und die Wahrnehmung schafft die Erfahrung.
ist das, was du Wahrheit nennst."
Der Segen meines
Großvaters
von Rachel Naomi
Remen
Schuld ist eine Illusion.
Eine Vorstellung, die wir erschaffen haben, um Kontrolle auszuüben – über
andere, über Situationen, manchmal sogar über uns selbst.
Jemandem die Schuld zuzuweisen heißt: ihn herabzusetzen, ihn für minderwertig
zu erklären – und ihm dieses Gefühl unmissverständlich zu vermitteln.
Denn er ist ja
schuld daran, dass wir uns schlecht fühlen.
Dass wir uns ärgern, verletzt, traurig oder wütend sind.
Oder etwa nicht?
Doch in
Wahrheit liegt jeder Schuldvorwurf einem einzigen Gedanken zugrunde:
„Du hast meine Erwartungen nicht erfüllt.“
Wer einem
anderen die Schuld zuschiebt, weist zugleich jede Eigenverantwortung von sich.
Denn die eigenen Gefühle – so glaubt man dann – hängen nicht vom eigenen
Inneren ab, sondern davon, wie der andere sich verhält.
Doch wer bereit ist, die Verantwortung für sein Erleben zu übernehmen, der muss
niemandem mehr die Schuld geben.
Schuldzuweisungen
sind selten laut.
Sie schleichen sich oft als harmlose Sätze in unsere Gespräche – getarnt als
Enttäuschung, Bedauern oder emotionaler Appell:
„Schade, ich
hatte mich so darauf gefreut.“
„Das hätte ich nie von dir erwartet.“
„Ich fühle mich hier einfach nicht wohl – wegen dir.“
„Nur wenn du glücklich bist, bin ich es auch.“
„Du machst mich krank.“
„Ich bin sehr enttäuscht von dir.“
„Wenn du ein echter Freund wärst, würdest du das für mich tun.“
„Wenn ich mal jemanden brauche, ist keiner da.“
Was all diese
Sätze gemeinsam haben:
Sie machen den anderen zum Schuldigen –
und uns selbst zum Opfer.
So geben wir
unsere Kraft aus der Hand.
Wir machen unser Glück abhängig von jemand anderem – und verlieren uns im Spiel
von Erwartung und Enttäuschung.
Doch Schuldgefühle auf der einen und Hilflosigkeit auf der anderen Seite
sind kein guter Boden für ein freies, selbstbestimmtes Leben.
Frieden beginnt
dort,
wo wir aufhören, Schuld zu vergeben –
und stattdessen Verantwortung annehmen
| Meine Oma |
Vielleicht ist es nicht die Welt, die sich ändern muss.
Vielleicht reicht es, wenn wir beginnen, unsere Geschichte neu zu erzählen.
Eine wunderbare Übung dazu stammt aus dem Buch „The Law of Attraction – Geld“ von Esther und Jerry Hicks. Darin spricht Abraham über den Zugang zur Fülle unseres Lebens:
„Wenn wir dir aus unserer Sicht die Natur der Fülle deines Universums erklären und die potenzielle Fülle, die dir immer zur Verfügung steht, ist uns klar:Unser Wissen wird nicht automatisch zu deinem – nur weil du unsere Worte liest.Selbst wenn du versuchst, zu vertrauen oder zu verstehen, wirst du es nicht einfach übernehmen können.Denn wahres Wissen entsteht durch eigene Erfahrung.Deine Überzeugungen, gewachsen aus deinen bisherigen Erfahrungen, sind stark. Und wir verstehen, dass du sie nicht einfach über Bord werfen und durch neue ersetzen kannst – selbst wenn wir wissen, dass es viele kraftvolle, unterstützende Gedanken gäbe, die dir dienen könnten.
Aber es gibt etwas, womit du heute beginnen kannst – etwas, das dein Leben verändern wird, ohne dass du gleich alles glauben musst:
Erzähl eine neue Geschichte.Eine, die sich besser anfühlt.Schreib sie nicht wie einen nüchternen Tatsachenbericht, der das Für und Wider deiner bisherigen Realität abwägt.Sondern erzähle die erhebende, fantasievolle, märchenhafte Geschichte vom Wunder deines eigenen Lebens – und sieh zu, was geschieht.Es wird sich anfühlen wie Magie.Aber es ist keine Hexerei.Es ist das Gesetz des Universums – und deine bewusste Entscheidung, dich mit ihm in Einklang zu bringen.“
Manche Dinge sind leise.
