Freitag, 25. April 2025
🌿 Wo Frieden beginnt – ein leises Manifest 🌿
Donnerstag, 24. April 2025
Das Buch, das mein Mann unbedingt lesen sollte
Über Projektionen und was ich jetzt darüber weiß
Ich bin ein wahrlich friedlicher und
reflektierter Mensch. Fast ein spirituelles Geschenk an die Welt.
Und ich tue alles, um meine Ehe harmonisch zu gestalten, die Beziehung zu
meinem Mann frei von Schuldzuweisungen zu halten und Streitereien möglichst zu
vermeiden. Ich bin gutmütig, nachgiebig – geradezu von erleuchteter Sanftheit.
Und trotzdem läuft unsere Ehe nicht immer rund.
Aber jetzt – endlich – weiß ich warum.
Mir fiel ein Buch in die Hände. Ein
faszinierendes Werk über psychologische Abwehrmechanismen.
Im Besonderen ging es um Projektionen in der Partnerschaft.
Also um die unselige Angewohnheit vieler Menschen, ihre eigenen Gefühle, Ängste
oder ungelösten Themen auf den Partner zu übertragen. Die
Leute können ja nichts dafür. Das geschieht meist unbewusst. Aber umso wichtiger ist es, ihnen die Augen zu
öffnen.
Ich bin sehr schnell von Begriff – wirklich sehr
– und erkannte augenblicklich, worum es geht.
Und schon nach wenigen Seiten war mir klar:
Dieses Buch ist dringend notwendig. Mein Mann MUSS es einfach lesen.
Auf nahezu jeder Seite dachte ich:
Genau so! Ganz genau so ist er!
Wie konnte ich das all die Jahre übersehen?
Endlich hatte ich eine Erklärung für das
gelegentliche Holpern in unserer Beziehung. Endlich wusste ich, wer – äh, was –
schuld daran war.
Ich verschlang dieses Buch regelrecht. Mit wachsender Begeisterung und mit dem
festen Vorsatz, meinem Mann alles, was ich jetzt über ihn und seine
Projektionen wusste, bei nächster Gelegenheit subtil und liebevoll um die Ohren
zu klatschen.
Mit jeder Zeile, die ich las, leuchtete ich
tiefer in die dunkelsten Ecken seiner Seele.
Ich machte mir sogar Notizen.
Nicht, um Vorhaltungen zu machen – nein, ganz sicher nicht.
Ich wollte nur vorbereitet sein. Man weiß ja nie, wann sich die Gelegenheit
bietet, hilfreiche Impulse zu geben.
Doch ein Problem blieb: Wie bringe ich ihn dazu,
dieses Buch zu lesen?
Was, wenn er sich der Lektüre verweigert?
Er ist nicht gerade für seine Lesefreude bekannt.
Aber ich wäre bereit, es ihm vorzulesen.
So oft, so lange – bis er es auswendig kann.
Er muss doch nur ein kleines Stück
selbstreflektierter werden.
So wie ich.
Viel mehr verlange ich gar nicht von ihm.
Nur
dass er erkennt, was ich längst weiß: dass nicht ich das Problem bin. Sondern
er. Ganz eindeutig. Und als Beweis dafür hab ich jetzt sogar ein Buch.
Montag, 21. April 2025
Das Geschäft mit der Spiritualität
Wann ist es eigentlich passiert, dass aus der Suche nach Wahrheit ein Produkt geworden ist?
Wann ist aus der Einladung ein Verkaufsversprechen geworden –
mit Countdown, Frühbucherrabatt und exklusivem Zugang zur Erleuchtung?
Denn da draußen, im Lärm der Versprechungen, in der Glitzerwelt der
„Bewusstseinsindustrie“, ist oft gar nicht mehr spürbar, worum es ursprünglich
ging: um Wahrheit, um Stille, um das
Wesentliche.
Es ist traurig – und manchmal wirklich erschreckend –, wie viele Menschen
heute ihren eigenen Wert daran messen, wie gut sie sich vermarkten können. Selbsterkenntnis
wird zur Selbstoptimierung, Spiritualität
zur Dienstleistung, und Wachstum
wird verkauft wie ein Fitnessprogramm: „Tu das, zahle dies – und erlange jenes.“
Schnell, effizient, exklusiv.
Die Rhetorik ist immer die gleiche:
„Du willst Klarheit, Fülle, Freiheit? Dann ist
dieser Workshop genau richtig für dich.“
„Wenn du nicht mitmachst, wirst du
scheitern.“
„Nur wer zahlt, ist bereit.“
„Dies ist der einzig wahre Weg“
„Buch noch heute, denn heute kostet es
nur 1561 Euro.“
Diese Sätze sind nicht spirituell.
Sie sind Marketing. Und sie nähren eher Angst und Mangel als Vertrauen und
innere Freiheit.
Viele Menschen sind heute verunsichert.
Sie sehen, wie sich die Welt verändert.
Wie das Geld weniger wird, die Rechnungen wachsen,
die Sicherheit schwindet.
Arbeitsplätze, die gestern noch da waren, sind heute verschwunden.
Und die Preise steigen weiter – für Energie, für Wohnen, für das Leben selbst.
Und so sehen viele darin einfach ihren letzten
Ausweg.
Ortsunabhängiges Arbeiten.
Leben im Süden.
Leichtigkeit statt Treten im Hamsterrad.
Und genau das ist der Punkt, wo leicht anzudocken
ist. „Kaufe mich, ich bin dein Weg“, „Kauf dich glücklich“, „Kauf dich reich“.
Dein Ausweg ist nur 1561 Euro weit von dir entfernt.
Und der Anbieter dieses Online-Seminars winkt dir fröhlich aus Mexiko zu oder
von den Malediven, um dir zu zeigen:
Sieh her, es geht doch. Es ist ganz einfach. Klick einfach auf den
Bezahlbutton, und du bist dabei.
Natürlich ist es nicht grundsätzlich falsch, für gute Begleitung etwas zu
bezahlen. Auch ein Lehrer oder ein Heiler darf von seiner Arbeit leben. Aber
wenn aus einem Angebot ein psychologischer Druck wird, ein spirituelles
Statussymbol, ein künstlich erzeugter Mangel – dann hat sich der innerste Kern
verloren.
Wirkliches Wachstum ist kein Produkt.
Es ist ein Prozess.
Oft langsam, oft still.
Und er beginnt nicht mit einem Bezahlbutton, sondern mit der ehrlichen
Bereitschaft, sich selbst zu begegnen.
