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Freitag, 17. Oktober 2025

Ich bin nicht, was du glaubst

Auch wer glaubt, nicht zu urteilen,
tut es oft doch –
leise, beinahe unbemerkt,
und doch unaufhörlich.

So, wie wir andere einordnen,
werden auch wir ständig beurteilt.
Von jedem Menschen, dem wir begegnen.
Jeder glaubt, zu wissen,
wer wir sind.
Und wie wir sind.

„Du bist ein wunderbarer Gesprächspartner.“
„Mit dir kann man überhaupt nicht reden.“
„Du bist so geduldig.“
„Du verlierst ständig die Nerven.“
„Du bist bescheiden.“
„Du bist arrogant.“
„Du bist faul.“
„Du bist nicht besonders klug.“
„Du schaffst so viel.“
„Du bist überaus intelligent.“
„Du bist hübsch.“
„Du bist unscheinbar.“
Zu laut. Zu leise. Zu schweigsam. Zu aufdringlich.
Genau richtig. Besser als. Schlechter als.

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Und das Erstaunliche ist:
All das könnte über ein- und denselben Menschen gesagt werden.

Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Blickwinkeln der Menschen,
vielleicht an unserem Verhalten in bestimmten Situationen,
zu bestimmten Zeiten.
Aber eines ist gewiss:
Nichts davon sind wir.

All das sind Zustände.
Momentaufnahmen.
Urteile.
Veränderlich.

Und das Wunderbare daran ist:
Wir müssen keines dieser Urteile glauben.

Trotzdem übernehmen wir sie oft.
Die negativen verletzen uns,
die positiven schmeicheln uns.
Und doch sind sie alle nur eines: Meinungen.

Lob ist ein Urteil.
Kritik ist ein Urteil.

Für unsere Klugheit bewundert zu werden
ist nicht weniger ein Urteil,
als für unsere Dummheit verachtet zu werden.

Die beste Ehefrau der Welt zu sein,
ist ebenso ein Urteil wie vielleicht zehn Jahre später
ein „unerträgliches Monster“ im Scheidungsverfahren zu sein.

Lob tut uns gut –
aber es ändert nichts an dem,
was wir in Wahrheit sind.

Wir sind nicht, was andere über uns denken.
Nicht in den Höhen.
Nicht in den Tiefen.

Wir wären gut beraten,
uns von all diesen Meinungen –
auch von unseren eigenen –
nach und nach zu lösen.

Der erste Schritt:
uns selbst annehmen.
Nicht als das, was wir „sollten“ –
sondern als das, was wir sind.

Und vielleicht,
wenn wir damit beginnen,
uns selbst mit anderen Augen zu sehen –
liebevoller, freier –
könnten wir auch unsere Urteile über andere
zurücknehmen,
noch bevor wir sie denken.

Vielleicht könnten wir,
ehe wir sagen oder denken:
„Du bist …“
einfach innehalten
und uns eingestehen:

„Ich weiß es nicht.
Ich habe nur eine Meinung.
Mehr nicht.“

Vielleicht beginnt wahre Liebe dort,
wo wir aufhören zu sagen „Du bist“ –
und stattdessen fragen: „Wer bist du wirklich?“

Denn wir sehen nie den Menschen.
Wir sehen nur das, was wir über ihn glauben.

Lass uns lernen, einander nicht zu benennen,
sondern zu begegnen.

Jedes Urteil trennt uns.
Jedes offene Herz verbindet.

Wir sind nicht, was andere in uns sehen.
Wir dürfen sein, was wir wirklich sind.

Und jeder andere darf das auch. 




Donnerstag, 24. Juli 2025

Ich weiß es besser – oder doch nicht?

„Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst,
bist du noch weit entfernt vom Weg der Weisheit.“


Wir leben in einer Welt der Meinungen. Nicht der Wahrheiten.
Und das Tragische daran:
Je weniger jemand wirklich weiß,
desto fester scheint oft seine Überzeugung zu sein –
als müsste die Lautstärke der Meinung
die Tiefe der Erkenntnis ersetzen.