So leise, dass man sie erst hört,
wenn man selbst still wird.
Dankbarkeit ist so etwas.
Sie drängt sich nicht auf,
sie schreit nicht nach Aufmerksamkeit.
Und doch verändert sie alles,
wenn man ihr Raum gibt.
In einer Welt, die oft laut ist,
und in der Mangel mehr Beachtung findet als Fülle,
ist Dankbarkeit wie ein stiller, goldener Faden,
der unser Leben zusammenhält –
auch dann, wenn wir es gar nicht merken.
Und genau darum geht es in diesem Text.
Um eine Haltung.
Eine Rückkehr.
Ein Erkennen.
Vielleicht auch um ein kleines Staunen.
Eine französische Schriftstellerin – ich glaube,
es war Sidonie-Gabrielle Colette – soll einmal gesagt haben: „Wie wundervoll
mein Leben doch gewesen ist – ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“
Dankbarkeit.
Dankbar zu sein für all das, was da ist, was unser Leben bereichert –
wie leicht ist das eigentlich?
Oder wie schwer?
Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach
nur dankbar zu sein?
Dankbarkeit ist leider nichts, was wir als Kinder
wirklich lernen.
Was wir lernen, ist die erzwungene Dankbarkeit:
„Nun sag doch danke!“
„Ich tu alles für dich – und du bist nur undankbar!“
„Wir rackern uns ab, damit es dir einmal besser geht!“
„Andere Kinder wären froh, wenn sie das hätten!“
Diese Form von müssen, die uns oft früh
begegnet,
hat vielen die Freude an der Dankbarkeit verdorben.
Sie hat sie zu einer Pflicht gemacht.
Zu einer Reaktion auf Schuld.
Und so kommt es, dass wir die Geschenke,
die uns das Leben täglich vor die Füße legt,
manchmal gar nicht mehr erkennen.
Und doch:
Es gibt sie.
Auch in meinem Leben. Auch in deinem.
Diese sonnigen Augenblicke –
Momente der Freude, der Lebendigkeit, des Staunens.
Sie ziehen wie ein goldener Faden durch unsere Tage.
Und wenn wir beginnen, diesen Faden wieder wahrzunehmen,
dann ist das echte Dankbarkeit.
Nicht auferlegt,
sondern aus dem Herzen geboren.
Dankbarkeit ist ein kraftvolles Gefühl.
Ein Gefühl, das nicht an äußere Umstände gebunden ist,
sondern tief im Inneren wurzelt.
Sie bringt Frieden,
Zufriedenheit,
und eine stille Freude,
die selbst Gedanken des Mangels verwandelt –
in Zuversicht, Vertrauen,
und manchmal sogar in Wunder.
Den Tag mit Dankbarkeit zu beginnen –
ein leises Danke für das Leben,
für seine Möglichkeiten,
seine Gaben, seine Wege –
verändert alles.
Denn wenn du deine Sichtweise veränderst,
verändert sich dein Leben.
Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meiner
Kindheit –
„Mann und Frau im Essigkrug“ von Ludwig Bechstein.
Meine Mutter hat sie mir erzählt.
Ein Mann und eine Frau lebten in einem Essigkrug.
Ein goldenes Vögelchen beschenkte sie:
zuerst mit einem kleinen Haus,
dann mit einem Bauernhof,
schließlich mit einem Stadthaus, einem Schloss,
und zuletzt mit einem Königreich.
Doch sie konnten keine Dankbarkeit empfinden.
Nie war es genug.
Und so endete ihre Reise –
genau dort, wo sie begonnen hatte:
im Essigkrug.
Es wäre doch traurig,
erst am letzten Tag des Lebens zu bemerken,
wie schön es war.
Vielleicht ist genau heute der Tag,
an dem wir es bemerken dürfen.
Und einfach sagen:
Danke.
Dankbarkeit ist kein Ziel, das man erreichen muss.
Sie ist eine Art zu gehen.
Eine Art zu schauen.
Eine Art zu leben.
Sie braucht keine perfekten Umstände –
nur ein waches Herz.
