Mittwoch, 17. September 2008

Der Schrei


Ich friere. Das Erwachen ist ernüchternd und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in meinem Bewusstsein, meinem Körper…
Noch wage ich nicht, die Augen zu öffnen und mich der Realität zu stellen… 
-
…da ist dieser See. Ich bin allein hier. Gerade noch war der Himmel blau. Die Luft zittert und ich ahne den Sturm eher als dass ich tatsächliche Anzeichen bemerke. Er ist da. Er klebt an einer der hoch aufragenden Felswände und verhält sich still. So, als wolle er mich in Sicherheit wiegen.
Ich starre auf die grüne, glatte Oberfläche des Sees.  Ein Windhauch berührt mich oberflächlich, wie absichtslos. Ich fühle mich wie zum Zerreißen gespannt. Der See erstreckt sich riesengroß zum Wald hin und ich kann das andere Ufer kaum erkennen. Die Stille ist beklemmend und fast schmerzlich. Ein braunes Blatt entfernt sich plötzlich und ruckartig aus der Gemeinschaft der anderen Blätter – tanzt eine wilden Wirbel -  und stürzt sich dann kopfüber in den See. Ich warte. Der Tag gleitet langsam an mir vorüber und verschwindet irgendwo weit hinten im Wald. Es ist, als zöge jemand den Vorhang zu und vom Tag ist nichts mehr zu sehen. Es ist dunkel. Und da höre ich es. Aus dem Nichts entwickelt sich ein weiteres Nichts, das sich langsam zu einer schmerzhaft hörbaren Stille formt.
Ich lausche regungslos, gebannt. Ich warte. Und dennoch trifft es mich völlig unvorbereitet, als der Sturm sich mit dröhnendem Geheul von den Felsen herniederstürzt und mich um meine eigene Achse wirbelt, ehe er mich fast zu Boden drückt.
Die Kälte durchdringt beißend meinen Körper. Ich stemme mich mit beiden Beinen in den Boden, um dem Druck des Sturms standzuhalten.
Er rüttelt wütend an mir, reißt an meinen Haaren und an meinen Kleidern. Sein Dröhnen schwillt an zu einem ungeheuren, gewaltigen Schrei. Ich werfe seinen Schrei zurück und höre mit Befriedigung, wie die Bäume hinter mir krachend und knirschend zerbersten wie trockene Kekse zwischen gierig zubeißenden Zähnen.
Verzweifelt versuche ich, den Sturm zu übertönen, der mir jeden Laut von den Lippen fetzt und an die Felsen knallt, ehe ich ihn selbst hören kann.
Ich schreie bis ich heiser bin. Ich schreie, bis die Kraft mich verlässt. Ich schreie mir den Schmerz meiner unendlich vielen Leben aus der Seele. Ich schreie meine Hilflosigkeit und mein Gefangensein gegen die Felswände, an denen sie dröhnend zerfetzt werden.
Mein Schrei vermischt sich mit dem Schrei des Sturmes. Wir werden eins durch diesen Schrei, der Sturm und ich.
Ich wüte und tobe… als kämpfte ich gegen unsichtbare Fesseln
Jeder Versuch mich zu befreien muss zwangsläufig scheitern. Mein Zerren und Reißen an den Ketten ähnelt  dem sinnlosen Kampf einer Fliege, die sich in einem Spinnennetz gefangen hat. Ein hilfloses Zappeln, das in Resignation und Ermattung endet. Ein Blick in die Augen der geduldig wartenden Spinne nimmt der erschöpften Fliege den letzten Rest von Mut. Keine Regung ist zu sehen. Keine Aggression, kein Mitgefühl, nichts Böses, nichts Gutes. Nichts. Nur Warten. Geduldiges Warten.