Viel zu selten erkennen wir,
dass unsere vermeintlichen Wahrheiten
nichts weiter sind als Meinungen.
Meinungen, die wir meist von jemandem übernommen haben,
der sie vor uns gedacht hat.

Ganz gleich, ob es um Alltägliches geht
oder um philosophische und spirituelle Überzeugungen –
ob wir glauben, unser Nachbar sei dumm wie Bohnenstroh,
oder ob wir meinen, politische Zusammenhänge zu durchschauen,
ob wir an die Unsterblichkeit des physischen Körpers glauben
oder den Tod für unausweichlich halten,
ob wir überzeugt sind, das Universum sei aus sich selbst entstanden,
oder ein schöpferischer Geist stehe hinter allem –
wir vertreten immer nur eine Meinung.
Eine Meinung, die wir uns selten selbst ausgedacht haben.

Doch da wir glauben, unsere Meinung sei pures Wissen –
gleichsam das Maß aller Dinge –,
werden wir nicht müde, jeden,
der sich auf ein Gespräch mit uns einlässt,
davon überzeugen zu wollen.

So erschaffen wir eine Gegenposition.
So begegnen wir nicht einem Menschen, sondern einem Widersacher.
So entstehen Konflikte,
so entstehen Feindschaften,
so entstehen – letztlich – Kriege.

Jedes Beharren auf der Richtigkeit unserer Sichtweise,
jedes Urteil über die Überzeugung anderer
bindet uns tiefer an das Spiel der Dualität.

Ron Smothermon, ein Arzt, Therapeut und Seminarleiter,
schrieb in einem seiner Bücher:
„Der Verstand ist ein Organsystem, das das ganze physische Wesen mit einschließt.
Zweck des Verstandes ist es, zu überleben und recht zu haben.
Er wird alles tun, um dies zu erreichen.“

Und damit hat er wohl recht.

Doch wir können aus diesem Spiel aussteigen.
Wir müssen es nicht bis zum bitteren Ende mitspielen.
Wir müssen nicht recht haben.
Wir müssen niemanden überzeugen.
Nicht einmal uns selbst.

Jedes Mal, wenn wir sagen können:
„Das ist meine Meinung –
aber ich halte sie nicht für die einzige Wahrheit.
Ich bleibe offen, achtsam und friedlich“,
machen wir einen Schritt hinaus aus diesem Spiel.

Jedes Mal, wenn wir uns selbst ein Lächeln schenken,
weil wir nicht alles besser wissen müssen,
und unsere Meinung nicht verteidigen müssen,
fällt es uns leichter, die Überzeugungen anderer
als das zu sehen, was sie sind:
Meinungen.
Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel
zu einem gelasseneren, friedlicheren Miteinander:
im Zulassen des Andersseins,
im Wertschätzen der Perspektivenvielfalt,
im liebevollen Abstand zu unseren eigenen Überzeugungen.

Denn je weniger wir uns mit unseren Meinungen identifizieren,
desto mehr lösen wir uns
von den starren Kategorien von „richtig“ und „falsch“.

Vielleicht ist genau das
der Weg zu mehr Liebe, Mitgefühl und innerem Frieden.

Vielleicht eröffnet uns das Eingeständnis,
nicht im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein,
Begegnungen auf Augenhöhe.

Und vielleicht geht es beim Aufeinandertreffen
unterschiedlicher Sichtweisen
nicht um Sieg oder Niederlage,
sondern um eine Erweiterung unseres Horizonts.

Möge uns der Verzicht auf das letzte Wort
den Weg bereiten zu mehr Verständnis,
mehr Miteinander, mehr Frieden.

Und möge unser Blick sanft
und unser Gemüt friedlich sein.