Letztendlich kann jeder Guru, jeder Heiler, jeder Coach nur Theorie verkaufen. Ich kann zumindest von mir selbst behaupten, Theorie in Hülle und Fülle in mich hineingeschaufelt zu haben. Theorie kann man sich stapelweise ins Bücherregal oder ins Gehirn legen – sie heilt jedoch nichts. Sie verändert nichts, wenn wir nicht durch das eigene innere Erleben gegangen sind. Das Tun kann einem keiner abnehmen. Die eigenen Gedanken zu ändern, ist ein Weg, den man alleine gehen muss. Im Tun, im Wandeln hört jede Theorie auf, zu glänzen. Weil dann die Stille kommt. Der Widerstand. Und der Blick in die eigenen Schatten. Mit Einsicht. Mit Erkennen. Mit Fragen, und mit der Bereitschaft, im Dunkeln zu tappen.
Heute hat der Weg ein Preisschild.
Man kann ihn buchen. In Modulen.
Mit persönlicher Begleitung oder als Premium-Format.
Der Weg nach innen wird mit Marketingformeln beschrieben –
und die alten Versprechen der Welt erscheinen nun
in neuem, spirituellem Gewand:
Mehr Fülle. Mehr Erfolg. Mehr Leben.
Der Markt ist riesig, bunt und vielversprechend. Ein Markt, in dem alles
seinen Platz hat:
Atemtechniken, Chakra-Kurse, Schattenarbeit,
Erleuchtungs-Masterclasses und Frequenz-Coachings.
Man kann alles lernen.
Alles kaufen.
Alles sofort.
Und plötzlich fühlt sich auch das
Erwachen wie ein Ziel an, das man erreichen muss.
Am besten noch bis zum Ende nächster Woche.
Was echte
Wandlung braucht
Echte Wandlung beginnt nicht mit einem Klick.
Sie beginnt mit einem Innehalten.
Mit einem Moment, in dem man sich selbst nicht mehr ausweichen kann..
Sie ist kein Kurs. Kein Shortcut. Keine Show.
Kein Versprechen.
Kein Plan in fünf Schritten.
Sie ist ein inneres Geschehen. Oft für niemanden sichtbar. Ein Weg. Oft
geschieht sie mit einer Entscheidung, die keiner bemerkt.
Und dieser Weg ist manchmal dunkel und ungeordnet,
Manchmal fällt man.
Manchmal glaubt man, nichts gelernt zu haben –
und spürt doch plötzlich eine tiefe Klarheit.
Eine, die nicht aus Büchern kommt.
Nicht aus Videos. Nicht aus Workshops und Kursen.
Sondern aus dem eigenen tiefen Erkennen, aus dem Staunen über das eigene innere Licht.
Theorie hilft manchmal.
Worte können den Weg weisen.
Ein guter Begleiter kann halten, erinnern, ermutigen.
Aber niemand kann den Schritt für ns tun.
Wirkliche Veränderung ist ein Akt der
Ehrlichkeit.
Ein stilles Ja.
Tief in uns selbst.
Ich schreibe das nicht, um zu warnen.
Nicht, um recht zu haben.
Und nicht, um jemanden zu entlarven.
Ich schreibe, weil ich weiß, wie unentbehrlich
der innere Weg ist.
Und wie leicht man sich verirren kann, wenn der Dschungel der käuflichen Spiritualität
zu groß wird.
Wenn selbst die Erleuchtung ihren Preis hat.
Vielleicht finden wir unseren Weg, nicht in einem Programm. Sondern in einem Moment, der uns still macht.
Ehrlich.
Offen.
Und vielleicht
ist dieser Moment genau jetzt.
Freitag, 18. April 2025
Verlieren wir unsere Kreativität?
In einer Welt, in der künstliche Intelligenz binnen Sekunden komponiert, textet, entwirft, beantwortet und formatiert, liegt plötzlich eine seltsame Stille in der menschlichen Kreativität. Nicht, weil sie verschwunden wäre. Sondern weil sie sich vielleicht zum ersten Mal fragt, ob sie noch gebraucht wird.
Eine neue Gegenüberstellung
Früher war es der Klassenbeste, neben dem man sich klein fühlte. Heute ist es der Algorithmus.
Früher war es der Lauteste im Raum, der einen an sich zweifeln ließ. Heute ist es ein Sprachmodell, das scheinbar alles besser weiß.
Lasse ich mich von der Befürchtung aufhalten, dass ich ein Buch niemals so perfekt schreiben könnte wie eine KI? Ein Bild niemals so perfekt malen?
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir uns erinnern dürfen:
Unsere Kreativität ist nicht dazu da, zu glänzen.
Sie ist dazu da, zu leuchten.
Nicht im Vergleich – sondern im Wesen.
Nicht, weil sie makellos ist, sondern weil sie uns gehört.
Der Mensch als schöpferisches Wesen
KI erschafft aus Daten.
Wir erschaffen aus Erleben.
Aus Trauer, aus Sehnsucht, aus Liebe.
Aus Nächten, in denen wir wachliegen.
Aus Momenten, die uns wandeln.
Aus Stille, in der eine Ahnung aufsteigt.
Vielleicht ist es genau das, was uns in dieser neuen Zeit nicht verloren gehen darf:
Die Erlaubnis, schöpferisch zu sein, auch ohne Ziel.
Ohne Vergleich. Ohne Algorithmus.
Nur mit uns selbst – und mit dem, was durch uns in die Welt will.
Die Erlaubnis, wir selbst zu sein
Die Erlaubnis, schöpferisch zu sein –
mit dem Vertrauen in das eigene Potential,
in unsere ganz eigene Art von Humor,
von Fühlen,
von Sehen,
von Gestalten.
Eine Kreativität, die nicht aus dem Wunsch entsteht,
besser zu sein,
sondern aus dem Mut, echt zu sein.
Ohne den Anspruch auf Anerkennung von außen.
Ohne die Angst, nicht zu genügen.
Nur mit der Bereitschaft, dem inneren Ruf zu folgen.
Vielleicht unbeholfen. Vielleicht unbemerkt.
Aber wahr.
Der Platz, der uns bleibt
Es liegt an uns selbst, ob wir unsere Kreativität verlieren oder bewahren.
Ob wir uns von der scheinbaren Perfektion der Maschinen klein machen lassen –
oder ob wir unser schöpferisches Wesen würdigen,
gerade in seiner Unvollkommenheit.
KI ist nicht gut oder böse.
Sie will nichts.
Sie fühlt nichts.
Sie ist ein Werkzeug – nicht mehr, nicht weniger.
