Mittwoch, 29. August 2012

Ein Tropfen der Freude...

Ein Tropfen der Freude, den du erschaffst, verändert ganze Ozeane der Negativität.

John der Schotte in „Der Jakobsweg“ von Shirley MacLaine


Freitag, 24. August 2012

Aldous Huxley (1894-1963), Schriftsteller

Die medizinische Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten so ungeheure Fortschritte gemacht, dass es praktisch keinen gesunden Menschen mehr gibt.

Mittwoch, 1. August 2012

Die Steckbuchstaben

Sie saß in einem eleganten, grauen Seidenkleid und einem schwungvollen grauen Hut neben ihm im Landrover. Janosch sah sie mehrmals von der Seite an und öffnete den Mund, um ein Gespräch zu beginnen. Aber ihre distanzierte Vornehmheit schüchterte ihn immer wieder ein und er war still. Er war hier in dem Dorf geboren und aufgewachsen. Er kannte seine Kühe, Schafe und Pferde. Und er kannte die einfachen, bodenständigen Frauen, die hier lebten. Jedoch dieses zarte, graue Geschöpf, das wie eine verloren gegangene Flaumfeder den Beifahrersitz seines Autos zierte, war ihm fremd. Wie alt mochte sie sein? Sechzig? Oder schon siebzig? Er sah sie unsicher an. Sie bemerkte seinen Blick und lächelte ihm gnädig zu.

Endlich wagte er es, das Gespräch zu beginnen: „Es ist heiß heute“, murmelte er, „und der Weg von der Bahnstation zum Dorf ist weit!“

Zustimmend nickte sie: „Ich bin Ihnen dankbar, dass sie mich abgeholt haben. Es hätte mir Mühe bereitet, den Weg zu Fuß zu bewältigen!“ Hmm… darauf wusste Janosch nichts zu sagen. Aber das war auch nicht nötig, denn sie fuhr übergangslos fort: „Sie müssen wissen, zweimal im Jahr mache ich eine Reise. Im Frühling fahre ich in die Berge, und im Herbst mache ich Urlaub auf dem Bauernhof. Das ist mir zu einer lieben Gewohnheit geworden. Zu Hause führe ich ein sehr einfaches Leben, seit Oskar tot ist“. Janosch nickte beifällig. Was ein einfaches Leben war, das wusste er zur Genüge.

„Oberregierungsrat Oskar Zimmermann war mein Mann“, erzählte sie weiter, „ich nannte ihn ‚Herzi‘, was als Abkürzung für ‚Herr Zimmermann‘ zu sehen war.“ Janosch konnte den Zusammenhang zwar nicht sofort begreifen, beschloss aber, es auf alle Fälle gut zu finden. „Er starb vor acht Jahren“, fügte sie noch hinzu. Dann schwieg sie und sah ihn auffordernd an. Janosch öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es fiel ihm nichts ein. Sein Beileid auszudrücken, schien ihm nach acht Jahren irgendwie lächerlich. So wartete er, dass sie weitersprechen möge. Aber sie schwieg nachdrücklich. Janosch fühlte Unruhe in sich aufsteigen …Nervosität. Als sie immer noch nichts sagte, murmelte er rasch und undeutlich: „Mein Beileid.“ „Danke“, antwortete sie hoheitsvoll und sprach weiter. „Er war ein guter Mann, mein Oskar. Es gibt so viele schlechte Menschen auf der Welt. Aber genau mein Oskar musste sterben.“ Sie sah Janosch vorwurfsvoll an, als sei er daran schuld, und Janosch zog automatisch den Kopf ein. „Es sterben immer die Guten“, fügte sie langsam und mit Nachdruck hinzu, „das hat mein Oskar nicht verdient.“ „Die Schlechten sterben auch“, wagte Janosch einzuwerfen, aber das nahm sie nicht zur Kenntnis Sie sah ihn nur kurz und missbilligend an, dann sprach sie weiter: „Mein Oskar war ein gebildeter Mann. Schließlich war er ja Oberregierungsrat. Das stand auch auf dem Türschild seines Arbeitszimmers im Ministerium. Kleine weiße Steckbuchstaben auf einem schwarzen Schild.“ Sie lächelte in der Erinnerung. „So so“, murmelte Janosch, denn er wusste noch immer nichts zu sagen.

„Ja“, fuhr sie fort, „doch dann kam dieser unheilvolle Tag. Die Wirtschaft stagnierte seit geraumer Zeit. Überall musste gespart werden. So auch bei den Steckbuchstaben im Ministerium. Eines Tages wurden alle überflüssigen Buchstaben abmontiert und eingesammelt. Und an Oskars Tür stand nun plötzlich nur mehr sein Name. In Großbuchstaben. OSKAR ZIMMERMANN. Das hat ihm das Herz gebrochen!“

In Janosch‘s Kopf arbeitete es. Er konnte die Dramatik dieser Tatsache einfach nicht begreifen. An seiner Haustür stand überhaupt kein Name. Allein die Vorstellung von Steckbuchstaben an seiner Haustür entlockte ihm ein Kopfschütteln. JANOSCH DAMPFHOFER – und noch dazu in Großbuchstaben! Seine Frau Theres würde ihn für „narrisch“ halten!

