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Dienstag, 9. Dezember 2025

Ich bin gut genug

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir glauben, nicht gut genug zu sein.

Es gibt Tage, an denen das Leben eine Richtung einschlägt, die uns an unseren Fähigkeiten und an unserem Wert zweifeln lässt.

Vielleicht ist es eine Trennung.
Vielleicht ist es eine zerbrochene Freundschaft, die uns infrage stellt.
Vielleicht sind es urteilende Worte, die uns treffen. Oder das Wiederauftauchen alter Muster und Stimmen aus der Vergangenheit.

Manchmal flüstert etwas in uns:
Du solltest besser sein.
Anders sein.
Für das Wohlergehen anderer verantwortlich sein.

Doch das bist du nicht.
Du bist nicht die Meinung anderer.
Du bist nicht ihre Projektion.

Erlaube dir, dich mit den Augen Gottes zu sehen –
mit den Augen der Liebe, der Güte, des Mitgefühls.

Du musst nicht vollkommen sein, um geliebt zu werden.
Und jemand, der deine Unvollkommenheit nicht lieben kann,
wird auch deine Vollkommenheit nicht lieben.

Sprich es dir leise zu –
so oft du es brauchst:

Ich bin gut genug – auch wenn ich Fehler habe.
Ich bin gut genug – auch wenn andere mich verurteilen.
Ich bin gut genug – auch wenn ich nicht allen gefalle.
Ich bin gut genug – auch wenn ich es nicht jedem recht mache.

Mein Wert hängt nicht davon ab, wie andere mich sehen.
Es reicht, dass ich bin.
Dass ich mein Bestes gebe.
Dass ich liebe – ohne zu fordern.
Mich selbst.
Und andere.

Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Unzulänglichkeiten ausruhen sollen.
Wir sind eingeladen, in jedem Moment die beste Version unseres Selbst zu sein.
Aber es schmälert unseren Wert nicht, wenn uns das nicht immer gelingt.

Wir dürfen lernen.
Fehler machen.
Wachsen.
Uns selbst mit Mitgefühl begegnen.

Denn tief in uns wohnt etwas, das immer genügt.
Etwas, das bleibt – jenseits aller Urteile:

Unser ewiges, gottgewolltes – ICH BIN.



Freitag, 17. Oktober 2025

Ich bin nicht, was du glaubst

Auch wer glaubt, nicht zu urteilen,
tut es oft doch –
leise, beinahe unbemerkt,
und doch unaufhörlich.

So, wie wir andere einordnen,
werden auch wir ständig beurteilt.
Von jedem Menschen, dem wir begegnen.
Jeder glaubt, zu wissen,
wer wir sind.
Und wie wir sind.

„Du bist ein wunderbarer Gesprächspartner.“
„Mit dir kann man überhaupt nicht reden.“
„Du bist so geduldig.“
„Du verlierst ständig die Nerven.“
„Du bist bescheiden.“
„Du bist arrogant.“
„Du bist faul.“
„Du bist nicht besonders klug.“
„Du schaffst so viel.“
„Du bist überaus intelligent.“
„Du bist hübsch.“
„Du bist unscheinbar.“
Zu laut. Zu leise. Zu schweigsam. Zu aufdringlich.
Genau richtig. Besser als. Schlechter als.

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Und das Erstaunliche ist:
All das könnte über ein- und denselben Menschen gesagt werden.

Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Blickwinkeln der Menschen,
vielleicht an unserem Verhalten in bestimmten Situationen,
zu bestimmten Zeiten.
Aber eines ist gewiss:
Nichts davon sind wir.

All das sind Zustände.
Momentaufnahmen.
Urteile.
Veränderlich.

Und das Wunderbare daran ist:
Wir müssen keines dieser Urteile glauben.

Trotzdem übernehmen wir sie oft.
Die negativen verletzen uns,
die positiven schmeicheln uns.
Und doch sind sie alle nur eines: Meinungen.

Lob ist ein Urteil.
Kritik ist ein Urteil.

Für unsere Klugheit bewundert zu werden
ist nicht weniger ein Urteil,
als für unsere Dummheit verachtet zu werden.

Die beste Ehefrau der Welt zu sein,
ist ebenso ein Urteil wie vielleicht zehn Jahre später
ein „unerträgliches Monster“ im Scheidungsverfahren zu sein.

Lob tut uns gut –
aber es ändert nichts an dem,
was wir in Wahrheit sind.

Wir sind nicht, was andere über uns denken.
Nicht in den Höhen.
Nicht in den Tiefen.

Wir wären gut beraten,
uns von all diesen Meinungen –
auch von unseren eigenen –
nach und nach zu lösen.

Der erste Schritt:
uns selbst annehmen.
Nicht als das, was wir „sollten“ –
sondern als das, was wir sind.

Und vielleicht,
wenn wir damit beginnen,
uns selbst mit anderen Augen zu sehen –
liebevoller, freier –
könnten wir auch unsere Urteile über andere
zurücknehmen,
noch bevor wir sie denken.

Vielleicht könnten wir,
ehe wir sagen oder denken:
„Du bist …“
einfach innehalten
und uns eingestehen:

„Ich weiß es nicht.
Ich habe nur eine Meinung.
Mehr nicht.“

Vielleicht beginnt wahre Liebe dort,
wo wir aufhören zu sagen „Du bist“ –
und stattdessen fragen: „Wer bist du wirklich?“

Denn wir sehen nie den Menschen.
Wir sehen nur das, was wir über ihn glauben.

Lass uns lernen, einander nicht zu benennen,
sondern zu begegnen.

Jedes Urteil trennt uns.
Jedes offene Herz verbindet.