Mein Schrei tobt über den Horizont hinweg und durchfliegt Ewigkeiten, Jahrtausende im Kreis. In Sekundenbruchteilen durchrast er sämtliche Körper, die ich je bewohnt habe.
Und dann –  als würde seine Lebenskraft ihn verlassen - verliert er sich in einem leisen, singenden Ton.
Der Sturm zieht sich zurück – ist Vergangenheit oder Zukunft. Stille  legt sich wie ein kobaltblauer Samtmantel um mich - unendliche Stille.
Und ehe ich ihn sehen oder hören kann, spüre ich Dilmon neben mir. Dilmon, meinen Freund und Lehrer über die Unendlichkeit hinweg. Er steht neben mir und die Sonne malt Farbenspiele in sein silbernes Haar.
Seine Nähe ist warm und beruhigend. Ich warte. Doch Dilmon schweigt.
„Was soll ich tun?“ frage ich schließlich zögernd. Dilmon antwortet lange nicht. Ich warte schweigend.
Schließlich kommt wie von weit her seine Stimme: „Erinnerst du dich?“
Ich denke lange nach. „Nein, ich glaube nicht, Dilmon!“
Dilmon kniet sich in den Sand und beginnt zu zeichnen. Wirre Linien, Chaos, Kreise… und plötzlich formt sich das Bild vor meinem Auge und langsam kehrt die Erinnerung wieder…..
-
…Ich hocke im warmen Sand neben dem prasselnden Feuer. „Aylah!“ Sanft berührt mich Yaros Stimme aus der Dunkelheit. „Komm, lass uns gehen, Aylah! Ich zögere nur kurz. Seit Ewigkeiten bin ich daran gewöhnt, da zu sein wo Yaro ist und seinen Worten zu folgen. Ich blicke zu ihm auf. „Komm Aylah“, wiederholt Yaro. Schweigend erhebe ich mich vom Boden und folge ihm. Bei jedem Schritt schmiegt sich der warme Sand an meine nackten Fußsohlen. Yaro bewegt sich geschmeidig wie ein Tier. Er verschmilzt nahezu mit der Dunkelheit, und dennoch geht ein sanftes Leuchten von ihm aus. Er ist schön.
 „Yaro“, flüstere ich. Er hält an und dreht sich zu mir um. „Yaro, wie viel Zeit ist vergangen, seit ich bei dir bin?“ Yaro sieht auf mich hernieder und schweigt lange. „Was ist Zeit?“ Seine Stimme klingt wie von weit her. Ich blicke wartend zu ihm auf. Jedoch er schweigt. „Du und ich“, sagt er nach einer endlos wirkenden Pause, und es klingt, als fiele das Sprechen ihm schwer, „du und ich, Aylah, wir sind die Vollkommenheit. Warum also fragst du nach Zeit?“
Ich sehe ihn still an. Alles in mir in Schmerz. Der Schmerz, ihn verlassen zu müssen. Der Schmerz, ihn verletzen zu müssen. Ich sehe ihn an. Stumm und hilflos. Mein Blick versinkt in seinen hellen Augen. Und plötzlich ist ungläubiges Erkennen in seinem Blick. „Du willst gehen, Aylah“, flüstert er heiser. „Yaro“, mein Schmerz trifft ihn wie ein vergifteter Pfeil, „wir erleben einander seit vielen tausend Jahren. Wir sind eins geworden. Wir sind der Klang und die Stille, wir sind das Licht und die Dunkelheit, wir sind zwei Seiten einer Münze. Aber wer bist DU? Und wer bin ICH? Wer sind wir außerhalb dieses „WIR“? Ich will es wissen, Yaro. Ich MUSS es wissen. Das Band, das uns aneinander fesselt, mag aus Gold sein, Yaro. Aber es ist dennoch eine Fessel.“
