Samstag, 18. Juni 2011

Regentag

Ein blöder Tag heute. Ein wirklich blöder, blöder Tag. Ich möchte gerne raus und keiner öffnet mir die Tür. Ich muss ziemlich lange schreien und jammern und an die Scheibe der Terrassentür trommeln, bis endlich ein Türöffner kommt. „Pablo, du bleibst ja ohnedies nicht draußen, weil es dir zu nass und kalt ist“, sagt er, als er mich hinauslässt, und dann schließt er die Tür hinter mir. Ich schieße durch den Regen davon. Der wird sich wundern. Natürlich bleib ich draußen. Ich bin sehr gern draußen. Aber ich muss zugeben, es ist wirklich nass und kalt. Ich sollte vielleicht besser wieder hineingehen. Also trommle ich von außen an die Terrassentür. Der Zweibeiner öffnet. „Da bist du ja wieder Pablo. Ich wusste doch, dass es dir draußen zu ungemütlich ist.“ Ich grummle ärgerlich vor mich hin. Gar nichts wusste er. Erraten hat er es bloß, das ist alles. Ich werde um Futter fragen. Es ist sicherlich gerade Fressenszeit und so werfe ich ein langgezogenes „Miauuuuuu“ in den Raum. Keine Reaktion. Also noch einmal, etwas lauter: „Miauuuuuu!!!!“ Dann halbverhungert, mit letzter Kraft: „Miauuuuuu….!!“ Endlich erhebt sich einer von den Zweibeinern und trottet lustlos in die Küche. Na also! Geht doch! Er öffnet eine Dose, füllt meine Schüssel und stellt sie zu Boden. Oh, nein! Ich wollte eigentlich die andere Futtersorte. Ich weiß genau, dass wir auch eine andere Sorte haben. Er hat mir das falsche gegeben. Also teile ich ihm mit, dass ihm ein Fehler unterlaufen sei. Er sieht mich jedoch nur an und sagt: „Wenn du hungrig bist, dann wird dir das Futter wohl recht sein!“ Nein, es ist mir nicht recht. Ich kann das einfach nicht fressen! Ich lege mich verzweifelt auf die Bank, und versuche zu schlafen. Aber man kann nicht schlafen mit solchem Hunger. Ich werde ein wenig hinaus gehen. Also erhebe ich mich lässig und schlendere zur Terrassentür, um mit meinem „Lasst-mich-endlich-hinaus-Geschrei“ zu beginnen. Mein Zweibeiner sieht mich an. „Pablo, es regnet immer noch. Du willst doch nicht draußen bleiben!“ Klar will ich. Er soll mich raus lassen. Ich schreie erbärmlich. Seufzend steht er auf und öffnet die Tür. Und ich stürze mich todesmutig in den Regen. Hmm… ob es dumm aussieht, wenn ich schon wieder hinein will? Nun, ich werde einmal um das Haus laufen und an der anderen Tür klopfen. Dann fällt es nicht so auf. Also eile ich rund ums Haus und donnere an die Haustür. Mein Zweibeiner zieht nur schweigend die Augenbrauen hoch, als er mir öffnet. Na und? Was ist dabei, wenn ich herein möchte? Ich wohne ja schließlich hier. Ich beachte ihn also nicht weiter, murmle nur ein nachlässiges „Danke“ und trabe in die Küche. Vielleicht hat er das unfressbare Futter inzwischen ja ausgetauscht. Aber was muss ich sehen, als ich zuversichtlich in die Küche einbiege?? Mein Futter ist weg! Und nicht nur das Futter. Meine ganze Schüssel ist weg. „Wo ist meine Schüssel?“ schreie ich verzweifelt. Sam, der wieder mal in irgendeiner Ecke pennt, hebt müde den Kopf und brummt: „Reg dich nicht so auf, Kleiner. Schüsseln verschwinden nun mal. Das ist einfach so. Passiert eben von Zeit zu Zeit!“ Und schon höre ich ihn wieder schnarchen. Das ist ja fürchterlich. Ich schreie zum Steine erweichen. Endlich erbarmt sich einer der Zweibeiner und kommt in die Küche. „Ja, wo ist denn deine Schüssel, Pablo?“ Blöde Frage! Wenn ich das wüsste! Aber der Zweibeiner ist sehr spitzfindig. Rasch hat er die Schüssel gefunden. Sie steht leergefressen in Sams Korb. „Sam“, schimpft der Zweibeiner, „du Strolch hast Pablos Schüssel geklaut.“ Etwas kleinlaut und kaum hörbar murmelt Sam: „Nun ja, Schüsseln verschwinden nun mal.“ Der Zweibeiner trägt also meine Schüssel wieder in die Küche und füllt sie wieder. Nun nimmt er die andere Futtersorte. Es ist doch zu dumm, denn nun gerade hätte ich lieber die, die ich zuerst hatte. Also sitze ich erwartungsvoll da und stimme das „Man-lässt-mich-hier-Verhungern-Geschrei“ an.