Wir sind nicht, was andere in uns sehen.
Wir dürfen sein, was wir wirklich sind.

Und jeder andere darf das auch. 




Samstag, 15. März 2014

Nora und Billy

Als ich Nora das erste Mal begegnete, muss ich etwa 20 Jahre alt gewesen sein. Nora mag damals wohl fast doppelt so alt wie ich gewesen sein, in meinen Augen war sie also eine alte Frau. 
Ich war mit ihrem Bruder Billy befreundet, der um einiges jünger war als sie. Die beiden hatten ihre Eltern früh verloren, und Nora fühlte sich für Billy verantwortlich, zumal Billy während seiner Kindheit eine schwere Erkrankung überwinden musste und in Noras Augen seine Hilfebedürftigkeit wohl nie ganz verloren hatte. 

Billy war klug, amüsant, herzlich und es fiel ihm nie schwer, Sympathien zu gewinnen, Nora hingegen war streng, abweisend, kühl und Furcht einflößend. Zumindest auf mich wirkte sie so. Ich glaube nicht, dass sie viele Freunde hatte. 

Wenn ich im Haus von Nora und Billy zu Gast war, vermied ich nach Möglichkeit jede Begegnung mit Nora. Billy war anders, als alle Menschen, die ich kannte, und er gefiel sich darin, "anders" zu sein. Noras Bestreben war es, "normal" zu sein. Billy war für Nora wie ein exotisches Wesen, das sie weder einordnen noch verstehen konnte. Sie wollte nichts weiter, als ein durchschnittliches und vernünftiges Leben zu führen, und in dieses Schema passte Billy nicht. Da nun jeder von ihnen seine eigenen Wertigkeiten und seine Wesensart geradezu kultivierte, schien ihre Beziehung zueinander so, als würde eine Henne ein Entenküken großziehen und dabei versuchen, es vom Schwimmen abzuhalten..

Vor kurzem trat Nora indirekt wieder in mein Leben. Das kam so, dass  nach mehr als 40 Jahren, in denen ich von den beiden nichts gesehen und gehört hatte, plötzlich Billy in meinen Gedanken auftauchte. Und er tauchte nicht nur auf, sondern klammerte sich so lange an meine Gehirnzellen, bis ich reagierte und begann, im Internet nach ihm zu suchen. Ihn zu finden war nicht schwer. Ich fand ihn dort, wo ich zwar nicht erwartet hatte, ihn zu finden, wo ich aber trotzdem meine Suche begonnen hatte. Die Freude auf beiden Seiten war groß, doch drei Wochen später starb Billy. Zurück blieb Nora, die mittlerweile eine verbitterte alte Frau geworden war, zerfressen von Groll und Hass gegen sich selbst, gegen ihren toten Bruder und gegen die Welt.

Ich habe über Nora und Billy oft nachgedacht in den letzten Tagen, Wochen... Die Rollenverteilung "Held und Widersacher", "Gut und Böse", "Schwarz und Weiß" schien immer so einfach, ja, drängte sich geradezu auf. Damals - vor mehr als vierzig Jahren - war das sonnenklar. Doch selbst mein inzwischen erwachsen gewordenes und doch etwas reiferes ICH  möchte - wenn es sich unbeobachtet glaubt - in dieser Konstellation gerne einen Täter und ein Opfer, einen Guten und einen Bösen sehen. Aber dies wäre wohl eine sehr vereinfachte Betrachtungsweise. 

Man mag nun die Vergangenheit in seine Überlegungen einbeziehen, Noras Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, Billy, dessen Erkrankung ihm die nahezu ungeteilte Zuwendung und Aufmerksamkeit seiner Eltern sicherte und Nora in den Schatten drängte. Nora, ein Kind, das nichts weiter suchte, als Liebe und Beachtung, und das sich selbst langsam und unaufhaltsam hinter der Erkrankung und Pflegebedürftigkeit des Bruders verschwinden sah. Nora -ein Kind, dessen Erwartungen ans Leben nicht erfüllt wurden, und später eine Erwachsene, die glaubte, das Leben sei ihr etwas schuldig geblieben. Billy - der die Spuren seiner Krankheit sein Leben lang zu tragen hatte und das wahre Glücklichsein wohl auch auf die nächste Inkarnation verschoben hat.

Noras Schmerz war wohl irgendwann so übermächtig geworden, dass sie dachte, keine Wahl zu haben. Ihre einzige Option schienen ihre Wut und ihr Hass auf ihren Bruder zu sein. Schuldgefühle, Schuldzuweisungen und Frustration nahmen ihr scheinbar jede Wahlmöglichkeit. Sie hatte - ebenfalls nur scheinbar - keine Kontrolle über ihre Emotionen, konnte nicht mehr frei nach ihrem eigenen Willen agieren, sondern reagierte - im Rahmen dessen, was ihr möglich war - auf die Situation. Sie wusste nicht, dass sie trotz allem hätte glücklich sein können, wenn sie sich dazu entschieden hätte und wenn sie bezüglich ihrer Emotionen und ihrer Haltung eine andere Wahl getroffen hätte. 

Was ist nun meine Rolle in dieser Geschichte? Diese Frage stellt sich mir, jedoch habe ich noch keine schlüssige Antwort darauf gefunden. Vielleicht ist es nötig, meine manchmal allzu raschen Urteile zurückzunehmen oder meine eigene Haltung bezüglich mancher in mir vergrabener Konflikte zu überprüfen. Vielleicht ist es auch nur meine Aufgabe, Nora und Billy zu segnen, damit sie Frieden finden und einander in ihren Herzen zwischen Himmel und Erde ohne Groll begegnen können.