 „Du meinst, dies ist der Preis der Freiheit? Die Erfahrung des Alleinseins? Die Erfahrung des Schmerzes und der Trennung?“ Ich nicke. „Das wird nicht zu umgehen sein.“
Er sagt nichts. Sein Blick ist sanft und voller Verstehen. Unendlich lange sehen wir einander an. Dann löst er seine Augen mühsam von mir und sieht zu Boden. „Muss es heute sein?“ fragt er leise.
„Ja, Yaro.“ Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass es so schmerzen würde. Yaro nickt. „Dann musst du nun wohl gehen, Aylah.“
Warum hält er mich nicht zurück? Warum tut er nichts? Warum lässt er mich einfach gehen? Warum wehrt er sich nicht?
„Yaro…“, beginne ich hilflos, doch dann weiß ich nichts mehr zu sagen. Ich weiß, dass ich gehen muss. Und ich fühle mich müde. Endlos müde.  Mit meinen Gefühlen umschlinge ich Yaro und halte ihn fest. Jedoch mein messerscharfer Verstand trennt das Band, das uns aneinander fesselt, in zwei Teile. Müde und traurig sehe ich, wie die beiden Hälften des goldschimmernden Bandes zu Boden fallen. Yaro zuckt schmerzlich zusammen. Ich möchte meine Arme nach ihm ausstrecken und für alle Zeiten auf Freiheit und Unabhängigkeit verzichten, um diesen Schmerz ungeschehen zu machen. Jedoch ich rühre mich nicht. Starr wie eine Statue stehe ich im warmen Sand und sehe hilflos zu, wie Yaro sich umdreht und in der Nacht verschwindet.
Ich bin nur mehr halb.
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Durch das Dickicht der Erinnerungen dringt Dilmons Stimme zu mir.  „Wogegen wütest du also noch? Du bist frei, Aylah.“
„War es diesen Preis wert, Dilmon?“ flüstere ich. Tränen rinnen über mein Gesicht.
Dilmon antwortet nicht. Reglos steht er da. Ich bin unfähig eines klaren Gedankens. Ich habe kein Gefühl mehr für Zeit und Raum. Ich merke nicht, dass die Nacht nicht mehr schwarz ist, sondern sich in sanftem Grau verliert.
Und da plötzlich streckt Dilmon die Hand aus. „Sieh doch, Aylah!“ Und ich sehe es. Ein Leuchten, Strahlen und Funkeln kündigt den neuen Tag an und wie ein Feuerball steigt die Sonne über den Horizont empor. Wärme durchdringt meinen Körper. Ich spüre meine Kraft wiederkehren und meine Daseinsfreude. Und voller Dankbarkeit spüre ich meine Freiheit und Grenzenlosigkeit. Und ich weiß, wann immer Yaro und ich einander wieder begegnen werden, wird es in Freiheit und Grenzenlosigkeit sein.
Ich möchte etwas sagen, doch ich finde keine Worte. „Wenn man keine Worte hat, genügt es auch, zu schweigen!“ höre ich Dilmon flüstern. Und dann geht er durch den weichen Sand davon, ohne mich ein einziges Mal angesehen zu haben.
Meine Blicke folgen ihm, bis er hinter einer Sanddüne verschwindet.
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Ich friere. Das Erwachen ist ernüchtern und erleichternd zugleich. Der Wind dringt durch das geöffnete Fenster. Und mein Traum, den ich eben verlassen habe, hängt noch schwer in meinem Bewusstsein, meinem Körper…
Langsam öffne ich die Augen…
Und erstmals fühle ich – völlig eins mit mir selber – das Auftauchen meiner Seele aus der Dunkelheit in das Strahlen des frühen Morgens.