Wir sind es, die entscheiden:
Ob wir sie als Konkurrenz sehen oder als Hilfe.
Ob wir uns ersetzen lassen oder erinnern, wer wir sind.
Wir selbst können sagen:
Meine Kreativität ist mir heilig.
Ich nehme Hilfe an, wo sie mich stärkt –
aber ich bleibe der Ursprung dessen, was ich erschaffe.
Es möge jeder an seinem Platz bleiben.
Die KI an ihrem.
Und wir an unserem.
Nachklang
Und vielleicht...
liegt die größte Kraft unserer Kreativität
nicht darin, etwas zu erschaffen,
das bewundert wird –sondern etwas,
das wahrhaft von uns erzählt.
Etwas, das lebt.
Weil wir es mit unserem Wesen erfüllt haben.
Und genau das...
kann keine Maschine der Welt je ersetzen.
Mittwoch, 5. Februar 2025
Von Versprechen, Schwüren, Gelübden und Vereinbarungen...
Versprechen sind ein fester Bestandteil unseres Lebens – tief verwoben mit unseren Beziehungen und unserem Wunsch nach Sicherheit.
Doch viele Versprechen entstehen nicht aus freiem
Herzen, sondern aus Angst, Pflichtgefühl, Gehorsam oder Gedankenlosigkeit. Sie
werden oft gegeben, um Erwartungen zu erfüllen, Verlust zu vermeiden oder
Schuldgefühle zu besänftigen. In solchen Momenten verlieren Versprechen ihre
natürliche Kraft der Liebe und werden zu Fesseln, die unser innerstes Wesen
binden.
Ein besonderes Beispiel solcher frühen Bindungen
ist das Taufversprechen. Im Christentum wird dieses zunächst nicht vom
Betroffenen selbst, sondern stellvertretend von Eltern und Paten abgelegt.
Später, bei der Firmung oder Konfirmation, wird es von jungen Menschen – oft im
Alter von vierzehn Jahren – "erneuert", obwohl sie meist noch gar
nicht über die Tiefe und Tragweite eines solchen Versprechens reflektieren
können. Solche feierlich gesprochenen Bekenntnisse – obwohl gut gemeint –
können sich wie unausgesprochene Verpflichtungen ins Unterbewusstsein
einprägen. Sie wirken weiter, auch wenn der Mensch sich innerlich längst davon
gelöst hat. Umso wichtiger ist es, sich auch dieser gelobten Zugehörigkeiten
bewusst zu werden – und achtsam zu prüfen, welche davon heute noch stimmig
sind.
Wie oft geben wir leichtfertig Versprechen, die
wir letztlich nicht halten können oder wollen? Wie oft nehmen wir gedankenlos
Wörter wie „ewig“, „immer“ und „nie“ in den Mund? Wir geloben Liebe, Treue oder
Dankbarkeit – für immer. Wir geben auch uns selbst Versprechen: dass uns „so
etwas“ nie wieder passieren wird, dass wir uns nie mehr verlieben, niemals
wieder jemandem vertrauen.
Manche dieser Versprechen werden zu Gelübden –
wie das Eheversprechen mit der Formel „bis dass der Tod uns scheidet“. Oder das
Schweigegelübde: „Ich werde niemandem je ein Wort davon erzählen.“ Oder das
Versprechen an einen sterbenden Menschen: „Ich werde mich immer um … kümmern.
Ich werde immer für … da sein.“
Wie viele solcher Versprechen, Schwüre oder
Gelübde mögen wir im Lauf unseres ewigen Seins – in anderen Leben – abgelegt
haben? Vielleicht in einem Kloster, als Keuschheits- oder Armutsgelübde. Und
vielleicht können wir uns heute nicht erklären, warum unsere Finanzen nicht ins
Gleichgewicht kommen oder unsere Partnerschaften nicht gelingen. Wie viele Male
haben wir ewige Liebe geschworen – oder immerwährende Loyalität?
Schwüre und Eide sind formelle Versprechen. Dazu
zählen Amtseide, das Gelöbnis auf die Verfassung, die Bibel, vor Gericht oder
im ärztlichen Beruf. Solche Bekenntnisse sind häufig mit großen Erwartungen
verbunden – und können zu inneren Konflikten führen, wenn sie nicht erfüllt
werden.
Zudem sind viele dieser Schwüre unbewusste
Selbstverpflichtungen. Das Unterbewusstsein fühlt sich gebunden – und versucht,
jedes abgelegte Versprechen einzulösen. Wird ein Schwur gebrochen, tritt oft
ein innerer Selbstbestrafungsmechanismus in Kraft. Wir fühlen uns dann
womöglich nicht mehr würdig, Freude zu erleben, Glück zu empfangen oder Erfolg
zu haben. Was manche „Strafe Gottes“ nennen, ist oft ein unbewusstes
Selbsturteil.
Auch weniger formelle Zusagen, Vereinbarungen
oder Abmachungen können die Seele binden. Sie entstehen aus Liebe, Loyalität,
Angst oder Schuld – und wirken weit über den Moment hinaus.
Diese unsichtbaren Verstrickungen können unsere
persönliche und spirituelle Entwicklung behindern. Deshalb ist es so wichtig,
sich ihrer bewusst zu werden – und sich von ihnen zu lösen. Etwa durch
Meditation, durch Selbstreflexion oder durch ein bewusstes Ritual.
Es gibt jedoch Versprechen, die nicht aus Angst
entstehen, nicht aus Schuld, nicht aus dem Wunsch, etwas festzuhalten, was sich
vielleicht verändern könnte. Sie sind das Ja einer Seele, die weiß, dass Liebe
kein Vertrag ist. Sondern ein Zuhause.
Doch alle alten Gelübde, Schwüre und Versprechen,
die nicht im Raum der reinen Liebe entstanden sind, die uns binden und uns
keine Luft zum Atmen lassen, dürfen wir würdigen und in Liebe entlassen – und
damit Raum schaffen für neue Freiheit, für Wachstum – und für einen Weg, den
wir in Liebe und Selbstbestimmung gehen können.
Loslösungsritual
Führe dieses Ritual an 21 aufeinanderfolgenden
Tagen durch:
Setze dich ruhig hin. Atme einige Male tief ein und aus. Vielleicht zündest du eine Kerze an. Lies dir dann den folgenden Text laut vor. Danach schüttle deinen Körper kräftig durch – um die alten Muster auch physisch abzulösen.