Aber leider hab ich auch noch den falschen Zweibeiner erwischt. Das ist genau der, der zu nichts zu überreden ist. „Nein, Pablo“, sagt er streng, „was anderes bekommst du jetzt nicht!“

Ok, dann nicht! Aber dann will ich jetzt raus. Also setze ich mich vor die Terrassentür und jammere. Und ich muss ziemlich lang jammern, denn der Zweibeiner ignoriert mich nun einfach. Endlich – als ich schon ganz ausgelaugt bin vom Schreien – steht er auf. „So, Pablo“, sagt er wild entschlossen und reißt die Terrassentür auf, „raus mit dir. Und ich sage dir eines: du bleibst jetzt mindestens zwei Stunden draußen!“

Es regnet immer noch, und es ist saukalt. Wie lange sind denn zwei Stunden? Ob sie schon vorbei sind? Ich klopfe schüchtern wieder an. Nichts rührt sich. Nun, das kann ich wohl vergessen. Da kommt Hans daher. „Lassen sie dich auch nicht rein?“, fragt er voller Mitgefühl. „Nein, ich muss zwei Stunden draußen bleiben. Und mir ist so schrecklich kalt. Und außerdem hat mir Sam meine Schüssel geklaut.“ „Du lässt dir von Sam die Schüssel klauen?“ fragt Hans verwundert, und ich könnte schwören, dass da ein wenig Spott in seiner Stimme mitschwingt. Aber das ist mir im Augenblick egal. „Hans, wie lange dauern denn zwei Stunden?“ Hans sieht mich besorgt an. „Ich musste auch schon einmal zwei Stunden draußen bleiben, Pablo“, antwortet er schließlich mit ernster Stimme. Und nach einer unheilvollen Pause fügt er noch hinzu: „Du kannst mir glauben, das war eine harte Zeit.“

Langsam beginne ich zu verzweifeln. Ob ich nochmal anklopfen soll. Aber da fällt mir etwas ein. „Hans, ich könnte in der Zwischenzeit doch ins Haus der alleinstehenden Hunde und Katzen ziehen. Zwei Stunden hier im Freien halte ich doch niemals aus!“ „Ja“, sagt Hans langsam und bedächtig, „das wäre natürlich eine Möglichkeit. Aber glaub bloß nicht, dass es dir dort besser geht als hier! Dort hat nicht jede Katze ein ganzes Rudel eigener Zweibeiner zur Verfügung, sondern viele Katzen müssen sich einen einzigen teilen!“ „Waaas?“ schreie ich entsetzt, „mehrere Katzen haben nur einen einzigen Zweibeiner?? Nein, das ist nichts für mich!“ Ich denke ein Weilchen nach, und da fällt mir etwas Geniales ein. „Vielleicht könnte ich ja zur Polizei gehen, so wie Sam damals“, schlage ich hoffnungsvoll vor, „ich bin der geborene Einbrecherfänger!“ Hans sieht mich lange schweigend an. „Pablo“, sagt er schließlich, „du bist doch nicht einmal imstande, deine eigene Schüssel vor Sam zu bewachen. Wie willst du denn dann ganze Häuser vor Einbrechern beschützen?“ Mir scheint, das mit der Schüssel hätte ich Hans gar nicht erzählen sollen. Er verwendet es nun gegen mich. „Und außerdem weiß ich, dass Polizisten unglaublich gebildete Leute sind“, fährt Hans fort, „für so einen verantwortungsvollen Job bist du einfach nicht gebildet genug.“ Das lasse ich nun aber nicht auf mir sitzen. „Ich bin doch mindestens genauso gebildet wie Sam und du“, entgegne ich mit Überzeugung. „Naja, zumindest wie Sam“, setze ich etwas kleinlaut nach, als ich bemerke, dass Hans mich nur stumm anstarrt.