E.M


Freitag, 12. September 2008

My Way

Als ich begonnen habe, mich mit Yoga auseinanderzusetzen, war ich etwa 38 Jahre alt. Meine Mutter war gerade gestorben. Die Zeit, die ihrem Tod vorangegangen war, war sehr intensiv und auch sehr belastend für die gesamte Familie gewesen – allem voran für meine Schwester und mich. Wir hatten danach das dringende Bedürfnis, diese schwierige Zeit von uns abzuschütteln, und die effizienteste Methode schien uns damals zu sein, augenblicklich irgendeine Aktivität zu starten. Und so entschlossen wir uns dazu, einen Kurs zu besuchen
Meine Schwester - in sich handwerkliches Geschick vermutend - schlug einen Makramee-Kurs vor. Damit konnte ich allerdings überhaupt nichts anfangen. Ich selbst wollte – voller Vertrauen in meine musikalische Begabung - einen Panflötenkurs besuchen, womit wiederum meine Schwester nichts anfangen konnte. So entschlossen wir uns, an einem Yogakurs teilzunehmen, denn damit konnten wir beide nichts anfangen.
Und damit begann mein Leben sich nachhaltig zu verändern.
Meine Vorstellung von Yoga war damals etwas naiv. Ich wusste schon, dass Yoga nicht nur aus Entspannen und Sitzen im Lotussitz besteht, sondern auch körperliche Übungen beinhaltet. Aber erstens war ich mir meiner absoluten Gelenkigkeit sicher, denn ich erinnerte mich noch gut an meine Jugend, in der ich sehr sportlich gewesen war. Ich hatte meine körperliche Beweglichkeit in den letzten 15 Jahren zwar nie überprüft, war aber auch nicht auf die Idee gekommen, sie anzuzweifeln. Und zweitens war ich der Meinung, Yoga sei sowieso etwas für ältere Damen – so eine Art Pensionistenturnen – und ich sah mich im Geiste bereits als unumstrittene Königin einer hilflos der Steifheit des Alters ausgelieferten Damentruppe glänzen.
Nun, die Stunde der Wahrheit kam alsbald. Natürlich waren nicht alle in der Yogagruppe jung, und natürlich waren auch nicht alle gleichermaßen gelenkig. Trotzdem war ich keineswegs der leuchtende Stern am Horizont, denn ich war steif wie ein Brett. Mein Körper hatte sich offensichtlich in der langen Zeit des Nichtstuns in eine Starrheit eingependelt, die er nicht mehr so leicht bereit war, aufzugeben. Ich war nicht mal mehr in der Lage, mit gestreckten Beinen meine Zehen berühren.
Da stand ich nun etwas fassungslos – meiner Illusionen über meinen körperlichen Zustand beraubt. Ich konnte der Erkenntnis, dass ich weder über besonders viel Kondition noch über Gelenkigkeit verfügte, einfach nicht mehr aus dem Weg gehen.
Und so stürzte ich mich ins Vergnügen. Meine Entschlossenheit, etwas zu verändern, war geweckt. Die Übungen fielen mir nur anfangs schwer. Ich lernte wieder, mich selbst wahrzunehmen und meinen Körper zu fühlen. Ich lernte, meine Gefühle zu fühlen. Ich lernte, mich zu entspannen. Und im gleichen Ausmaß, wie meine körperliche Beweglichkeit sich steigerte, steigerten sich auch meine Freude an der Bewegung, meine Freude an mir selbst und meine Freude am Leben.
Zwei Jahre später begann ich die Ausbildung zum Yogalehrer. Der Anfang eines langen, vergnügten, manchmal auch schwierigen, mich in meinen Grundfesten erschütternden Weges des bewussten Lernens und der Entwicklung hatte seinen Anfang genommen.
Seit 1995 halte ich nun Yogakurse ab und darf somit Menschen, die Freude an Yoga haben, ein Stück durch ihre Entwicklung begleiten.



Donnerstag, 11. September 2008

Neue Abenteuer von Pablo und Sam (Leseprobe)

