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Sonntag, 5. Oktober 2025

So bin ich – oder so wäre ich gern?

 Im Laufe meiner Mentaltrainerausbildung bekamen wir eine scheinbar einfache Aufgabe:

Auf einem Fragebogen mit diversen Eigenschaften sollten wir all jene ankreuzen, die wir uns selbst zuordnen würden.

Besonders schwierig war das nicht – fand ich.
Ich weiß zwar nicht mehr genau, was ich alles angekreuzt habe, aber ich bin mir sicher:
Ein paar Grundtugenden wie Geduld, Friedfertigkeit, Toleranz, Flexibilität und Empathie waren bestimmt dabei.
Ich kannte meine positiven Seiten. Und mein Licht wollte ich ja nun wirklich nicht unter den Scheffel stellen.

Als meine Kinder später diesen Bogen zu Gesicht bekamen, rollten sie sich vor Lachen auf dem Boden.
„So siehst du dich, Mama? Ehrlich??“
Mein Mann rollte zwar nicht – weder auf dem Boden noch mit den Augen – aber auch er kicherte verhalten.

Ich verstand ihre Reaktion zunächst nicht.
Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass zwischen „So bin ich“ und „So wäre ich gern“ manchmal Welten liegen.

Ich hatte nicht angekreuzt, wie ich bin, sondern wie ich gern wäre.

Diese Erkenntnis war im ersten Moment nicht ganz leicht zu verdauen.
Hatte ich mir jahrelang etwas vorgemacht?
War mein Selbstbild nur ein Wunschbild – liebevoll gebügelt, aber etwas abgehoben?
Oder war es vielmehr so, dass diese Eigenschaften durchaus in mir angelegt sind,
aber im Alltag nicht immer so zum Vorschein kommen, wie ich es mir wünsche?

Mit etwas Abstand wurde mir klar:
Unsere Selbstwahrnehmung ist oft stark von unseren Idealen geprägt.
Wir möchten geduldig, friedfertig, tolerant, flexibel und empathisch sein –
weil wir wissen, dass diese Eigenschaften wertvoll sind. Für uns selbst. Für andere.
Doch das Leben stellt uns täglich auf die Probe.
Stress im Job, ein unfreundlicher Mitmensch, eine unangenehme Nachricht, eine schlaflose Nacht –
und plötzlich sind all die edlen Tugenden auf Tauchstation.

Vielleicht ist es genau das, was Entwicklung ausmacht:
Sich ehrlich zu fragen, wer man sein möchte,
und mit ebenso viel Ehrlichkeit hinzusehen, ob man wirklich so handelt.

Diese Übung war für mich ein Spiegel.
Nicht einer, der nur meine Stärken zeigt – sondern auch die kleinen Entwicklungsfelder,
die man mit einem Augenzwinkern liebevoll „Luft nach oben“ nennen könnte.

Seitdem beobachte ich mich achtsamer.
Nicht, um mich zu bewerten – sondern um bewusster zu werden.
Ich frage mich öfter:
„Stimmt mein Handeln mit meinen Idealen überein?“
„Bin ich wirklich die, die ich sein möchte – oder hinke ich gerade meinem Idealbild hinterher?“

Ich habe gelernt, mir selbst ehrlicher zu begegnen –
und gleichzeitig mit mehr Nachsicht.

Denn der Weg zwischen „So bin ich“ und „So wäre ich gern“ ist kein Sprint.
Aber jeder Schritt zählt.
Und manchmal reicht es, wenn man am Abend sagen kann:
Heute war ich mir ein kleines Stück näher.

 


Sonntag, 17. August 2025

Ich bin nicht die Masse

Gedanken über Individualität und Selbstwahrnehmung

Es scheint ein tiefes Bedürfnis vieler Menschen zu sein, sich von anderen abzuheben.
Anders zu sein – anders als „die Masse“. Und oft bedeutet „anders“ dabei vor allem: besser.

Ich kannte einmal eine Frau. Sie war klug, interessant, sehr hübsch – und ihr Kleidungsstil war außergewöhnlich. Er passte hervorragend zu ihr. Ich mochte sie.
Auf Facebook postete sie viele Fotos von sich, in oft sehr kreativer Kleidung. Und sie erntete viel Bewunderung – auch von mir.

Doch dann kam der Moment, der mich innehalten ließ.
Jemand bewunderte ihren Stil, und sie antwortete:
„Ja, ich gehöre eben nicht zur Masse.“

Wäre es mir wichtig genug gewesen, hätte ich vielleicht gefragt:
„Wer ist denn diese Masse? Sind wir alle die Masse – und nur du bist kein Teil davon? Oder wie ist das gemeint?“
Aber ich fragte nicht. Ich löschte sie.

Denn kaum etwas macht einen Menschen für mich unglaubwürdiger als die Behauptung, er sei kein Teil der Masse.

Der Glaube, alle anderen seien „die Masse“, nur man selbst nicht, ist das verzerrte Spiegelbild echter Besonderheit.
Er zeigt, wie leicht aus dem Wunsch, gesehen zu werden, ein Bedürfnis wird, sich abzugrenzen –
und wie schnell aus einem „Ich bin besonders“ ein „Ich bin besser“ wird.
Mit einem einzigen Satz:
„Ich gehöre nicht zur Masse.“

Und plötzlich verliert das Besondere seine Würde.
Denn um sich selbst zu erhöhen, muss man den Wert der anderen mindern.
Mit einem Satz wird vielen ihre Einzigartigkeit abgesprochen:

„Ihr seid die Masse – nur ich bin es nicht.“
„Ihr seid alle gleich – nur ich bin anders.“
„Es gibt zwei Sorten von Menschen: die Masse – und mich.“

Wieviel Überheblichkeit liegt in solchen Gedanken.
Und vielleicht – im Verborgenen – auch wieviel Verzweiflung.
Der Wunsch, anders zu sein, wird zum Rettungsanker für das Gefühl, nur dann von Wert zu sein, wenn man sich abhebt.

Doch vielleicht liegt wahre Besonderheit nicht im Anderssein –
sondern darin, das Gemeinsame anzuerkennen und die eigene Note darin hörbar zu machen.

Jeder von uns ist Teil der Masse. Ein einzigartiger Teil dieser Masse.
Und jeder von uns trägt eine unverwechselbare Nuance in die große Melodie des Menschseins ein.
Erst das Zusammenspiel aller Stimmen macht das Lied vollständig.

Die Angst, im Alltäglichen zu verschwinden, verführt uns dazu, uns herauszulösen.
Aber vielleicht ist die mutigste Form der Individualität genau das:
sich als Teil des Ganzen zu erkennen –
und darin eine Größe zu entfalten, die nicht trennt, sondern verbindet.