Und vielleicht genügt manchmal schon
ein leiser Blick in den Himmel,
ein zärtlicher Gedanke an einen geliebten Menschen,
oder der stille Satz:
„Wie wundervoll mein Leben doch ist – ich
bin so dankbar, dass ich es erkenne.“
Aber wie, bitte schön, sollen wir Verantwortung übernehmen für den Nachbarn, der uns das Leben zur Hölle macht?
Es kann doch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt – oder etwa doch?
Wie sollen wir Verantwortung übernehmen für die Arbeitslosigkeit im Land? Für unfähige Politiker?
Für eine miserable Beziehung, an der – wie jeder sehen kann – doch ganz eindeutig der Partner schuld ist?
Er ist doch fremdgegangen. Er betrinkt sich. Oder was auch immer.
Und unsere miese Kindheit? Dafür können wir doch wirklich nichts. Wir haben uns unsere Eltern schließlich nicht ausgesucht.
Es kann uns niemand „unglücklich machen“. Und niemand kann uns Schmerz zufügen – außer, wir tragen den Schmerz bereits in uns. Andere können allenfalls einen Finger auf eine Wunde legen, die ohnehin schon da ist.
Wenn wir mit einem Thema keine innere Resonanz haben, berührt es uns nicht. Um uns abgelehnt zu fühlen, müssen wir das Gefühl des Abgelehntseins bereits kennen und in uns tragen.
Der „böse Nachbar“ etwa könnte uns gar nicht aufregen, wenn sein Geschimpfe nicht einen wunden Punkt in uns berühren würde. Nicht das, was er sagt, verletzt uns – sondern das, was wir darüber denken.
Unser eigenes Denken, unser Urteilen ist es, das uns das Gefühl von Unglück beschert.
Somit bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, die Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen.
Und genau hier möchte ich nun ansetzen.
Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Schuld. Sondern mit Achtsamkeit.
Mit einem liebevollen Blick auf das, was in uns wirkt – und was wir daraus machen.
Step by step. In aller Ruhe. Und mit dem Mut, uns selbst wirklich zu begegnen.
Sie saß in einem eleganten grauen
Seidenkleid neben ihm im Landrover, ein schwungvoller Hut derselben Farbe
zierte ihr Haupt. Janosch warf ihr mehrfach verstohlene Blicke zu, öffnete den
Mund, um ein Gespräch zu beginnen – und schloss ihn wieder. Ihre distanzierte
Vornehmheit schüchterte ihn ein. Und so schwieg er.
Er war in diesem Dorf geboren,
aufgewachsen zwischen Kühen, Schafen und Pferden, umgeben von bodenständigen
Frauen mit festen Händen und herzlichem Lachen. Doch dieses zarte, graue
Geschöpf auf dem Beifahrersitz – es wirkte auf ihn wie eine verlorengegangene
Flaumfeder.
Wie alt mochte sie sein? Sechzig?
Oder schon siebzig?
Er sah sie unsicher an.
Sie bemerkte seinen Blick – und schenkte ihm ein gnädiges Lächeln.
Endlich wagte er es, das Gespräch
zu beginnen.
„Es ist heiß heute“, murmelte er, „und der Weg von der Bahnstation ins Dorf ist
weit.“
Sie nickte zustimmend. „Ich bin
Ihnen dankbar, dass Sie mich abgeholt haben. Der Weg zu Fuß hätte mir Mühe
bereitet.“
Janosch wusste nicht recht, was
er darauf sagen sollte – doch das war auch nicht nötig. Denn sie sprach gleich
weiter, ohne Pause:
„Sie müssen wissen, zweimal im
Jahr mache ich eine Reise. Im Frühling fahre ich in die Berge, und im Herbst
verbringe ich meinen Urlaub auf einem Bauernhof. Das ist mir zu einer lieben
Gewohnheit geworden. Zu Hause führe ich ein sehr einfaches Leben – seit Oskar
tot ist.“
Janosch nickte verständnisvoll.
Was ein einfaches Leben bedeutete, das wusste er nur zu gut.
„Oberregierungsrat Oskar
Zimmermann war mein Mann“, erzählte sie weiter.
„Ich nannte ihn Herzi – eine persönliche Abkürzung für Herr Zimmermann.“
Janosch verstand den Zusammenhang
nicht ganz, beschloss aber, es auf alle Fälle gut zu finden.
„Er starb vor acht Jahren“, fügte
sie hinzu – und schwieg.