Die graue Flaumfeder-Frau des verstorbenen Oberregierungsrats sah ihn an und seufzte. „Er hatte so wenig Freude im Leben. Er hatte nur seine Arbeit, unseren Rehpinscher Kaiser Wilhelm und mich. Und seine Steckbuchstaben. Und eines Morgens, als er ins Ministerium kam, pünktlich wie jeden Morgen, da stand nur mehr sein Name auf dem Schild. Die Buchstaben für den „Oberregierungsrat“ waren weg. Einfach abmontiert und weg. Er konnte es nicht fassen. Ewig lange stand er da und starrte auf das Schild. Tränen rannen über sein Gesicht.

Dann drehte er sich langsam um und ging nach Hause. Von da an ging es mit ihm bergab. Er ging weiterhin täglich pflichtbewusst ins Ministerium. Aber er war nicht mehr derselbe.

Ich kochte ihm täglich sein Lieblingsessen. Ich lud seine Freunde ein und veranstaltete Partys. Ich suchte ihm einen guten Psychotherapeuten. Ich bastelte ihm Transparente, damit er vor dem Ministerium gegen die willkürliche Entfernung der Steckbuchstaben demonstrieren konnte. Ich kaufte ihm ein Schildchen und Steckbuchstaben, damit er es an die Schlafzimmertür hängen konnte. OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN. Aber nichts konnte ihn trösten. Ach, ich wäre gestorben, hätte ich ihm dadurch sein Schild im Ministerium wieder beschaffen können. ‚Das würdest du für mich tun, Adele? ‘ fragte er unter Tränen, als ich es ihm sagte. ‚DAS würdest du für mich tun? Eine größere Freude könntest du mir nicht machen! ‘ Ja, so war er, mein Oskar. Er war so leicht zu erfreuen. Wie ein Kind.“

Janosch kratzte sich am Kopf und versuchte, das Gehörte in seinem Kopf zu ordnen und zu verarbeiten.

„Irgendwann hörte er auf, zur Arbeit zu gehen“, erzählte sie weiter, „und er begann, lange einsame Spaziergänge mit Kaiser Wilhelm zu machen. Viele, viele Stunden lang. Und dann kam der Tag, an dem Kaiser Wilhelm an Erschöpfung starb. Er war ein kleiner, zarter Hund, und er hatte es an der Lunge. Er war den Strapazen dieser langen Wanderungen nicht gewachsen. Oskar wurde noch ein wenig stiller. Und er wandere allein weiter.“

Janosch schüttelte den Kopf. „Und das alles wegen dieser Steckbuchstaben?“ fragte er ungläubig. Die graue Dame nickte: „Adele… pflegte er zu sagen, …mein ganzes Leben habe ich dem Ministerium gewidmet. Immer treu dem Staat gedient. Ich bin in Ehren Oberregierungsrat geworden. Und nun bin ich ihnen nicht mal mehr die paar Buchstaben wert.“

„Ja, eine Affenschande ist das“, murmelte Janosch zustimmend und schüttelte dabei den Kopf, weil er immer noch nicht richtig verstanden hatte, worum es eigentlich ging.

„Und eines Tages starb er dann“, erzählte sie weiter, „still und ohne Aufsehen. Er legte sich einfach hin und starb. Und schuld war das Ministerium. Als ich jedoch Entschädigung einfordern wollte dafür, dass er mir so frühzeitig weggestorben war, wies man mich ab. Man wollte nichts davon wissen, ihn mit dem Entzug der Steckbuchstaben langsam und unaufhaltsam in den Tod getrieben zu haben.“ Sie seufzte tief.

„Er starb tatsächlich wegen dieser Steckbuchstaben?“ Janosch konnte es nicht glauben und starrte sie fassungslos an. Fast wäre er deswegen in den Straßengraben gefahren.

„Ja“, antwortete sie fest, „er hatte eben Prinzipien!“ Sie nickte ein paarmal mit dem Kopf. „Und auf seinem Grab steht jetzt ganz groß und in Goldbuchstaben „OBERREGIERUNGSRAT OSKAR ZIMMERMANN“.

„Die kann ihm nun ja wohl keiner mehr wegnehmen“, murmelte Janosch voller Mitgefühl. Ihm war diese ganze Buchstabengeschichte zwar immer noch nicht verständlich, aber langsam in seinem Hinterkopf begann er zu begreifen, wie einsam ein Mensch sein musste, dessen Lebensinhalt das Ministerium, diese graue Frau, der Rehpinscher Kaiser Wilhelm – und diese Steckbuchstaben waren.

Er dachte an sein eigenes Leben, das ihm oft genug ziemlich mühsam erschien. An all die Schwierigkeiten und Widrigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte. Er dachte an seine Frau Theres, deren Resolutheit er zwar schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit fürchtete, die aber unumstößlich zu seinem Leben gehörte. Er dachte an seine Kinder, seine Freunde und all die anderen Menschen, die sein Leben bevölkerten. Nein – Einsamkeit gab es in seinem Leben nicht.

Und plötzlich stieg Dankbarkeit in ihm auf. Dankbarkeit dafür, dass sein Leben niemals an ein paar nicht vorhandenen „Steckbuchstaben“ scheitern würde. Und Dankbarkeit für jedes Problem, das er lösen konnte, ohne sich dafür hinlegen und sterben zu müssen.

Er lächelte die Frau an seiner Seite warm und verständnisvoll an. Und lächelnd fuhr er die letzten Meter bis zu seinem Hof.

E.M.

Family Workshop oder "Malen für Talentlose"