Ich … (Name) … befreie mich hier und jetzt mit der Kraft meines göttlichen Bewusstseins und der unendlichen göttlichen Liebe von allen Schwüren, Eiden, Gelübden, Versprechungen, Verträgen und Abmachungen, die ich je ausgesprochen habe und mit denen ich mich an Menschen, Orte oder Institutionen gebunden habe – sowohl in diesem als auch in vergangenen Leben.
Ich befreie mich von allen Bindungen, Verstrickungen und Verpflichtungen, die dadurch entstanden sind – in allen Realitäten, auf allen Ebenen von Zeit und Raum, und zum höchsten Wohle aller.
Ebenso verabschiede und entferne ich alle Auswirkungen dieser Eide, Gelübde, Versprechen und Abmachungen aus meinem Leben – in allen Realitäten, auf allen Ebenen von Zeit und Raum, und zum höchsten Wohle aller.
Ich vergebe mir selbst – und allen Menschen oder Wesenheiten, die mich durch solche Gelübde oder Schwüre gebunden haben – und lasse sie in Liebe frei.
Möge das göttliche Licht der Liebe und Heilung durch mich fließen und mich auf meinem Weg der Freiheit, der Liebe und der Wahrheit begleiten.
Mögen alle Wesen gesegnet sein. Danke.
Abschließende Gedanken
Worte haben Kraft. Versprechen sind keine bloßen
Floskeln – sie sind energetische Bindungen, die unsere Seele berühren. Umso
wichtiger ist es, achtsam mit ihnen umzugehen. Jedes „Ja“ verdient Bewusstsein.
Und jedes „Nein“ genauso.
Wenn wir uns von alten Schwüren lösen, ehren wir
nicht nur unsere Freiheit – wir ehren auch die Liebe, die aus freiem Herzen
kommt. Die Liebe, die nichts fordert. Und alles ist.
Möge dein Weg leicht sein. Möge dein Herz frei
sein. Möge deine Seele erinnern, wer sie ist.
In Liebe.
Dienstag, 3. Dezember 2024
Gebet für die Heilung der Ahnen
Gebet der Befreiung
(inspiriert vom Nahuatl-Segen)
Ich befreie meine Eltern von dem Gedanken,
mit mir versagt oder mich enttäuscht zu haben.
Ich danke ihnen für ihr Dasein und lasse sie in Frieden.
Ich befreie meine Kinder von der Erwartung,
mich stolz machen zu müssen.
Mögen sie ihren eigenen Weg gehen –
im Einklang mit der Stimme ihres Herzens.
Ich entlasse meinen Partner aus der Aufgabe,
mich zu vervollständigen.
Ich bin ganz in mir –
und wachse durch jede Begegnung mit dem Leben.
Ich danke meinen Großeltern und Ahnen,
dass sie mir das Leben ermöglicht haben.
Ich lasse ihre Schmerzen und unerfüllten Träume frei,
wissend, dass sie in ihrer Zeit ihr Bestes gegeben haben.
Ich ehre sie, liebe sie und sehe ihre Unschuld.
Vor ihren Augen mache ich meine Seele
transparent.
Ich trage nichts Verstecktes in mir,
und schulde nur eines:
mir selbst treu zu sein.
Ich folge der Weisheit meines Herzens
und gehe meinen Weg in Freiheit –
losgelöst von familiären Erwartungen,
sichtbar oder verborgen.
Ich trage die Verantwortung für mein Glück
und lasse alle Rollen los,
die nicht aus Liebe entstanden sind.
Ich lerne durch die Liebe,
und ehre mein wahres Wesen –
selbst wenn es unverstanden bleibt.
Ich kenne meinen Weg,
weil ich ihn selbst gegangen bin.
Ich verstehe mich,
weil ich mich selbst erlebt habe.
Ich erkenne mich an:
als frei von Schuld,
als würdig, als Licht.
Ich ehre dich,
ich liebe dich,
und auch du bist frei von Schuld.
Ich erkenne die Göttlichkeit in dir –
und in mir.
Wir sind frei.
Inspiriert vom Nahuatl-Segen (geschrieben im 7. Jahrhundert in der Zentralregion von Mexiko)
Dienstag, 19. Dezember 2023
Torosa
Wie ein Schatten war die Katze zwischen den Häusern aufgetaucht - geräuschlos und nahezu unsichtbar. Nur schwach hob sie sich vom aufsteigenden Nebel ab. Lotte erkannte auf den ersten Blick, dass das keine gewöhnliche graue Katze war. Sie schimmerte auf eine seltsame Art und schien nicht richtig grau, sondern eher blaugrau zu sein, und obwohl sie in der Dämmerung kaum wahrzunehmen war, glaubte Lotte, ein Leuchten von ihr ausgehen zu sehen. Lotte starrte die Katze an und die Katze starrte zurück. Und je länger Lotte starrte, desto blauer schimmerte es aus der Dunkelheit. Lotte starrte so lange, bis sie nur mehr die blaugeränderten Ohren der Katze wahrnahm. Und die Augen. Die Augen strahlten goldgelb und passten nicht so recht dazu. Dies war keine gewöhnliche Katze, darüber war Lotte sich im Klaren. Jedoch war sie eine sehr nüchtern denkende Frau und für dergleichen Schnickschnack hatte sie nichts übrig. Eine Katze mit blau leuchtenden Ohrrändern hatte in ihrer Wirklichkeit nichts verloren. So etwas war unmöglich, das gab es einfach nicht, und daher drehte sie sich kopfschüttelnd um und eilte weiter.
Eigentlich hatte sie gar
keine Lust gehabt, noch wegzugehen. Aber ihr Kühlschrank war leer, denn
sie war erst vor einer Stunde nach längerer Abwesenheit nach Hause gekommen.
Sie hatte ihrer Schwester einen siebentägigen Besuch abgestattet, und danach
war sie zu ihrer Kusine gereist, bei der sie fünf Tage geblieben war. Die
beiden waren ihre einzigen Verwandten und sie besuchte sie jedes Jahr vor
Weihnachten und blieb bei jeder so lange, bis sie heillos zerstritten waren.
Das pflegte im Allgemeinen etwa zwei Wochen in Anspruch zu nehmen, somit lag
sie gut im Zeitplan. Nun war sie müde
und wollte gleich zu Bett gehen. Hunger hatte sie nicht, dennoch
entschied sie sich – sie hätte später nicht zu sagen gewusst, warum – noch zum
Laden an der Ecke zu gehen, um einige Lebensmittel einzukaufen.
So
kam es, dass Lotte der Katze begegnete.