„Sam!!“ Pablo sitzt plötzlich mit besorgtem Gesichtsausdruck vor mir. Ich war gerade dabei, einzuschlafen. Aber wann kann man in Pablos Gegenwart auch schon ruhig schlafen? „Sam, ich fürchte ich bin zu dick!“ Ich hebe den Kopf und blinzle ihn kurz an. „Ja, das bist du. Und noch dazu hast du auch eine komische Nase!“ Damit sinke ich wieder zu Boden und will weiterschlafen. Aber so einfach ist das nicht. „Sam, was soll ich denn nur tun?“ Pablo ignoriert einfach, dass ich schlafen möchte und ist lästig wie eine Meute Fliegen im Sommer. Ich seufze. „Gegen die Nase wird man nichts tun können, aber ansonsten würde ich dir vorschlagen: Friss einfach weniger!“ „Noch weniger?? Geht das überhaupt? Kann man das überleben?“ Pablos Stimme überschlägt sich richtig vor Entsetzen. „Krieg dich ein, Kleiner“, brumme ich, „mir brauchst du hier nicht den Halbverhungerten vorzuspielen! Wenn ich nur die Hälfte von dem fressen würde, was du frisst, würde ich aussehen wie eine Knackwurst!“ Pablo sieht mich verwundert an. „Aber du siehst doch aus wie eine Knackwurst, Sam!“

Ich schnappe nach Luft und setze dazu an, ihm gehörig meine Meinung zu sagen. Aber dann fällt mir ein, dass ich ja wirklich nicht der Schlankste bin, und so verzichte ich darauf und antworte nur friedlich: „Knackwürste haben eine ganz andere Farbe, Pablo.“

Da sitzt er nun und macht ein bekümmertes Gesicht und seine Nase sieht noch sonderbarer aus als sonst.

Er wäre jedoch nicht Pablo, wenn er nicht bald die Lösung seines Problems parat hätte. „Ich werde Hans fragen.“ Und damit huscht er zur offenen Terrassentür hinaus und weg ist er.

Nach einer Weile kehrt er wieder zurück. Selbstzufrieden, mit hoch erhobenem Kopf schreitet er zur Tür herein. Er wirft mir einen uninteressierten Blick zu und strebt zu seiner Futterschüssel. Eine Zeitlang warte ich, ob er was sagt, aber er frisst nur unaufhaltsam vor sich hin. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. „Na und?“, erkundige ich mich neugierig, „was hat Hans gesagt? Pablo frisst bedächtig noch einige Bissen, ehe er sich zu einer Antwort herablässt: „Hans sagt, Katzen müssen so viel fressen, sonst würden sie kläglich verhungern!“

Das halte ich zwar für ausgemachten Schwachsinn, aber ich will nun endlich wissen, was man gegen diese Knackwurstfigur tun kann. „Und was kann man tun, um ein wenig dünner zu werden?“, frage ich daher ungeduldig.

„Klettern, Sam! Da hilft nur Klettern! Und zwar auf Bäume!“ antwortet er lässig und frisst ungerührt weiter.

Nun ist der Kerl wohl vollkommen verrückt geworden. Wie soll ich denn auf Bäume klettern? Ich bin doch kein Eichhörnchen! Und er selber kann ja auch nicht klettern. Zumindest hab ich ihn noch niemals auf einem Baum gesehen.

„Pablo“, beginne ich vorsichtig, denn ich will ihm ja nicht sämtliche Illusionen auf einen Schlag rauben, „wir beide können nicht klettern. Wir sind keine Baumtiere, sondern wir sind Bodentiere!“

„DU bist ein Bodentier, Sam. Ich nicht! Ich bin eine Katze, und Hans sagt, Katzen können gut klettern.“

„Dich möchte ich ein einziges Mal auf einem Baum sehen. Ein einziges Mal nur “, brummle ich vor mich hin. Und damit gehe ich nach draußen und lasse den Angeber einfach stehen.

„Oh glaub mir, Sam, das wirst du“, säuselt er noch hinter mir her. Und dann ist er endlich still....