Janosch schwieg auch. Sie sah ihn auffordernd an.
So öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch es fiel ihm nichts ein.
Ein Beileid nach acht Jahren auszusprechen, erschien ihm irgendwie lächerlich.
Also wartete er – aber sie
schwieg beharrlich weiter.
Unruhe stieg in ihm auf.
Nervosität. Schließlich murmelte er rasch und undeutlich:
„Mein Beileid.“
„Danke“, erwiderte sie
hoheitsvoll – und fuhr fort.
„Er war ein guter Mann, mein
Oskar. Es gibt so viele schlechte Menschen auf dieser Welt – aber ausgerechnet
mein Oskar musste sterben.“
Sie sah Janosch an, als trage er
Mitschuld, und er zog instinktiv den Kopf ein.
„Es sterben immer die Guten“,
sagte sie langsam, mit Nachdruck. „Das hat mein Oskar nicht verdient.“
„Die Schlechten sterben auch“,
wagte Janosch leise einzuwenden, doch sie überhörte ihn konsequent.
Ein kurzer, missbilligender Blick
– dann sprach sie weiter:
„Mein Oskar war ein gebildeter
Mann. Schließlich war er Oberregierungsrat. Das stand auch auf dem Türschild
seines Arbeitszimmers im Ministerium – kleine weiße Steckbuchstaben auf
schwarzem Grund.“
Sie lächelte versonnen bei der
Erinnerung.
„Ja“, fuhr sie fort, „doch dann
kam dieser unheilvolle Tag. Die Wirtschaft stagnierte seit geraumer Zeit –
überall wurde gespart. Sogar bei den Steckbuchstaben im Ministerium.
Eines Morgens wurden sämtliche
überflüssigen Buchstaben abmontiert und eingesammelt.
Und plötzlich stand an Oskars Tür nur noch sein Name – in nüchternen Großbuchstaben: OSKAR ZIMMERMANN. Das hat ihm das Herz gebrochen.“
In Janoschs Kopf arbeitete es. Er konnte die Tragweite dieser Veränderung wirklich nicht begreifen.
An seiner eigenen Haustür stand
überhaupt kein Name – die Vorstellung, dort weiße Steckbuchstaben anzubringen,
schien ihm absurd - ja geradezu lächerlich.
JANOSCH DAMPFHOFER – in Großbuchstaben! Seine Frau Theres hätte ihn wohl für narrisch erklärt.
Die graue Flaumfeder-Frau sah ihn
an und seufzte leise.
„Er hatte so wenig Freude im
Leben. Nur seine Arbeit, unseren Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und mich. Und
dann waren da noch seine Steckbuchstaben.“
Sie hielt kurz inne.
„An jenem Morgen kam er wie immer pünktlich ins Ministerium. Doch auf dem Schild an seiner Bürotür stand plötzlich nur noch sein Name. Die Buchstaben für Oberregierungsrat – einfach abmontiert. Er stand da. Lange. Starrte das Schild an, als wollte er es mit seinem Blick wieder ganz machen. Dann liefen ihm Tränen übers Gesicht.“
Janosch spürte, wie ihn das Bild
traf – nicht wegen der Buchstaben, sondern wegen der Tränen.
„Er drehte sich um und ging nach Hause. Und von da an, Janosch – von da an ging es mit ihm bergab. Er ging zwar weiter ins Ministerium, Tag für Tag, pflichtbewusst wie immer. Aber er war nicht mehr derselbe.“
Janosch hätte gerne etwas gesagt. Aber er wusste beim besten Willen nicht, was.
„Ich kochte ihm täglich sein Lieblingsessen. Ich lud seine alten Freunde ein, veranstaltete kleine Feste – sogar einen guten Psychotherapeuten suchte ich ihm.
Ich bastelte Transparente, mit
denen er vor dem Ministerium demonstrieren konnte. Gegen die willkürliche
Entfernung der Steckbuchstaben,
Und ich kaufte ihm ein kleines
Schild für unsere Schlafzimmertür – mit neuen Buchstaben: OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.
Aber nichts davon konnte ihn
wirklich trösten.“
Sie blickte aus dem Fenster, als
suchte sie dort seine verlorene Würde.