Das
Haus, in dem sie wohnte, war vier Stockwerke hoch, und Lotte wohnte ganz oben
unter dem Dach. Etwas unlustig schlich sie die enge Treppe nach unten und
öffnete die Haustür. Es war bereits dämmrig und die Kälte schnitt ihr in die
Wangen. Sie zog den Mantelkragen hoch und beschleunigte ihre Schritte.
Und
da war sie plötzlich. Lotte war gar nicht sicher, ob sie nun zwischen den
Häusern aufgetaucht oder vom Himmel gefallen war. Sie war plötzlich einfach da.
Lotte
hätte hinterher nicht zu sagen gewusst, wie sie sich in diesem Augenblick
gefühlt hatte und ob sie Angst gehabt hatte. Sie wusste nur, dass sie mit
dergleichen Erscheinungen nichts zu tun haben wollte und dass es eine Katze
dieser Art sowieso nicht geben konnte. Erst als sie am Supermarkt angekommen
war, merkte sie, dass sie die letzten Schritte gelaufen war. Atemlos blieb sie
stehen und sah zurück. Hinter ihr stand die Katze und leuchtete sie mit ihren
goldgelben Augen an. Es schien ihr eine Ewigkeit, die sie und die Katze
einander in die Augen starrten. Ein Schauder lief Lotte über den Rücken. Doch
dann schüttelte den Kopf wie ein Hund, der sich den Regen aus dem Fell
schüttelt und betrat hastig den Laden.
Sie
ließ sich Zeit mit ihren Einkäufen und trödelte zwischen den Regalen herum.
Schließlich kaufte sie etwas Käse und eine Packung Toastbrot. Nach kurzem
Überlegen packte sie noch Erdbeeren und einen Becher Schlagsahne in ihren
Einkaufskorb. Sie hätte nicht zu sagen gewusst, warum, denn Erdbeeren im
Dezember empfand sie als puren Luxus, und Erdbeeren mit Schlagsahne grenzten in
ihren Augen sowieso an Völlerei.
Mehrmals
schlich sie am Eingang vorbei und schielte nach draußen. Von der Katze war
nichts zu sehen. Lotte schüttelte über
sich selbst den Kopf. Warum dachte sie immer noch an diese Katze? Sie ging zur
Kasse, bezahlte ihre Waren und verließ den Laden. Inzwischen war es dunkel
geworden und es hatte zu schneien begonnen. Lotte verkroch sich in ihrem Mantelkragen und machte sich eilig auf den Heimweg. Nichts Auffälliges war zu
bemerken. Nur manchmal glaubte sie, in der Ferne, einen bläulichen Schimmer zu
sehen. Aber vermutlich spielten ihr ihre etwas überreizten Nerven einen
Streich.
Sie
war froh, als sie ihr Haus erreichte.
Vor
dem Haus saß die Katze.
Lotte
blieb stehen. Ihr Atem ging heftig. Es ließ sich nicht leugnen – diese Katze
war ihr unheimlich. Das konnte doch nicht sein. Sie fürchtete sich vor einer
Katze! Sie atmete tief durch und ging auf die Katze zu. Die Katze saß
bewegungslos und sah ihr ruhig entgegen. Lottes Hände zitterten, als sie die
Haustür aufsperrte. Schnell huschte sie ins Treppenhaus. Die Katze erhob sich
und folgte ihr. Es kostete Lotte einige Überwindung, aber dann sprach sie das
Tier an: „Na, wo wohnst du denn? Willst du nicht nach Hause gehen?“ Die Katze
sah Lotte unverwandt an. „Hast du vielleicht Hunger?“ fragte Lotte weiter,
„dann solltest du erst recht nach Hause gehen. Denn wir kennen einander weiter
nicht, und du wirst doch wohl nicht annehmen, dass ich fremde Katzen durchfüttere.
Und du selbst wirst ja wohl auch nicht von jedem Fremden etwas annehmen
wollen.“
Damit
drehte sie sich um und kletterte ohne sich umzusehen keuchend die Treppe bis
zum vierten Stock empor. Die Katze folgte ihr ruhig und geschmeidig. Lotte fühlte sie mehr als dass sie sie sah.
Oben angekommen wandte sie sich nochmal rasch um und fuhr die Katze an: „Nun
schau doch endlich, dass du fortkommst!“
Dann schloss sie mit zittrigen Fingern ihre Wohnungstür auf und betrat,
gefolgt von der Katze, ihre Wohnung.
Sie
stellte ihre Einkäufe in die Küche und ließ sich dann mit einem Seufzen auf
einen Sessel plumpsen. Sie brauchte ein
Weilchen, bis sie wieder zu Atem kam. Als ihr Mann noch gelebt hatte, hatten
sie oft davon gesprochen, eine andere Wohnung zu suchen, eine, die ebenerdig
gelegen war. Aber seit er tot war, dachte Lotte nicht mehr daran, hier
wegzuziehen. Sie war über siebzig Jahre alt und sie war nicht daran gewöhnt,
selbstständige Entscheidungen zu treffen. Solange Gustav lebte, hatte er die
Entscheidungen getroffen. Und das war ihr so recht gewesen.
Die Wohnung hier war ja soweit in Ordnung. Außer dass sie
eben im vierten Stock lag und Lotte ihre gesamte Sportlichkeit abverlangte. Und
dass in der Nebenwohnung eine junge Familie mit drei kleinen Kindern wohnte,
wertete die Wohnung auch nicht gerade auf.
Lotte mochte keine Kinder. Sie hielt Kinder grundsätzlich für laut,
frech und unerzogen. Obwohl sie zugeben musste, dass die Nachbarskinder immer
freundlich grüßten. Die junge Frau hatte schon mehrmals versucht, mit ihr
Kontakt aufzunehmen, ein Gespräch zu beginnen. Aber Lotte hatte sich auf keine
Unterhaltung eingelassen, hatte nur kurz und mürrisch geantwortet. Irgendwann
hatte die Frau aufgegeben, lächelte sie immer nur schüchtern an, wenn sie
einander begegneten.
Lotte war nicht immer so gewesen. Früher als sie jung
war, hatte sie Freunde gehabt, und Freude am Leben. Kinder hätte sie sich schon
auch gewünscht. Aber sie hatte keine bekommen, und sie hatte deswegen lange mit
ihrem Schicksal gehadert, war verbittert geworden und hatte sich zurückgezogen.
Heute war sie froh darüber. Obwohl es vielleicht….
Nun, Lotte hielt es für sinnlos, darüber nachzudenken. Es
war eben so und nicht anders.