Willst du wissen, wie es weitergeht? Hier kannst du es erfahren.
Pablo und Sam

Pablo und Sam (Leseprobe)


….Irgendwann kommt Pablo von seinem Abendspaziergang zurück. Es will mir sofort von seinen gefährlichen Abenteuern berichten, aber ich bin nicht in der Stimmung und höre kaum hin. Schließlich merkt er es. „Was ist los mit dir, Sam?“, fragt er, „haben sie dich wieder mal beim Klauen erwischt?“ „Quatsch!“, knurre ich, „ich denke nur gerade über den Sinn meines Lebens nach!“ „So etwas habe ich noch nie gemacht“, gibt Pablo verwundert zur Antwort, „muss man das denn?“ Aber sofort hat er eine Idee. „Da müssen wir Hans fragen, der weiß sicher einen Sinn für dein Leben“, sagt er eifrig. Und damit ist das Thema für ihn beendet und er macht sich auf den Weg zu seiner Futterschüssel.

Ich halte ja nicht viel von diesem Hans. Katzen haben für mich etwas Beunruhigendes. Aber als ich ihm am nächsten Tag begegne, erzähle ich ihm dennoch von meinem Problem.

Hans braucht nicht lang nachzudenken. „Du solltest Berufshund bei der Polizei werden“, schlägt er vor, „da wird dir mit Sicherheit nicht langweilig.“ „Was muss man denn da tun?“ frage ich interessiert. Dass ich auch nicht genau weiß, was eine Polizei ist, das sage ich besser nicht. „Nun, man fängt Einbrecher“, antwortet Hans, „das ist ein schwieriger und verantwortungsvoller Job.“

„Ich glaube gar nicht, dass es Einbrecher wirklich gibt“, seufze ich resigniert, „ich bewache unser Haus schon so lang, und noch niemals ist einer aufgetaucht! Ich weiß doch nicht einmal, wie einer aussieht.“ Hans schweigt ein Weilchen vor sich hin. „Sie sehen furchterregend aus“, sagt er schließlich, „ich weiß das von meinem Urgroßvater. Sie haben schwarze Bärte und riesige Schlapphüte. Meist tragen sie Jacken mit zu kurzen Ärmeln und geflickte Hosen. Über der Schulter schleppen sie einen gewaltig großen Sack, in den sie das geraubte Gold, Silber, Besteck und so weiter hineinstecken. Im Gürtel haben sie ein riesengroßes scharfes Messer stecken. Und ihre Augen funkeln wie Katzenaugen, wenn sie durch die Nacht schleichen!“ Ich schaudere. Das ist ja schrecklich.

„Und bei der Polizei haben sie so viele davon, dass sie Hunde brauchen, um sie alle fangen zu können“, schließt Hans. Ich gucke ungläubig aus dem Fell. Wie soll denn das funktionieren, wo wir nicht einmal einen einzigen für unser Haus haben!

Nachdenklich schleiche ich ins Haus zurück. Bis zum Abend ist mein Entschluss gefasst. „Leute“, sage ich zu meinen Zweibeinern, und ich gebe meiner Stimme einen dramatischen Klang, „leider werden sich unsere Wege nun trennen. Ich gehe zur Polizei!“ „Was ist denn los, Sam?“, antwortet einer von ihnen, „was jammerst du denn so? Musst du etwa raus?“ Oh Gott, sind die heute schwer von Begriff. „Nein“, knurre ich, „ich werde Einbrecherfänger bei der Polizei!“ „Na komm schon, dann gehen wir eben“, seufzt mein begriffsstutziger Zweibeiner und nimmt die Leine. Ich glaube, sie können sich einfach nicht vorstellen, dass ich sie verlasse um ein eigenständiges Leben zu führen, und daher wollen sie mich nicht verstehen. Na, gehen wir eben erst mal spazieren.

Nach dem Spaziergang verziehe ich mich ziemlich bald in meinen Korb. Ich muss ausgeruht sein, wenn ich morgen zur Polizei gehe. Der Job wird nicht einfach werden. Aber ich kann lange nicht einschlafen.

Plötzlich mitten in der Nacht höre ich schwere Schritte. Ich öffne erschrocken die Augen. Vor mir steht ein riesengroßer Mann. Und er sieht genauso aus, wie Hans ihn beschrieben hat....