.

Vielleicht sind wir ganz anders.
Erzählen wir doch eine neue Geschichte – eine, die uns nicht begrenzt, sondern lebendig macht.

Denn manchmal reicht ein einziger neuer Satz –
und unser ganzes Leben beginnt anders zu erzählen.

 


Donnerstag, 24. Juli 2025

Ich weiß es besser – oder doch nicht?

„Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst,
bist du noch weit entfernt vom Weg der Weisheit.“


Wir leben in einer Welt der Meinungen. Nicht der Wahrheiten.
Und das Tragische daran:
Je weniger jemand wirklich weiß,
desto fester scheint oft seine Überzeugung zu sein –
als müsste die Lautstärke der Meinung
die Tiefe der Erkenntnis ersetzen.

Viel zu selten erkennen wir,
dass unsere vermeintlichen Wahrheiten
nichts weiter sind als Meinungen.
Meinungen, die wir meist von jemandem übernommen haben,
der sie vor uns gedacht hat.

Ganz gleich, ob es um Alltägliches geht
oder um philosophische und spirituelle Überzeugungen –
ob wir glauben, unser Nachbar sei dumm wie Bohnenstroh,
oder ob wir meinen, politische Zusammenhänge zu durchschauen,
ob wir an die Unsterblichkeit des physischen Körpers glauben
oder den Tod für unausweichlich halten,
ob wir überzeugt sind, das Universum sei aus sich selbst entstanden,
oder ein schöpferischer Geist stehe hinter allem –
wir vertreten immer nur eine Meinung.
Eine Meinung, die wir uns selten selbst ausgedacht haben.

Doch da wir glauben, unsere Meinung sei pures Wissen –
gleichsam das Maß aller Dinge –,
werden wir nicht müde, jeden,
der sich auf ein Gespräch mit uns einlässt,
davon überzeugen zu wollen.

So erschaffen wir eine Gegenposition.
So begegnen wir nicht einem Menschen, sondern einem Widersacher.
So entstehen Konflikte,
so entstehen Feindschaften,
so entstehen – letztlich – Kriege.

Jedes Beharren auf der Richtigkeit unserer Sichtweise,
jedes Urteil über die Überzeugung anderer
bindet uns tiefer an das Spiel der Dualität.

Ron Smothermon, ein Arzt, Therapeut und Seminarleiter,
schrieb in einem seiner Bücher:
„Der Verstand ist ein Organsystem, das das ganze physische Wesen mit einschließt.
Zweck des Verstandes ist es, zu überleben und recht zu haben.
Er wird alles tun, um dies zu erreichen.“

Und damit hat er wohl recht.

Doch wir können aus diesem Spiel aussteigen.
Wir müssen es nicht bis zum bitteren Ende mitspielen.
Wir müssen nicht recht haben.
Wir müssen niemanden überzeugen.
Nicht einmal uns selbst.

Jedes Mal, wenn wir sagen können:
„Das ist meine Meinung –
aber ich halte sie nicht für die einzige Wahrheit.
Ich bleibe offen, achtsam und friedlich“,
machen wir einen Schritt hinaus aus diesem Spiel.

Jedes Mal, wenn wir uns selbst ein Lächeln schenken,
weil wir nicht alles besser wissen müssen,
und unsere Meinung nicht verteidigen müssen,
fällt es uns leichter, die Überzeugungen anderer
als das zu sehen, was sie sind:
Meinungen.
Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel
zu einem gelasseneren, friedlicheren Miteinander:
im Zulassen des Andersseins,
im Wertschätzen der Perspektivenvielfalt,
im liebevollen Abstand zu unseren eigenen Überzeugungen.

Denn je weniger wir uns mit unseren Meinungen identifizieren,
desto mehr lösen wir uns
von den starren Kategorien von „richtig“ und „falsch“.

Vielleicht ist genau das
der Weg zu mehr Liebe, Mitgefühl und innerem Frieden.

Vielleicht eröffnet uns das Eingeständnis,
nicht im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein,
Begegnungen auf Augenhöhe.

Und vielleicht geht es beim Aufeinandertreffen
unterschiedlicher Sichtweisen
nicht um Sieg oder Niederlage,
sondern um eine Erweiterung unseres Horizonts.

Möge uns der Verzicht auf das letzte Wort
den Weg bereiten zu mehr Verständnis,
mehr Miteinander, mehr Frieden.

Und möge unser Blick sanft
und unser Gemüt friedlich sein.



Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedanken zwischen Aufwachen und Aufstehen

Wenn einer lügt, nennt man das Lüge.
Wenn ein Zweiter die Lüge wiederholt, nennt man es Zitat.
Wenn alle sie wiederholen, heißt es: „allgemein bekannte Tatsache“.
Wenn man sie in der Schule lehrt – und später an der Universität –, nennt man sie „akademische Bildung“.
Und wenn die Lüge schließlich Allgemeingut wird, nennt man sie: Wissen.

(Mirsakarim Norbekov, aus dem Buch
„Wie findet man ohne großen Aufwand eine Million Lösungen“)


Norbekov spricht hier etwas aus, was viele vielleicht denken – aber nur wenige laut sagen:
Wie viel von dem, was wir für Wissen halten, ist tatsächlich wahr?
Und wie viel davon einfach nur gut erzählte, oft wiederholte, bequem übernommene Meinung?

Wenn wir ehrlich sind, wählen wir meist jenes vermeintliche Wissen, das am besten zu unserem Weltbild passt – und nennen es dann unsere Wahrheit.

Die letzten Jahre haben es deutlich gezeigt:
Es gab viele Wahrheiten.
Jede fand ihre Anhänger.
Jede wirkte für sich überzeugend – zumindest für jene, die daran glaubten.

Aber ist wirklich alles wahr, was wir für wahr halten?
Ist alles falsch, was wir ablehnen?
Und vor allem: Welche Bedeutung hat all das tatsächlich für unser Leben?

Was gestern noch als unumstößlich galt, ist heute längst überholt.
Und das, was wir heute mit aller Überzeugung glauben, wird vielleicht schon morgen als Irrtum entlarvt.

Halten wir Norbekovs Worte für wahr, weil sie uns gefallen?
Oder lehnen wir sie ab, weil sie unbequem sind?

Wer weiß das schon?

Die Fragen, die er aufwirft, fordern uns heraus.
Sie zwingen uns, unser Wissen zu hinterfragen –
und vielleicht noch mehr:
unsere Sehnsucht nach Sicherheit.

Aber wenn wir annehmen – und davon dürfen wir getrost ausgehen –,
dass wir unsere Wirklichkeit selbst gestalten:
Welche Macht hat das Außen dann noch über uns?

Vielleicht ist es an der Zeit, uns neue Fragen zu stellen.

Nicht nur: Was weiß ich?
Sondern: Was will ich erschaffen?

Denn darin liegt unsere wahre Stärke.
Unsere Wirklichkeit liegt – letztlich – in unseren Händen.