Die Katze saß geduldig in der Mitte des Teppichs und
wartete. Lotte sah sie missvergnügt an. Was wollte die Katze von ihr? Warum war
sie ihr hierher gefolgt? Vielleicht sollte sie ihr doch etwas zu Fressen geben?
Man wusste ja nicht, ob das Tier
jemandem gehörte. Und sie wusste ja, wie die Leute waren. Erst nahmen sie so
ein Tier ins Haus, und dann kümmerten sie sich nicht darum. Man kannte das ja.
Mühsam stand sie auf und begann nach etwas Fressbarem für das Tier zu
suchen. Sie wusste nicht so recht, womit
man eine Katze füttert, wenn man keine entsprechenden Vorräte im Haus hatte. In
einer Lade fand sie eine Dose Thunfisch. Abwägend betrachtete sie die Dose.
Irgendwie fast schade für ein dahergelaufenes Tier. Aber dann gab sie sich
einen Ruck und öffnete die Dose. „Komm her, Katze!“ rief sie. Eigentlich hatte sie „Katzenvieh“
rufen wollen, aber sie verkniff es sich im letzten Augenblick. Man konnte ja
nie wissen, wie viel so ein Tier verstand und was es über sie denken mochte.
Ein wenig wunderte sie sich über sich selbst, denn gewöhnlich war es ihr
gleichgültig, was die anderen über sie dachten. Sie glaubte sowieso nicht daran,
dass außer ihr jemand imstande war, überhaupt vernünftig zu denken. Und schon
gar keine Katze. „Nun komm schon her, Katze!“ Abwartend sah sie die Katze an,
aber die saß da wie eine Statue und rührte sich nicht. Sie mochte wohl keinen
Thunfisch. „So ist es recht“, murrte Lotte, „obdachlos sein und dann noch
Ansprüche stellen!“ Die Katze antwortete soweit nicht. Sie saß nur stumm da. „Dir geht es einfach zu gut“, schimpfte Lotte
weiter. „Einen Krieg müsstest du erleben. Dann wüsstest du, was Hunger ist. Auf
Knien würdest du um eine Dose Thunfisch betteln. Und an die hungernden
Katzenkinder in Afrika solltest du denken!“ Die Katze hörte aufmerksam zu und
regte sich nicht.
Lotte
hätte hinterher in keiner Weise mehr zu sagen gewusst, warum sie plötzlich in
ihr Wohnzimmer zum Schrank mit dem guten Geschirr ging, eine wunderschöne
Glasschale mit Goldrand – ein Erbstück ihrer Großmutter – herausnahm, sie mit
Erdbeeren füllte, reichlich Schlagsahne
darüber verteilte und die Schale der Katze hinstellte. Und siehe da, ohne auch
nur ein einziges Mal abzusetzen fraß die Katze die Schale leer.
Später
saßen sie einander in Lottes Wohnzimmer gegenüber. Lotte in ihrem
Lieblingssessel, die Katze auf dem Sofa. Nichts wies darauf hin, dass die Katze
vorhatte, wieder zu gehen. Und es ließ sich nicht leugnen, Lotte begann sich in
Gesellschaft der Katze wohlzufühlen. Ein ungewohntes Gefühl. „Bilde dir bloß
nicht ein, dass ich dich mag“, sagte sie.
Draußen
hatte es zu schneien begonnen.
Nachdenklich
saß Lotte in ihrem Sessel. Im Raum war es fast dunkel. Endlich raffte Lotte
sich auf, stand auf und knipste ihre altmodische Stehlampe mit den braunen
Fransen an. Dann ging sie zum Fenster, um die Vorhänge zu schließen. „Wenn du
hier schlafen willst“, sagte sie zur Katze, „dann musst du einen Namen haben.
Hier schlafen keine namenlosen Unbekannten.“
„Ich
heiße Torosa“, sagte die Katze.
„So, so. Ich dachte eher an einen vernünftigen
Katzennamen, so wie Leni oder Grete“, gab Lotte geistesabwesend zurück.
„Nein,
ich heiße Torosa“, ertönte es abermals vom Sofa. Was war das eben? Jetzt erst
wurde Lotte bewusst, dass die Katze geantwortet hatte und sie erschrak heftig.
Als sie sich jedoch nach der Katze umwandte, hatte sich diese auf dem Sofa
eingerollt und schien zu schlafen. Lotte atmete tief durch. „Was hab ich mir da
bloß eingebildet?“ murmelte sie. „Aber wenn sie will, so soll sie eben Torosa
heißen. Wenngleich Leni auch genügt hätte.“
Am
nächsten Morgen erwachte Lotte mit dem unbestimmten Gefühl, dass jemand auf
ihrem Kopfkissen stand und sie anstarrte. Sie schlug die Augen auf und blickte
schnurgerade in Torosas goldgelbe Augen. „Ach du bist ja auch noch da“, seufzte
sie und schloss gleich wieder die Augen. „Wann gibt es bei dir Frühstück?“
frage Torosa höflich.
Lotte
riss die Augen auf und starrte die Katze an. Die saß jedoch ruhig da und tat,
als hätte sie kein Wort gesagt. Lotte ließ sich jedoch nicht mehr täuschen.
Diese Katze unterhielt sich mit ihr, wie immer sie das auch anstellte.
Lotte
richtete sich auf und schwang ihre Beine über den Bettrand. „Frühstück?“ frage
Torosa hinter ihr. „Ja, Frühstück.“ Lotte sah sich nicht um, denn sie hatte
keine Zweifel mehr, dass diese Katze so eine Art Zauberkatze war.
Ächzend
erhob sich und schlurfte in die Küche. Sie widerstand ihrem Impuls, Kaffee
aufzusetzen, sondern spülte erst die goldgeränderte Schüssel, füllte sie mit
den übrig gebliebenen Erdbeeren von gestern, goss den Rest der Schlagsahne
darüber und stellte die Schüssel für Torosa auf den Tisch.
Danach
kochte sie Kaffee für sich selbst. Als sie sich umdrehte, saß Torosa bereits
possierlich auf dem Stuhl vor ihrer Schüssel, fraß jedoch nicht. „Was ist?“
fragte Lotte. „Schmeckt es dir nicht?“ Torosa schüttelte kaum merklich den
Kopf. „Ich warte auf dich“, antwortete sie. „Meinst du etwa, unsereiner hätte
keine Erziehung?“
„Nein,
auf so einen Gedanken wäre ich niemals gekommen“, murmelte Lotte
entschuldigend. Dann füllte sie den fertigen Kaffee in eine Tasse und setzte
sich zu Tisch.