Aber Hans ist mit seinen Gedanken bereits wo anders. „Pablo, ich weiß, was wir nun tun könnten“, schlägt er vor, „wir gehen einfach auf die Jagd.“

„Auf die Jagd?“, frage ich verwundert, „wo ist denn die Jagd?“ Hans seufzt: „Ach, Pablo, du weißt wirklich nicht viel. Ich meinte, wir könnten Mäuse fangen.“ „Ich brauche keine Mäuse zu fangen, Hans. Ich hab schon eine Maus zu Hause.“ Hans starrt mich ungläubig an. „Wirklich, Hans. Eine schöne, große Maus mit langen Beinen und einem rosaroten Kleid! Ich habe sie schon immer!“ Hans bricht in Gelächter aus. „Das ist doch nur eine Spielzeugmaus, Pablo. Ich rede doch von echten lebendigen Mäusen!“

Das wird ja immer interessanter. „Ich glaube, ich darf keine mit nach Hause bringen, Hans“, erwidere ich zaghaft, „wir sind schon so viele zu Hause.“ „Pablo, du bist wirklich noch ein Kind!“ Hans schüttelt den Kopf. „Mäuse nimmt man nicht mit nach Hause, sondern man verwendet sie als Beute.“ Ich verstehe zwar gar nichts, aber das sage ich nun einfach nicht mehr. Ok, gehen wir eben auf die Jagd. Wir marschieren los. Hans scheint zu wissen, wohin man gehen muss. „Wir müssen schleichen“, ordnet Hans an, „sonst hören uns die Mäuse.“ Also schleichen wir geduckt durch die Dunkelheit. Alles ist still. „Halali!!“ grölt Hans plötzlich unvermittelt, so dass ich zu Tode erschrecke. „Um Himmels willen, Hans, was ist los??“ „Das ist ein Jagdruf, Pablo“, erklärt Hans geduldig, „das habe ich im Fernsehen gesehen. Alle Jäger rufen das auf der Jagd.“ Das wusste ich natürlich nicht, aber ich bin ja auch nicht so erfahren wie Hans. Wir schleichen weiter. Plötzlich macht Hans unvermittelt einen Satz nach vorne und stürzt sich auf etwas, das sich bewegt. Ich halte den Atem an vor Aufregung. Aber nichts geschieht. Hans hat keine Maus gefangen und so pirschen wir weiter durch die Nacht. „Hans, frage ich“, warum hast du denn die Maus nicht erwischt?“ „Sie war schneller, Pablo. Das ist eine wichtige Jagdregel, die du lernen musst. Du erwischst niemals etwas, das schneller ist als du.“ Das leuchtet mir ein. So ziehen wir weiter. Ich glaube, wir finden heute keine Maus mehr. Da plötzlich sehe ich etwas. Ein riesiges, seltsames Tier, das Richtung Bach huscht. Es hat weiße Streifen im Gesicht. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Vielleicht ist es eine Riesenmaus. „Hans“, flüstere ich, und ich bin ganz heiser vor Aufregung, „ich hab eine Beute entdeckt.“ „Das ist ein Dachs, Pablo“, flüstert Hans zurück, „wir können doch keinen Dachs jagen.“ „Aber warum denn nicht, Hans?“ Das verstehe ich nun nicht. „Nun ja“, antwortet Hans ein wenig verlegen, „ich glaube, die Dachse haben gerade Schonzeit.“ Wieder nichts. Ganz schön enttäuschend, so eine Jagd. Trotzdem jagen wir unverdrossen weiter. „Hans“, schlage ich nach einer Weile vor, denn langsam wird das Jagen langweilig, „vielleicht sollten wir lieber ein Eichhörnchen fangen, denn das kann ich besser.“ Hans starrt mich ungläubig an. „Naja, beim Bäumeklettern bin ich richtig gut. Und so ein Eichhörnchen ist schnell gefangen!“ Unsicher lächle ich Hans an. Der schnappt erst mal nach Luft und es sieht aus, als bekäme er kein Wort heraus. „Pablo…“, japst er dann endlich, „du hast doch noch niemals ein Eichhörnchen gefangen. Aber das mit dem Klettern hast du wirklich gut drauf! Wie du letztens von dem Baum heruntergeklettert bist, das war schon wirklich sehenswert. Das hätte nicht jeder so geschafft wie du. Aber weißt du was? Wir werden das mit der Jagd heute beenden und nach Hause gehen. Die zwei Stunden sind längst vorüber.“

Ich atme erleichtert auf, denn ich mag nicht mehr jagen. Und Hunger hab ich auch nach der langen Jagd. Ich verabschiede mich also von Hans und düse nach Hause. Fröhlich hämmere ich an die Terrassentür, und mir wird auch sofort geöffnet. Na, geht doch. Mein Zweibeiner sieht auf die Uhr. „Ganze zwanzig Minuten warst du jetzt draußen, Pablo! Aber nun komm schon herein.“

Da sieht man mal, was ich für ein Kerl bin. Zwanzig Minuten!! Dabei hätte ich nur zwei Stunden bleiben müssen.

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