Mitgefühl ist etwas, von dem die meisten von uns glauben, es zu besitzen. Doch allzu oft sind wir überzeugt, genau zu wissen, wer Mitgefühl verdient – und wer nicht. Dabei ist Mitgefühl nichts, das man sich verdienen muss. Es ist ein Seinszustand, in dem man verweilt – oder eben nicht.
Echtes Mitgefühl macht nicht halt vor jenen,
die wir für „unwürdig“ halten.
Wir fühlen mit dem Nachbarn, der durch einen Unfall arbeitsunfähig wurde – doch
dem obdachlosen Bettler verweigern wir es, weil wir glauben, er sei selbst
schuld an seiner Lage.
Wir empfinden Mitgefühl für den Mann, der einen Einbrecher erschießt – aber
nicht für den Einbrecher, obwohl wir nichts über dessen Geschichte wissen. Und auch
er hat Menschen, die ihn lieben.
Wir trauern mit den Angehörigen der Opfer
eines Amoklaufs – doch auch der Täter hatte Angehörige, die leiden.
Wir empfinden Mitgefühl beim Anblick eines ausgesetzten Kätzchens – doch das unsägliche
Leid jener Tiere, die täglich in unserem Namen gequält, misshandelt und getötet
werden, berührt uns kaum.
Können wir uns so sicher sein, dass der
Bettler, der nichts besitzt, aber auch niemandem etwas schuldet, „schlechter“
ist als der Nachbar, der seinen Lebensstandard durch Schulden aufrechterhielt,
die er nun nicht mehr bezahlen kann?
Dürfen wir mit Bestimmtheit sagen, ein Einbrecher sei moralisch verwerflicher
als jene, die im Supermarkt schweigend davongehen, wenn ihnen an der Kasse
versehentlich 20 Euro zu viel herausgegeben werden?
Sind wir wirklich in der Lage, abschließend
über Gut und Böse zu urteilen?
Wer von uns ist frei von Irrtümern, kleinen oder großen Vergehen?
Wer ohne Fehl und Tadel ist, der werfe den ersten Stein.
Echtes Mitgefühl bedeutet, den Blick zu weiten.
Die Grenzen des eigenen Urteilens zu hinterfragen.
Sich der Komplexität menschlicher Schicksale zu öffnen.
Es ist eine Einladung, sich selbst und andere
mit mehr Nachsicht und Verständnis zu betrachten – auch wenn uns das nicht
immer leichtfällt.
Ein Raum, in dem auch der vermeintlich Schuldige ein Mensch bleibt.
Wo das Herz sich nicht selektiv öffnet, sondern weit bleibt – für die ganze,
oft widersprüchliche Wirklichkeit.
Nur so kann Mitgefühl zu einer Kraft werden,
die nicht trennt, sondern verbindet.
Die nicht verurteilt, sondern heilt.
Die nicht recht haben will – sondern menschlich bleibt.
Mitgefühl ist eine Entscheidung.
Die Entscheidung, mit den Augen der Güte zu sehen – nicht mit den Augen des
Urteils.
Mitgefühl, mit fühlen oh ja Deine Worte regen wieder sehr zum Nachdenken an. Ich merke es selbst, dass es da Grenzen in mir gibt. (G.R)
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