Lotte
trank ihren Kaffee und betrachtete nachdenklich Torosa, die ohne Hast ihre
Erdbeeren fraß.
Was
wäre, wenn sie die Katze behielte? Weihnachten stand vor der Tür und sie war
ganz allein. Das waren bereits die dritten Weihnachten ohne ihren Mann. Ihre
Schwester und ihre Kusine würde sie erst zu Ostern wiedersehen, denn sie hatte
die beiden doch recht heftig beleidigt. Und Freunde hatte sie nicht. Nicht,
dass sie welche gebraucht hätte. Oh nein! Sie kam schon allein zurecht. Aber
manchmal drückte sie schon die Einsamkeit, obwohl sie das sich selber gegenüber
nur sehr ungern zugab. Wenn sie die Katze behielte, hätte sie doch etwas
Gesellschaft, und nebenbei hätte sie eine gute Tat getan. So ein heimatloses
Geschöpf bei sich aufzunehmen … wer machte so was schon? Und eine gute Tat
konnte nie schaden, fand Lotte. Man konnte immerhin nicht wissen, ob es nicht
doch so etwas wie eine himmlische Gerechtigkeit gab.
„Soll
ich dich behalten, Torosa?“ fragte sie unvermittelt.
Torosa
hob den Kopf und wandte Lotte ihr kleines sahneverschmiertes Gesicht zu. „Mich
behalten?“ fragte sie erstaunt. „Wie stellst du dir das vor?“ „Ja, aber…ich
dachte...“, Lotte war etwas verwirrt und wusste nicht, was sie sagen sollte,
und das passierte ihr selten. „Du kannst
mich doch nicht einfach behalten! Ich bin doch kein Möbelstück!" Torosa
runzelte unwillig die Stirn. „Ja, aber ich dachte…", begann Lotte noch
einmal. „Denk nicht so viel",
unterbrach Torosa sie, „versuch es
einfach mit einer höflichen Einladung."
Das
fand Lotte denn doch ziemlich unverschämt. Sie öffnete den Mund, um Torosa eine
entsprechende Antwort zu geben. „Ja?“ frage Torosa freundlich. „Möchtest du
etwas sagen?“ Lotte atmete tief aus. „Möchtest du bei mir wohnen, Torosa?“
Eigentlich hatte sie etwas ganz anderes sagen wollen, aber sie wunderte sich
kaum noch über sich selbst.
Torosa
antwortete nicht sofort. „Wohnen?“ fragte sie dann gedehnt. „Nun, so weit
wollen wir denn doch nicht planen. Aber ich könnte zumindest bis zum 11. Januar
bleiben.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: „Du hast es weiß Gott
bitter nötig, dass ich bleibe.“
Lotte zog scharf die Luft durch die Nase und setzte zu einer gehörigen Antwort an. Dann atmete sie wieder aus und fragte friedfertig: "Warum gerade bis zum 11. Januar?" Doch darauf erhielt sie keine Antwort.
Mittlerweile
hatte es sehr heftig zu schneien begonnen. „Gut, dass ich heute nicht aus dem
Haus muss“, dachte Lotte. Doch dann fiel ihr Blick auf Torosa. Und im selben
Augenblick wusste sie, dass das nicht stimmte. Erdbeeren und Schlagsahne! Ja,
ja, Torosa, spar dir deinen hungrigen Blick. Ich hätte schon von alleine daran
gedacht.
Am
Abend saßen sie einander im Wohnzimmer gegenüber. Sie hatten bereits zu Abend
gegessen und Lotte strickte an einem Schal. Torosa tat nichts. Im Schein der
Stehlampe leuchtete ihr Fell blauer denn je. "Weihnachten", murmelte
sie plötzlich und blinzelte Lotte an. "In drei Tagen ist Weihnachten. Wir
müssen noch Weihnachtsgeschenke kaufen."
Lotte ließ ihr Strickzeug sinken und starrte ins Leere.
"Geschenke?" fragte sie nach einer Weile
langsam. "Ich kaufe niemals Geschenke. Ich wüsste auch gar nicht, wozu und
für wen." Herausfordernd sah sie
Torosa an. Doch die antwortete nicht.
Lotte nahm ihr Strickzeug wieder auf und strickte wie
besessen weiter. Was glaubte Torosa eigentlich? Lotte wusste schon, was sie
tat. Sie machte keine Geschenke und sie bekam auch keine Geschenke. Und sie
brauchte auch keine! Die Leute im Haus wollten sowieso nichts mit ihr zu tun
haben, und ihre Schwester und ihre Kusine hielten wahrscheinlich auch nicht
viel von ihr. Sie hatte ihr Leben immer schon so gelebt. Oder zumindest schon
lange Zeit. Und sie war gut damit gefahren. Auch an die Einsamkeit hatte sie
sich gewöhnt.
"Manchmal ist es hilfreich, seine Entscheidungen neu
überdenken", hörte sie plötzlich Torosa. "Manchmal genügt eine
Kleinigkeit, die man anders macht, und alles ist anders. Und einsam ist man
immer nur dann, wenn man sich selbst dafür entscheidet."
Lotte sah verwirrt auf. An diese Gedankenleserei von
Torosa war sie noch nicht gewöhnt. "Einfach etwas anders zu machen",
murmelte Torosa, "einfach etwas zu tun, was man sonst nie tut, kann alles
verändern. Es wäre einen Versuch wert."
Nein, darüber wollte Lotte gar nicht erst nachdenken.
Ganz bestimmt nicht. Dennoch ging ihr das, was Torosa gesagt hatte, nicht aus
dem Kopf.
"Wer bist du eigentlich, Torosa?" fragte sie
nach einer Weile. "Na, eine Katze", antwortete Torosa heiter,
"das sieht man doch, oder?" Lotte schüttelte den Kopf. "Du bist
keine normale Katze. Vielleicht bist du eine Fee, oder eine Elfe oder ein Engel
oder so." Torosa lächelte nur.
In dieser Nacht konnte Lotte lange nicht einschlafen.
Ächzend wälzte sie sich von einer Seite auf die andere, und es war ihr nicht
möglich, die Gedanken in ihrem Kopf abzustellen. Entscheidungen überdenken?
Etwas anders machen? Was Torosa wohl damit gemeint haben mochte? Was sollte
ausgerechnet sie denn anders machen? Zugegeben – einsam fühlte sie sich
manchmal schon. Aber das war doch nicht ihre Schuld. Und schon gar nicht ihre Entscheidung!
