Donnerstag, 7. Juli 2011

Gewitter und Angsthasen

Janosch ist ein wundervoller Name. Ich bin wirklich froh, dass ich so heiße. Janosch klingt wie Sonnenblume oder wie Himbeermarmelade oder Spazieren gehen. Ich könnte mich Tag und Nacht über meinen herrlichen Namen freuen. Nur denke ich leider nicht immer dran, weil es so unendlich viele Dinge gibt, über die ich mich freuen muss. Zum Beispiel über das Loch, das ich gerade grabe. Es ist wunderschön und tief. Ich finde, man kann gar nicht genug Löcher haben. Es gibt auch herrliche Dinge zu finden in der Erde. Regenwürmer zum Beispiel. Manchmal sagt der Zweibeiner, dass ich nicht graben darf. Er sagt es meistens drei- oder viermal hintereinander. Und jedes Mal ein bisschen lauter als vorher. Das ist lustig, und der Zweibeiner freut sich immer sehr, wenn ich dann aufhöre zu graben. Dann sagt er, ich bin brav. Und wenn er sich wieder beruhigt hat, darf ich weitergraben. Ich grabe absichtlich ganz nahe am Gartenzaun. Erstens sieht mich da der Zweibeiner nicht sofort. Und zweitens bemerke ich alle Leute, die draußen vorübergehen. Das sind alles Einbrecher, sagt Sam. Ich belle immer ganz schrecklich und dann gehen sie weg. Ich hab heute schon viele vertrieben. Die Zweibeiner schimpfen zwar immer, wenn ich so laut bin, aber wer soll sich denn um die vielen Einbrecher kümmern, wenn nicht ich? Sam schläft den ganzen Tag, Pablo kann nicht bellen, und was die Zweibeiner angeht... nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich auch nur der winzigste Einbrecher vor denen fürchtet.

Da kommt Pablo über den Gartenzaun gesprungen. Schnell rennt er über die Wiese ins Haus. Ich vergesse auf der Stelle mein Loch und renne ihm nach. So rennen wir nun beide durchs Haus. Das ist furchtbar lustig. Wie die Wilden rennen wir an Sam vorbei, der gemütlich auf dem Teppich schläft. Ich renne versehentlich sogar über ihn drüber. „Janosch“, knurrt er etwas ungehalten, „halt dich fern von mir. Ich möchte schlafen.“ Ich lache fröhlich, denn ich weiß, dass Sam das nicht ernst meint. Und weil er ja nur Spaß macht und ich ihn so gern hab, renne ich gleich nochmal über ihn drüber.“ Nun knurrt er noch viel böser. Ach, haben wir es schön hier. „Sam“, brülle ich begeistert, „lass uns etwas spielen.“ Ich kenne zwei tolle Spiele. Ziehen und Werfen. Werfen ist furchtbar lustig. Einer wirft ein Spielzeug, und einer holt es. Ich bin immer der, der es holt. Aber das „Werfen-Spiel“ kann Sam nicht. Ich kann ihm noch so oft erklären, wie es geht, er lernt es nicht.

Das „Ziehen-Spiel“ kann er besser. Also renne ich blitzschnell zu meinen Spielsachen und zerre meine Ratte hervor. Und ehe Sam etwas sagen kann, habe ich ihm die Stoffratte schon ins Maul geschoben. Und so ziehen wir knurrend jeder an einem Ende. Und gerade als es so richtig schön spannend wird, murmelt Pablo dumpf: „Hans sagt, es kommt ein Gewitter.“

Sam lässt das Spielzeug los und starrt Pablo entgeistert an. „Ein Gewitter“, haucht er, „das ist doch nicht dein Ernst.“ „Mein voller Ernst“, erwidert Pablo ungerührt . „Wenn Hans es sagt, wird es stimmen“. Sam beginnt zu zittern. „Woher weiß er denn das? Aus dem Fernsehen?“ Pablo schüttelt den Kopf. „Nein, er weiß es nicht aus dem Fernsehen. Er hat es sich selber ausgedacht.“ „Aber wenn es nicht im Fernsehen war, dann muss es ja gar nicht stimmen!“ Sam sieht Pablo hoffnungsvoll an. „Du hast Angst“, stellt Pablo sachlich fest, „du hattest immer schon vor Gewittern Angst.“ „Angst kann man nicht sagen“, zittert Sam vor sich hin, „Angst haben nur Einbrecher und Hasen.“ „Warum Hasen?“ Manchmal kenne ich mich nicht ganz aus, wenn Sam und Pablo sich unterhalten. Aber ausnahmsweise scheint auch Pablo nicht zu verstehen, was Sam meint. „Ja, warum Hasen?“ fragt er nach. „Natürlich nicht alle Hasen“, brummt Sam und zittert immer noch am ganzen Körper, „nur eine Sorte. Die Angsthasen!“ Aber weder Pablo noch ich kennen diese Sorte. Genaugenommen kennen wir überhaupt keine Hasensorten. „Keine Sorge, die werdet ihr schon noch kennenlernen“, flüstert Sam mit klappernden Zähnen. „Wenn die Zweibeiner es fertig gebracht haben, so etwas wie euch zu finden und zu behalten, wäre es ja gelacht, wenn sie nicht demnächst auch noch ein paar Stück Angsthasen anschleppen.“ „Platz genug haben wir ja“, fügt er noch grimmig hinzu.