„Ach, ich hätte mein
Leben gegeben, wenn ich ihm dadurch sein Schild im Ministerium wiedergeben
hätte können.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Als ich ihm das sagte, sah er
mich mit Tränen in den Augen an: ‚Das
würdest du für mich tun, Adele? Das würdest du wirklich für mich tun? Eine
größere Freude könntest du mir nicht machen…‘
Ja, so war er, mein Oskar. So
leicht zu erfreuen.
Wie ein Kind.“
Janosch kratzte sich am Kopf. In seinem Inneren wirbelten die Worte der Dame durcheinander – er versuchte, das Gehörte zu ordnen, doch es wollte sich einfach nicht fügen.
„Irgendwann hörte er auf, zur Arbeit zu gehen“, fuhr sie fort. „Stattdessen
machte er lange, einsame Spaziergänge mit Kaiser Wilhelm. Viele Stunden am
Tag.“
Sie seufzte leise.
„Kaiser Wilhelm war ein kleiner, zarter Hund – ein Rehpinscher mit schwacher
Lunge. Die Strapazen dieser Wanderungen waren zu viel für ihn. Er starb an
Erschöpfung. Und Oskar wurde noch ein wenig stiller. Von da an ging er allein.“
Janosch schüttelte ungläubig den Kopf. „Und das alles wegen dieser Steckbuchstaben?“
Die graue Dame nickte langsam. „Adele…“, hatte er oft gesagt, „…mein ganzes Leben habe ich dem Ministerium gewidmet. Dem Staat treu gedient. In Ehren Oberregierungsrat geworden. Und nun bin ich ihnen nicht einmal mehr ein paar Buchstaben wert.“
„Eine Affenschande ist das“, murmelte Janosch. Er schüttelte erneut den Kopf –
weniger aus Empörung als aus Verwirrung. Denn wirklich begriffen hatte er es
immer noch nicht.
„Und eines Tages starb er dann“, fuhr sie fort. „Ganz still. Ohne Aufsehen. Er legte sich einfach hin – und starb.“
Sie machte eine Pause. „Und schuld war das Ministerium.“
Ihr Blick wurde nachdenklich. „Als ich dann um eine Entschädigung ersuchte – für
den frühen Tod meines Oskars – wies man mich brüsk ab. Niemand wollte etwas
davon wissen, dass man ihn mit dem Entzug seiner Steckbuchstaben langsam und
unaufhaltsam in den Tod getrieben hatte.“
Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust.
„Er ist wirklich
wegen dieser Steckbuchstaben gestorben?“ Janosch starrte sie fassungslos an.
Fast wäre er dabei in den Graben gefahren.
„Ja“, erwiderte sie mit Nachdruck. „Er hatte eben Prinzipien!“
Mit ernster Miene nickte sie mehrmals. „Und auf seinem Grabstein – ganz in
Goldbuchstaben – steht nun:
OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN.“
„Die kann
ihm nun ja wohl keiner mehr wegnehmen“, murmelte Janosch
mitfühlend. Ihm war diese ganze Buchstabengeschichte zwar immer noch nicht
verständlich, aber langsam in seinem Hinterkopf begann er zu begreifen, wie
einsam ein Mensch sein musste, dessen Lebensinhalt das Ministerium, diese graue
Frau, der Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und diese Steckbuchstaben waren.
Er dachte an seine eigene Welt –
an all die Mühen, die ihn oft zermürbten, an Theres, seine Frau, deren
Durchsetzungsvermögen er schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit fürchtete, die
aber auf ihre ruppige Weise zu ihm gehörte wie der Stall zum Hof.
Er dachte an seine Kinder, seine Freunde, an all die Menschen, die sein Leben
belebten, herausforderten, nervten – und beschenkten.
Und plötzlich stieg etwas in ihm auf, das er lange nicht
mehr gespürt hatte: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür,
dass sein Leben niemals an ein paar nicht vorhandenen
„Steckbuchstaben“ scheitern würde. Und
Dankbarkeit für jedes Problem, das er lösen konnte, ohne sich dafür hinlegen
und sterben zu müssen.
Er wandte den Blick von der
Straße kurz zu der Frau neben sich.
Er sah ihre gepflegte Blässe, ihren Hut, ihre verblichene Würde –
und dann lächelte er. Ein warmes, leises, verstehendes Lächeln.
Und lächelnd fuhr er die letzten
Meter bis zu seinem Hof.