Da war Lotte sich ganz sicher. Sie hatte
einfach Pech und kannte die falschen Menschen. Ihre Schwester und ihre Kusine,
die partout immer Recht haben wollten. Ihre Nachbarn, die das Haus mit ihren
lauten, ungezogenen Kindern bevölkerten. Nein, nein, sie hatte einfach Pech.
Und es war immer noch besser, einsam zu sein, als sich mit frechen Kindern und
streitsüchtigen Verwandten herumzuärgern. „Also DOCH deine Entscheidung!“ hörte
sie Torosas Stimme ganz nah an ihrem Ohr. Lotte zuckte zusammen. Warum kümmerte
sich diese unmögliche Katze nicht um ihre eigenen Angelegenheiten? Schließlich
fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war es
noch fast dunkel. Neben ihr auf dem Kissen saß Torosa und sah sie goldgelbäugig
an. Lotte räusperte sich. „Nun ja, man könnte ja die Schwester und die Kusine
anrufen. Aber ich fürchte, das bringt nichts. Das führt wieder nur zu Streit.
Und für so viel Aufregung bin ich einfach zu alt.“ Torosa schwieg. „Und die
Nachbarn“, fuhr Lotte fort, „ich fürchte, wenn man ihnen den kleinen Finger
reicht, nehmen sie die ganze Hand. Man weiß ja, wie die Leute sind.“ „So“,
sagte Torosa ruhig, „das fürchtest du also. Und was tätest du, wenn du nichts
fürchtetest?
Ja, was täte sie tatsächlich, wenn sie nichts fürchtete?
Nachdenklich starrte Lotte an die Decke. Was könnte man nicht alles tun, wenn
man nichts fürchtete! Sie würde ihre Schwester und ihre Kusine anrufen, und
ihnen frohe Weihnachten wünschen. Den Nachbarskindern würde sie neue Mützen
stricken. Zu Kaffee und Kuchen würde sie die ganze Familie einladen. Mit den
Kindern spielen könnte sie. Und spazieren gehen. Ja, richtig anfreunden würde
sie sich mit ihnen. Aber das ging ja alles nicht, denn sie fürchtete eben…
„Ich fürchte dies, ich fürchte das“, sprach Torosa mitten
in ihre Gedanken, „wozu soll das viele Fürchten eigentlich gut sein? Macht es
dein Leben leichter? Schöner? Fröhlicher?“ Lotte blickte Torosa überrascht an.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete sie verwirrt.
„Und worauf wartest du dann noch?“ fragte Torosa. Lotte
runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Plötzlich überzog ein Lächeln
ihr Gesicht. Torosa hatte Recht. Worauf wartete sie eigentlich?
Schwungvoll setzte sie sich auf. „Torosa“, sagte sie,
„lass uns aufstehen, wir haben viel zu tun. Wir fahren in die Stadt und kaufen
Geschenke.“ Torosa sprang auf und
leuchtete und strahlte so blau, dass der
ganze Raum in blaues Licht getaucht war. „Gute Idee“, schnurrte sie, „das tun
wir.“
Eine halbe Stunde später machten sie sich auf den Weg.
"Weißt du", erzählte Lotte während sie die Treppe hinunter
kletterten, "ich glaube, die Nachbarn haben nicht viel Geld. Wir werden
für die Kinder Mützen kaufen, denn zum Stricken ist es schon zu spät. Und vielleicht einige Spielsachen oder Bücher.
Und Schokolade."
Als sie am Abend mit Schachteln und Päckchen beladen
wieder nach Hause kamen, fühlte Lotte sich froh und glücklich wie lange nicht
mehr. Sie hatten für die Nachbarskinder Mützen gekauft. Und Spielsachen und
Bücher. Und auch Schokolade. Genauso wie Lotte es vorgehabt hatte. Und eine
Teekanne und Teetassen für die Eltern. Den ganzen Abend verbrachte Lotte mit
dem Einpacken der Geschenke. Ob die Nachbarn wohl eine Einladung zu Kaffee und
Kuchen am ersten Weihnachtsfeiertag annehmen würden? "Frag sie einfach",
sagte Torosa.
Ja, genau das würde sie tun.
„Und vergiss nicht,
deine Schwester und deine Kusine anzurufen, um ihnen frohe Weihnachten zu wünschen",
fügte Torosa noch hinzu.
„Nun, ich fürchte….“
Weiter kam Lotte nicht. „Ruf sie an!" Torosa war
unerbittlich. "Ja, ich ruf sie an", seufzte Lotte. Diese Katze hatte
etwas Tyrannisches an sich.
Am Weihnachtsmorgen hatte Lotte vor, die Geschenke zu den
Nachbarn zu bringen. "Torosa", fragte sie unsicher, "Was meinst
du? Wird es ihnen überhaupt Recht sein? Ich war nie besonders freundlich zu
ihnen." Aber von Torosa war diesbezüglich keine Hilfe zu erwarten.
"Geh hin und finde es heraus", antwortete sie kurz.
Zwei Minuten später stand Lotte mit Päckchen beladen vor
der Wohnungstür der Nachbarn. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Zögernd drückte
sie ihren Finger auf den Klingelknopf.
Tage später dachte Lotte noch an diesen ganz besonderen
Weihnachtsabend zurück. An die Freude der Familie – nicht nur über die
Geschenke, sondern einfach darüber, dass sie gekommen war - und an die
Freundlichkeit und Offenheit, mit der sie sie aufgenommen hatten.
Seither hatte Lottes Leben sich verändert. Diese Menschen
in der Nebenwohnung waren zu Freunden geworden. Besonders die Kinder ließen
keine Einsamkeit mehr in Lottes Leben aufkommen.
Morgen wollte ihre Schwester zu Besuch kommen. Lotte
freute sich, denn sie hatte ihre Schwester sehr gern. Und mit ihrer lieben
Kusine hatte sie in der letzten Woche dreimal telefoniert. Warum sie sich
früher nicht miteinander vertragen hatten, konnte Lotte gar nicht mehr
verstehen.
Wie war ihr Leben doch schön geworden.
Behaglich lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und
lächelte.
Da fiel ihr Blick auf den Kalender. Es war der 11. Januar.
Lotte erschrak. Torosa! Wo war Torosa?
„Sagte ich nicht von Anfang an, dass ich nur bis zum 11.
Januar bleiben würde?“ ertönte Torosas Stimme in ihrem Kopf.
Langsam wandte Lotte den Kopf zur Sofaecke. Torosas Platz
war leer. Nur ein zarter blauer Schimmer war zurückgeblieben.
Und irgendwann verschwand auch der.