Da ertönt wie aus heiterem Himmel ein dröhnender Donner. Und gleichzeitig beginnt der Regen an die Scheiben zu prasseln. Wir zucken alle drei zusammen. „Das Gewitter“, flüstert Sam tonlos. „Es donnert“, fügt Pablo hinzu, und mir scheint fast, seine Stimme klingt auch nicht besonders fest. Ich blicke interessiert durch das Fenster, aber man kann vor lauter Regen draußen kaum was sehen. Sam und Pablo sitzen wie zwei Statuen da und starren ins Leere. Da ertönt plötzlich noch so ein Donner. Nun kann sich Sam nicht mehr halten. Er springt auf und rast die Treppe hinauf so schnell er kann, um sich oben irgendwo zu verstecken. Pablo zögert kurz, dann läuft er hinter Sam her. Anfangs läuft er noch ganz langsam und tut so, als wäre er sowieso grad auf dem Weg nach oben und hätte es überhaupt nicht eilig, doch ehe ich den Kopf drehen kann, ist er wie ein Blitz verschwunden. „Ist so ein Gewitter denn gefährlich?“ rufe ich ihnen nach, denn ihr Verhalten wundert mich ein wenig. Aber sie antworten nicht. Also setze ich mich zur Terrassentür und sehe dem Wetter draußen zu. Ist ja wirklich toll, wie es donnert und blitzt und wie der Regen herunter prasselt. Der Wind reißt den Bäumen Äste aus und drückt die Büsche im Garten flach zu Boden. Das ist ja noch spannender als das Ziehen-Spiel. Ich warte noch eine Weile, ob nun auch noch das Gewitter kommt. Aber es sieht nicht so aus. Also rufe ich nach oben: „Leute, ihr könnt wieder herunter kommen. Es kommt kein Gewitter. Ich warte schon so lange, aber außer Donner, Blitz, Regen und Sturm ist nichts. Und das ist auch nur draußen. Im Zimmer hier ist gar nichts. “ Doch von oben ertönt nur undeutliches Gemurmel, so als käme es von unter der Bettdecke.

Die Tür öffnet sich und einer der Zweibeiner kommt herein. „Janosch“, fragt er überrascht, „ warum sitzt du denn da ganz allein Dunkeln? Wo stecken denn Pablo und Sam?“ Er beugt sich zu mir nieder und streichelt meinen Kopf. Oh, dafür könnte ich ihn küssen. „Hast du denn keine Angst vor dem Gewitter?“ Welch eine Frage! Gewiss hätte ich Angst, wenn nur endlich ein Gewitter käme! Doch weit und breit keines in Sicht. Vor lauter Blitz, Donner und Regen ist draußen gar kein Platz mehr für eines.

Aber nun bringt mich der Zweibeiner wirklich zum Staunen. Plötzlich sagt er nämlich: „Nun ist es fast vorbei, das Gewitter. Der Donner ist nur mehr ganz in der Ferne zu hören. Und der Regen hat auch fast aufgehört.“ Es braucht ein Weilchen, bis ich wirklich verstehe, was der Zweibeiner meint. Alles, was an Gewitter heute zu erwarten war, ist so gut wie vorbei. Wer hätte denn auch ahnen können, dass das Gewitter gleichzeitig mit dem Blitz und dem Donner kommt, so dass man es fast nicht bemerkt! „Pablo“, schreie ich, „Sam!! Kommt herunter. Das Gewitter ist schon vorbei!“

„Und wenn diese beiden Angsthasen, sich vor die Tür trauen, könnten wir ja einen Spaziergang machen!“ schlägt der Zweibeiner noch vor. Angsthasen?? DAS ist ja nun die größte Überraschung von allen. „Pablo!! Sam!!“ brülle ich begeistert, „kommt schnell herunter! Ihr werdet es nicht glauben! Angsthasen hat er auch gekauft!“


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